Full text: 1961 (0089)

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kuumwaage sind Gewichtsunterschiede bis zu 
0,000 001 g (1 Millionstel Gramm) genau meßbar. 
Zeitmessungen können heute mit Spezialuhren 
phantastisch exakt durchgeführt werden; so läßt 
sich z. B. die Länge eines Tages auf den zehn= 
millionsten Teil genau, d. h. eine Tausendstel Se= 
künde, stoppen. 
Mikroskop und Fernrohr, Waage und Uhr liefern 
so dem Forscher die Hilfsmittel für seine Arbeit. 
Endlich gesellt sich noch die Mathematik als un= 
entbehrliches Hilfsmittel hinzu. Mit ihr werden 
die Meßergebnisse verarbeitet und zur Vollendung 
unserer Vorstellungen von unendlich Kleinem und 
Großem ausgewertet. 
Versuchen wir nun, mit dem Forscher zunächst zu 
den kleinsten Größen unserer Welt vorzudringen, 
und beginnen wir mit der Frage: Läßt sich ein 
Stoffteilchen, ein Stäubchen, ein Werkstoffkrüm= 
chen, ein Materiepröbchen beliebig weit in immer 
kleinere Teilchen zerspalten, lassen sich die klei= 
neren Teilchen dann abermals zerstückeln, die 
zerstückelten Stückchen wiederum usw., usw.? 
Wir müssen antworten: „Theoretisch ja, warum 
sollte die Teilbarkeit einmal aufhören!" 
Dem aber ist nicht so. Es hat sich gezeigt, daß der 
uferlosen Teilbarkeit eine Grenze gesetzt ist. 
Nimmt man etwa Quecksilber aus dem Thermo= 
meter, unterteilt es in Tröpfchen, das Tröpfchen 
wird zerstäubt, das Stäubchen unter dem Mi= 
kroskop weiter geteilt, das Teilchen hiervon wie= 
derum zerteilt, so bliebe zuletzt eine Teilchen= 
große Quecksilber übrig, die nicht weiter teilbar 
ist: das Atom. 
Wie groß ist ein solches Atom? Um von der Klein= 
heit zunächst eine Vorstellung zu vermitteln, sei 
eine bekannte Tatsache herangezogen. Jedermann 
hat schon beobachtet, wie eine Wasseroberfläche 
in den buntesten Farben schillert, wenn öl in das 
Wasser geraten ist. Bisweilen kann man diese 
Erscheinung schon auf dem nassen Asphalt fest= 
stellen, wenn irgend ein Kraftfahrzeug etwas öl 
verloren hat. Auf See geschieht es, daß Tanker 
öl ablassen, das dann auf viele Quadratkilometer 
die Oberfläche, bunt schillernd, bedeckt, wobei 
gleichzeitig eine unruhige Wasseroberfläche be= 
sänftigt wird. Wir wissen, daß sich das öl in noch 
feinerer als hauchdünner Schicht weithin verteilt. 
Wie dünn ist diese Schicht? Ein einziger Tropfen 
öl kann sich auf 30 Quadratmeter Fläche ausbrei= 
ten, wo überall die Regenbogenfarben das Vor= 
handensein des Öls beweisen. Eine einfache 
Rechnung ergibt, daß der Ölfilm eine Dicke von 
1 Millionste! Millimeter haben muß. Daraus folgt, 
daß die kleinsten Ölteilchen also auch die Dicke 
von 0,000 001 mm aufweisen. Würde sich der 
Tropfen öl auf mehr als 30 qm ausbreiten, erhielte 
man noch eine kleinere Zahl. Es zeigt sich aber, 
daß eine weitere gleichmäßige Ausbreitung nicht 
auftritt, jedenfalls nicht, ohne daß der Ölfilm 
irgendwo aufreißt und die Wasseroberfläche da= 
zwischen erscheint. 0,000 001 mm stellt also eine 
untere Grenze der Dicke dar, und man sagt: Wei= 
ter läßt sich das öl nicht unterteilen, man ist bei 
den kleinsten Bausteinen des Öls angelangt, die 
man die Moleküle nennt, weil das öl kein 
Grundstoff ist, sondern noch wieder chemisch zu= 
sammengesetzt ist aus Kohlenstoff, Wasserstoff 
u. a. — Moleküle sind die kleinsten Bestandteile 
eines chemisch zusammengesetzten Stoffes, wäh= 
rend man die kleinsten Bestandteile eines ein= 
fachen Stoffes (z. B. Quecksilber, Eisen, Blei, 
Sauerstoff) als Atome bezeichnet. 
Ähnliche Beispiele, um die Dicke der kleinsten 
Stoffbauteile erkennen bzw. berechnen zu kön= 
nen, liefert die Parfümzerstäubung. Wo die Waage 
versagt, zeigt uns die Nase noch Parfümteilchen 
an. Sie sind unwägbar — also leichter als 1 MiU 
lionstel Gramm —, aber immer noch riechbar. Auch 
Seifenblasenhäutchen lassen eine Berechnung ihrer 
Dicke zu, und Salzlösungen verraten durch ihren 
Geschmack das Vorhandensein kleinster Bau= 
steine. Der Atomdurchmesser muß also noch klei= 
ner sein als alle Werte, die sich aus solchen Ver= 
gleichsbildern ergeben. 
Durch immer weitere Verfeinerung solcher Berech= 
nungen und Methoden gelang es, die wirklichen 
Atomdurchmesser und Atomgewichte genau zu 
ermitteln, danach beträgt der Durchmesser eines 
Wasserstoff=Atoms 1 Zehnmillionstel Millimeter! 
An dieser und anderen Zahlen ist nicht zu zwei= 
fein; sie sind auf hundertfache Weise ermittelt 
worden, von den verschiedensten Forschern in 
allen Ländern festgestellt, seit 50 Jahren und 
länger bekannt und über jede Kritik erhaben. 
Gleichwohl gibt es immer wieder Menschen, die 
dies nicht wahrhaben wollen. „Man könne doch 
ein einzelnes Atom nicht sehen, nicht auf die Waage 
legen, nicht anfassen usw. Es sei alles nur graue 
Theorie, was von den Atomen erzählt werde." 
Nein, es ist keine Theorie mehr, es ist Wirklich= 
keit. Unsere Kenntnis von der Größe, dem Ge= 
wicht, der Anzahl der Atome ist ebenso fest fun= 
diert wie unsere Kenntnis von der Kugelgestalt 
und der Drehung der Erde oder von der Entfer= 
nung der Erde zum Mond oder der Sonne. Auch 
diese Strecken hat niemand mit dem Zollstock di= 
rekt gemessen. Ihre Größe folgt aus unzähligen 
Beobachtungen im Planetensystem: aus den Um= 
laufzeiten der Gestirne, aus den PIanetenbewe= 
gungen, aus Strahlungsvorgängen, aus Sonnen= 
und Mondfinsternissen. Ganz ähnlich wird die 
Größe der Atome gefunden aus Bewegungen, aus
	        
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