Full text: 1961 (0089)

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„Erraten, Peter. — Heute habe ich den Anzug zum 
erstenmal angezogen." 
„Fein siehst du aus, wirklich! Und die Hosen mit 
dem breiten Umschlag! Solche lasse ich mir auch 
arbeiten. Und die seidne Krawatte wird wohl auch 
nicht billig sein?" 
„Hast schon recht, Peter", und geschmeichelt fin- 
gerte er an der bunten und koketten Schleife, die 
sein Kinn streichelte. „Kostet auch viel Geld. Auch 
mein Hut ist neu." 
„Wirklich, hast ja auch noch eine neue Bombe! 
Pierona, ich müßte bald neidisch auf dich werden!" 
Valek nahm den Hut ab, der tief über dem rechten 
Ohr gesessen hatte, daß die blonde Haartolle jetzt 
ganz zur Geltung kam. „Das ,Neueinkleiden' hat 
mich auch einen großen Zaster gekostet." 
„Dafür wirst du auch beim nächsten Tanzvergnü» 
gen glänzen. Die Mädchen werden sich die Augen 
nach dir ausschauen." Valek fühlte sich sehr ge 
schmeichelt. Plaudernd schritten dann die Freunde 
in den Wald. Das war Valek als Privatmensch. Er 
war der „Modegigei" des Dorfes. 
Die Gläubigen verließen in dichten Scharen die 
Kirche. Die Buxen hatten sie schon als erste ver= 
lassen und ließen die Menschen nun an sich vor- 
übergehen. Valek stand breitbeinig, beide Hände 
hatte er in den Hosentaschen drin. Im linken 
Mundwinkel hielt er eine Zigarre. Dann und wann 
zog er die rechte Hand hervor, um mit ihr durch 
seine Haartolle zu fahren. 
Verstohlen schauten die Dorfschönen den statt 
lichen Burschen an, der aber gleichgültig über sie 
hinwegschaute. Dann aber färbte sich plötzlich 
sein hübsches Gesicht rot wie bei einem Mädchen. 
Valeska Wantoch, eine herbe Schönheit, schritt 
langsam an ihm vorüber. Nachlässig grüßte er mit 
zwei Fingern am Hutrand. Das Mädchen würdigte 
ihn aber keines Blickes, und völlig verdutzt schaute 
er drein. Er liebte Valeska schon von Kindertagen 
her. So aber wie heute hatte Valeska ihn noch nie 
verachtet. Langsam folgte er ihr nach. 
„Seit wann rauchst du denn dicke Zigarren?" 
wurde er von einem Gleichgesinnten spöttisch ge 
fragt; und in seiner ärgerlichen Stimmung ant 
wortete er vorerst nicht. „Wird wohl Marke Ha 
vanna spuck dich aus' sein!" 
„Halte die Fresse!" wurde er grob. „Es ist eine 
echte ,Mexiko Sandblatt', zwei Stück für fünf 
zehn Pfennige." 
Sein Freund lud ihn zu einem Mittagschoppen ein. 
Gern nahm er an, weil der Ärger über seine 
Valeska, die ihn vor kurzem so verächtlich behan 
delt hatte, nicht zur Ruhe kommen wollte. Und 
diesen Ärger spülte er tüchtig mit Schnaps hin 
unter. — 
Lustig spielte am Nachmittag die Schlagerkapelle 
und lockte zum Tanz. Valek lehnte nachlässig am 
Schanktisch und schaute gelangweilt in das fröh 
liche Treiben hinein, wie es sich für einen Bux 
geziemte. Seine Haartolle hing wirr über dem Ohr 
herab, ein Zeichen, daß er nicht mehr ganz nüch 
tern war. Alle seine Freunde umstanden ihn. Plötz 
lich aber straffte sich sein kräftiger Körper. Valeska 
hatte mit ihrem Bruder den Saal betreten und 
nahm nicht weit von ihm an einem Tisch Platz. Sie 
hatte ihn wohl bemerkt, aber getan, als wenn sie 
ihn nicht gesehen hätte. Seit er einen so flegel 
haften Lebenswandel führte, wollte sie von ihm 
nichts wissen. Doch, weil sie ihrem Jugendfreund 
gut war, schmerzte es sie sehr, daß sie so handeln 
mußte. Sie erhoffte sich aber davon eine Besserung 
seiner buxenhaften Lebensformen. 
Valek horchte jetzt nicht mehr auf das Geschwätz 
seiner Freunde. Seine Blicke hingen unentwegt an 
dem blitzsauberen Mädchen, das sich jetzt mit 
einem fremden Burschen im Walzertakte wiegte. 
Er wurde blaß wie der Tod, denn die Eifersucht 
regte sich in ihm. Seine Freunde hänselten ihn, 
denn sie wußten ja, wie es um ihn stand. Hastig 
goß er einige Schnäpse hinunter, um sich zu be 
täuben. 
Ein schmalziger Tango lockte die Tänzer. Valek 
nahm allen Mut zusammen, schritt auf Valeska zu 
und blieb dann drei Schritte vor ihr stehen: „Va 
leska!" — 
Die Gerufene schaute auf. Da pfiff er halblaut und 
forderte sie dabei mit einem energischen Kopf 
nicken zum Tanze auf, denn so lässig benahmen 
sich alle Buxen. Valeska rührte sich aber nicht vom 
Fleck. Da erst schritt er vollends bis zu ihrem 
Stuhl. 
„Warum willst du nicht mit mir tanzen?" fragte 
er mit einer finsteren Miene, und seine Stimme 
zitterte vor Erregung. Aber Valeska schaute ihm 
furchtlos in die Augen, so daß er seine Blicke 
senken mußte. „Nur ein „Hacher" ladet sein Mäd 
chen so zum Tanze ein, wie du es eben gemacht 
hast." 
Er zuckte bei diesem Schimpfnamen heftig zusam 
men. „Du bist ein Hacher geworden, und mit 
einem Hacher will ich nichts mehr zu tun haben." 
Wie Keulenschläge trafen ihn diese Worte. Er ein 
Hacher! — Wo er sich doch einbildete, das reine 
Gegenteil zu sein. Er wollte dagegen protestieren, 
aber schon hatte Valeska sich wieder hingesetzt 
und ihm den Rücken zugekehrt, obwohl ihr Tun 
sie selbst schmerzte. Aber es mußte sein! 
Da schritt Valek langsam wie betäubt zum Schank 
tisch zurück. Seine Freunde empfingen ihn mit 
spöttischen Blicken. Einer von diesen, eigentlich 
sein Widersacher, der ihm die Führung der Buxen
	        
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