Full text: 1962 (0090)

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henswürdigkeiten der lombardischen Hauptstadt, 
die doch so gerne Landeshauptstadt werden wollte, 
auf seine Kosten gekommen war, sollte auch der 
Magen sein Recht haben. Dem berühmten „risotto 
milanese", einem Reisgericht, wollte man die Ehre 
antun. Unserem Pitt schmeckte das Gericht vorzüg= 
lieh. Die goldbraunen Reiskörner, gesättigt von 
Fleischbrühe und Ochsenmark, überzogen von Par= 
mesankäse, hatten es ihm angetan. 
„Ottilie, laß dir das Rezept geben! Da ist unsere 
sonntägliche Reissuppe nichts dagegen!" — „Iß 
nicht zuviel, Pitt, du kriegst sonst Sodbrennen," 
mahnte Ottilie. Aber Pitt schlug die Mahnung in 
den Wind und sich eine Unmenge risotto in den 
Magen. Das Ende vom Lied war ein zwickendes 
Bauchweh. Wenn Pitt seitdem den Namen Mai* 
land hört, wird's ihm sofort komisch in der Ma= 
gengegend zumute. 
In Venedig stand die Reisegesellschaft auf dem 
Markusplatz, umflattert von einem Taubenheer. 
Die Tauben und die Futterverkäufer hatten einen 
guten Tag, denn die meisten aus der Reisegesell= 
Schaft waren zum ersten Male in Venedig. Sie lie= 
ßen sich daher die Fütterung der Tauben etwas ko= 
sten. 
Nur Ottilie rührte keine Hand. Geringschätzig be= 
urteilte sie die Lage: „Wie kann man das da nur 
dulden? Schau dir den Dreck an, den die Tauben 
machen! Bei uns wäre so etwas unmöglich!" 
Pitt sah die Sache etwas anders an: „Reg dich doch 
nicht auf, Ottilie! Die Tauben am Saarbrücker 
Hauptbahnhof sind auch nicht reinlicher als die 
hier. Als ich neulich einmal auf der Direktion in 
Saarbrücken war und heimfahren wollte, da hat 
mir doch tatsächlich so eine Taube vor dem Haupt* 
bahnhof . .." 
„Sei still, du Sprichklopper! Guck dir doch nur mal 
die Meiers dort drüben an! Daheim haben sie 
nichts zu reißen und zu beißen, da sie nur vomStot* 
tern leben, aber hier auf dem Markusplatz in Vene= 
dig, da geben sie groß an! Guck nur, wie die Frau 
Meier ihr Geld unter die Tauben wirft!" 
„Sei nicht gehässig, Ottilie! Damals, als es bei 
uns noch Grubenpferde gab ..." — „Sei mir bloß 
still mit deinen Grubenpferden! Da kommt be= 
stimmt wieder so ein fauler Witz wie eben mit den 
Tauben am Saarbrücker Hauptbahnhof!" — „Aber 
Ottilie, du verkennst mich ganz und gar. Ich rede in 
vollem Ernst. Auch bei uns hat damals mancher 
Bergmann sein Schichtenbrot mit dem Pferd ge* 
teilt und ..." — „... um dann nachher seiner Frau 
Vorwürfe zu machen, sie lasse ihn Hungers ster* 
ben. Ich kenne das!" 
Pitt war zu gut gelaunt, um sich über die bissigen 
Bemerkungen seiner Frau aufzuregen. Er kam auch 
gar nicht dazu, denn die Reisegesellschaft wurde in 
den Dogenpalast geführt. Der Atem der Geschichte 
wehte in den Räumen des Palastes. Hier regierten 
einst die Dogen und der berühmte Zehnerrat, die 
unter anderem auch die Einweisung in die berüch* 
tigten Bleikammern aussprachen. Hier war auch 
der Ursprung der europäischen Geheimdiplomatie. 
An der Tür zu einem kleinen Saal sperrte ein rie= 
siges Löwenhaupt seinen Rachen auf, um — wie 
der Reiseführer erklärte — Denunziationen entge* 
genzunehmen. Die Mitglieder des Zehnerrats woll= 
ten nämlich über alles informiert sein, und selbst 
anonyme Mitteilungen benutzten sie als Beweis* 
material. 
Pitt stach der Hafer: „Wie ist es, Ottilie? Willst du 
deine Vorwürfe gegen die Familie Meier und die 
Tauben nicht diesem Löwenrachen anvertrauen?" 
Ottilie wandte sich empört ab und ... stieß dabei 
Frau Meier in die Seite. Die beiden Frauen ent* 
schuldigten sich gegenseitig, kamen in ein Gespräch 
und wurden von da an verträgliche Reisegenossin* 
nen. 
Herr Meier und Pitt kamen sich auch näher, und 
als ein wenig später der Reiseführer seinen mehr 
oder weniger aufmerksamen Zuhörern erzählte, 
daß die Reliquien des Schutzheiligen der Stadt Ve= 
nedig, des Evangelisten Markus, von zwei kühnen 
Gesellen den Ungläubigen in der ägyptischen Stadt 
Alexandria entrissen und, unter Schweinefleisch 
verborgen, zu Schiff nach Venedig gebracht worden 
seien, da erwachte in Pitt der Genuß nach leiblichen 
Genüssen. Im Verein mit Herrn Meier stahl er sich 
weg und landete in einer Osteria, wo er und Herr 
Meier sich an einem köstlichen Fischgericht labten 
und dann wacker einem leichten Landwein zuspra* 
chen. Als die Polizei, aufgeschreckt durch die Weh* 
klagen der beiden Ehefrauen, die beiden Helden 
schließlich entdeckte, machte Pitt mit einer gewich* 
tigen Geste und etwas schwerer Zunge dem Ge* 
zeter der Frauen ein Ende: „Mein Freund Meier 
und ich erleben hier die Antike. Wer das nicht ver* 
steht, soll zu Hause bleiben." 
Die Reisegesellschaft war in Rom eingetroffen. 
Sie wurde an zahllosen altertümlichen Bauten und 
Ruinen vorübergeführt. Am Abend kritisierte Ot= 
tilie: „Ich habe geglaubt, die Amis hätten nur bei 
uns Bomben geworfen. Hier in Rom haben sie aber 
auch ganz schön gehaust." 
Pitt lachte: „Haben sie auch, liebe Ottilie, haben 
sie auch! Ich stelle fest, daß du fundamentale Ge* 
Schichtskenntnisse besitzt und darum in Rom 
durchaus am Platze bist. Die Kultur .. ." 
Weiter brauchte Pitt nicht mehr zu reden. Das 
Stichwort für Ottilie war gefallen: „Hast du die 
Mode hier gesehen? Totschick, sage ich dir! Und 
erst die Schuhe! Ein Gedicht! Ich wette, daß Frau
	        
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