Full text: 1960 (0088)

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Spiegelmensch, ein Kupferstich von Nicolas de l'Armessin 
(Anfang des 18. Jahrhunderts) 
sich nur ein lebendiger Kopf befindet. Natürlich 
kniet die Person unter dem Tisch und hat nur 
ihren Kopf durch ein Loch in der Tischplatte ge= 
steckt. Den knienden übrigen Körper verdeckt 
eine Spiegelplatte, die übereck zwischen zwei 
Tischbeine (z. B. links hinten und rechts vorn) 
senkrecht eingepaßt ist. Der Tisch erscheint unter 
der Platte leer. Das verdeckte hintere (vierte) 
Tischbein wird vorgetäuscht, indem der Spiegel an 
dieser Stelle das zugehörige Vorderbein spiegelt. 
Einen sehr ähnlichen Trick zeigt man neuerdings 
mit einer raffinierten Spiegeleinrichtung unter der 
Bezeichnung „Mensch ohne Kopf"! 
Großartige Illusionen, z. B. Geistererscheinungen, 
werden mit Spiegeltricks gezeigt. Bisweilen versu» 
chen Schlaumeier die Schausteller zu entlarven, 
indem sie — mit Taschenlampen und Taschenspic= 
gel bewaffnet — Lichtreflexe auf die Apparaturen 
der Bühne werfen. Jeder Spiegel muß das Licht 
zurückwerfen und sich dadurch unweigerlich ver» 
raten. 
Interessant ist das Verhalten vieler Tiere vor dem 
Spiegel. Kanarienvögel im Bauer sehen ihre Spie» 
gelbilder als Artgenossen an, Kanarienhähne 
kämpfen sogar mit ihren Bildgegnern, Affen hal» 
ten Taschenspiegel ganz dicht ans Auge und schei» 
nen sich gewissermaßen selbst zu hypnotisieren. 
Hunden springen bisweilen bellend hinter den 
Spiegel. Katzen reagieren kaum. Hennen sollen 
ihre Küken von einem Spiegel wegscheuchen. 
Spiegelpaläste sind der Beweis dafür, daß die Er» 
bauer sich besondere Eindrücke davon versprachen. 
Spiegelkabinette fanden sich in fast allen Schlös» 
sern der Renaissancezeit (15. bis 17. Jahrhundert). 
Räume scheinen stark vergrößert, Lichtreflexe be= 
leben, Spione sind entweder leichter zu entdecken 
oder zu verstecken. Die Eitelkeit kann sich selbst» 
gefällig demonstrieren. Der Dichter Wolfram von 
Eschenbach singt im Parzival von einer seltsamen 
Spiegelsäule: 
„Da fand er Wunder übergroß, 
Daß ihn das Schauen nicht verdroß. 
Ihn deuchte, daß er Fern und Nähe 
In der Säule gespiegelt sähe. 
Die Länder drehten sich im Kreise, 
Es drängten sich in Kampfesweise 
Die großen Berge aneinander, 
In der Säule fand er 
Leute reiten, Leute gehen." 
Magische Spiegel werden überaus häufig in der 
Literatur erwähnt. Das Märchen vom Schneewitt» 
chen und der bösen Stiefmutter mit dem „Spieg» 
lein, Spieglein an der Wand ..kennen wir alle. 
Spiegel, die die Untreue anzeigen oder die Zukunft 
Voraussagen, treten häufig auf. Goethe läßt den 
Faust in der Hexenküche in einen Zauberspiegel 
sehen: 
„Was seh ich, welch ein himmlich Bild 
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel, 
O Liebe, leihe mir die schnellsten deiner Flügel! 
Und führe mich in ihr Gefild. 
Wehe mir, ich werde schier verrückt. . ." 
So schaut Faust in die Zukunft und begehrt, daß 
der Teufel ihm „die Schöne" zuführe. 
Venezianischer Spiegel (um 1500)
	        
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