Full text: 1958 (0086)

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Er saß neben mir in der Schulbank, immer be 
häbig, immer ruhig, nie aufgeregt. Wir hatten ihn 
alle gern. Weil der liebe Gott anscheinend bei 
ihm eine zweite Portion Verstand mit einer zwei 
ten Portion Herzensgüte vertauscht hatte, war 
unser lieber Pitt im Unterricht gerade keine 
Leuchte, dafür aber als Kamerad umso besser. Ich 
will nicht daherreden, aber einen zweiten derart 
hilfsbereiten, immer gütigen Menschen habe 
ich in meinem Leben selten angetroffen. Wir 
brauchten bei unseren Spielen nur den Mund 
aufzumachen, „Klicker-Pitt" war sofort bereit, 
uns zu helfen. 
Er war, wie gesagt, im Unterricht gerade keine 
Leuchte. Auch beim Spielen ließ er sich gerne 
übertölpeln. Wir taten es aber nur selten, zu un 
serer Ehre sei es gesagt! In einem aber war uns 
Pitt über: im Klickerspielen. Ganz besonders bei 
„Kaiser und König" war er unschlagbar. Mit un 
nachahmlicher Geste zerrte er mit der linken 
. . . und dann zielte er mit der rechten Hand und 
warf die Kugel todsicher 
Hand den rechten Rockzipfel nach links hin, 
zielte mit der rechten Hand, in der die Glas 
oder Stahlkugel lag, und warf dann die Kugel 
todsicher auf einen der beiden Klicker in der 
obersten Reihe. Alle Klicker, die in den anderen 
Reihen dahinter saßen, gehörten dann ihm. Tn 
diesen Dingen war er eben der „Klicker-Pitt", 
gegen den niemand aufkam. Hatte er uns die 
Klicker abgewonnen, gab er sie uns zum Schluß 
fast immer wieder zurück. Er konnte eben nie 
mand mit einem betrübten Gesicht sehen. 
Dabei war er zu Hause selber nicht auf Rosen 
gebettet. Seinen Vater hatte die Grube geschla 
gen, die Mutter brachte seitdem ihre sechs Kin 
der, so gut es eben ging, durch das Leben. „Klik- 
ker-Pitt" war der Jüngste in der Geschwister 
schar. Zwei Brüder schafften bereits auf der 
Grube, eine Schwester war schon verheiratet, 
eine andere ging in die Lehre zu einer Näherin 
und die dritte drückte noch die Schulbank. 
Wenn wir so unter uns auf alles Mögliche zu 
sprechen kamen, auch auf das, was wir später 
einmal werden wollten, war es jedesmal der 
„Klicker-Pitt", der seinen Beruf klipp und klar 
angeben konnte. „Ich werde Bergmann!" Wir 
stammten fast alle aus Bergmannsfamilien, und 
es war damals — in den schlechten Zeiten des 
Bergmanns Ende der zwanziger Jahre — zur Ge 
wohnheit geworden, daß wir Buben es den Alten 
nachsagten: „In das Loch fahren wir nicht ein. 
Wir wollen etwas anderes werden!" Darum über 
raschte uns die Berufswahl von „Klicker-Pitt". 
Sie überraschte uns um so mehr, als er zäh und 
bestimmt daran festhielt, während wir anderen 
innerhalb einer Woche sieben verschiedene Be 
rufe anstreben wollten. 
Na ja, es war eben der „Klicker-Pitt", der bei 
aller Gutmütigkeit ab und zu einen festen Wil 
len zu erkennen gab. Schließlich hatte er ja auch 
keinen Vater mehr, der ihm einen anderen Be 
ruf hätte auswählen können. 
„Pitt, ich würde an deiner Stelle nicht auf die 
Grube gehen. Denk' doch an deinen Vater!" 
„Gerade, weil ich an ihn denke, werde ich 
einfahren. Oder glaubt ihr, ich werde jemals an 
einer anderen Stelle arbeiten, als an der,wo mein 
Vater sein Leben lassen mußte? Ich mache dort 
weiter, wo mein Vater aufgehört hat." 
Wenn Pitt solches sagte, fühlten wir, daß die 
Schulweisheit noch lange nicht die höchste aller 
Weisheiten ist; denn unser „Klicker-Pitt", der, 
wie gesagt, in der Schule keine Leuchte war, 
übertraf uns in den Dingen des Lebens gar man 
ches Mal. Wir wußten diese Dinge nicht zu be 
nennen; doch ahnten wir damals schon, daß es 
im Leben nicht nur mit dem Einmaleins abgeht. 
Auch „Klicker-Pitt" mußte viele Jahre später 
feststellen — Gott sei’s geklagt! — daß gerade 
den Gutmütigen die Schlange der Bosheit beute 
gierig beißt. — 
Nach der Schulzeit riß das Band unserer Schul 
freundschaft nicht gerade auseinander, er 
schlaffte aber mit der Zeit, denn wer sich nicht 
immer von Angesicht zu Angesicht gegenüber 
sieht, dem entschwinden vertraute Züge, an de 
ren Stelle neue Gesichter, die gerade um einen 
herum sind, auftauchen. Gewiß, wir blieben in 
Verbindung miteinander. Einige der Schulkame 
raden waren doch Bergleute geworden, obwohl 
sie früher nicht „in das Loch fahren" wollten. 
Andere gingen in die Handwerkslehre, ein paar 
wenige sogar auf das Gymnasium. 
„Klicker-Pitt" war auch auf der Grube der alte 
geblieben. Vor Ort war er beliebt, und selbst 
die Hänseleien der Arbeitskameraden über sein 
schüchternes Gehaben den Mädchen gegenüber 
waren weniger derb, als sie sonst anderen ge 
genüber waren.
	        

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