Full text: 1962 (0090)

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v> ic 0i|torie bcs Sc^vocmcn^oufcs in St. YOenbet 
Von Elisabeth Kirch 
eben dem alten Rathaus in St. Wendel erhebt 
sich ein ehrwürdiges Haus, das früher einmal der 
Familie Schwan gehörte. Dieses Haus verdankt 
einer merkwürdigen Geschichte seinen Namen. 
Es war in dem großen Kriege, fremde Söldner= 
scharen zogen im Lande umher, und auch nach 
St. Wendel kam eine Horde roher Landsknechte. 
Außer einem kleinen Stab forscher Marketende= 
rinnen brachte sie einen Knaben mit, der etwa zehn 
Jahre alt sein mochte. Dieser Knabe nun gehörte 
allen und keinem. Schon über sechs Jahre schlepp= 
ten sie ihn mit sich, von Land zu Land, von Stadt 
zu Stadt, von Dorf zu Dorf. 
Unter seinen Augen raubten, plünderten, sengten 
und mordeten sie, und so stahlen sie ihm seine 
Kindheit, um ihm dafür Dinge einzuimpfen, die 
sein Gemüt vergifteten. Er konnte Reden führen 
wie ein abgefeimter Landsknecht und fluchen 
konnte er wie ein Türke. Keiner wußte zu sagen, 
was sie bewogen hatte, den Knaben mit sich zu 
führen. Wenn man ihm aufmerksam ins Gesicht 
schaute, konnte man noch schwache Spuren seines 
früheren Wesens darin erkennen. Es mußte ein 
hübsches Gesicht gewesen sein, in dem sich gute 
Eigenschaften des Herzens ausgeprägt haben. 
Die verwilderten Landsknechte liebten den Knaben 
auf ihre Art; eine Liebe hegten sie für ihn, die sich 
vornehmlich in derben Späßen äußerte. Niemand 
wußte recht, wie es kam, daß sie abzogen und der 
Knabe nicht unter ihnen war. Man fand ihn halb 
verhungert in einem dunklen Kellergewölbe. 
Der Schulze von St. Wendel nahm ihn in ein gründ= 
liches Verhör. Es war aber nicht viel aus ihm her= 
auszubringen. Er zeigte sich verstockt, denn er 
fürchtete den Ortsgewaltigen, von dessen Worten, 
ob liebevoll oder drohend gesprochen, er so gut wie 
Unter seinen Augen raubten, plünderten, sengten und mordeten sie und vergifteten damit sein Gemüt
	        
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