Full text: 1958 (0086)

206 
An Benedetto Bianchi hätte kein Mensch mehr 
gedacht, wenn nicht Max, das Roß des Bauern 
Hasler, gewesen wäre, und der Knecht Daniel, 
der vierzehn Tage nach dem Verschwinden 
Bianchis mit einem zweirädrigen Karren Holz 
aus dem Bergwald holte. Die Zufahrt zu der 
Stelle, wo die schon abfuhrbereiten Scheite auf 
gestapelt waren, ging über eine mäßig anstei 
gende Fläche, die man das „Dörni" nennt — wie 
der Name sagt: ein von Dornen und Gestrüpp 
bewachsenes Stück Land mit teils sandigem 
Boden, teils von Geröll bedeckt. Die alljährlich 
hier niedergehenden Lawinen häuften es auf, 
und es wäre unmöglich gewesen, aus dem Dörni 
Kulturland zu schaffen. Füchse und Dachse hüte 
ten dort ihre Baue, außerdem gab es sehr viele 
Vipern, so daß das Gebiet selten betreten wurde. 
Ein Pfad führte nicht darüber hin, und mit einem 
wirklichen vierräderigen Wagen wäre Daniel 
nicht durchgekommen, sondern hätte einen lan 
gen Umweg nehmen müssen, um zum Holz zu 
gelangen. Doch mit dem Karren ging es holter- 
dipolter über Stein und Gesträuch, und die 
Vipern fürchtete der Knecht nicht, weil er wußte, 
daß sie harmlos waren, bei der geringsten Er 
schütterung des Bodens flohen, froh, wenn man 
ihnen nichts tat. 
Daniel war eben ein besinnlicher Mann, zu 
rückgezogen, ja scheu vor den Menschen, aber 
unermüdlich im Beobachten der Natur, ob sie 
sich nun in einer flüchtig hingleitenden Schlange 
äußerte oder in Max, dem Roß, mit dem den 
Knecht eine gute Kameradschaft verband. Er 
polterte also mit dem Karren durch das Dörni 
und half Max dort, wo es etwa zu hart ging, in 
dem er in die Speichen griff und den Karren 
lüpfte. 
Da blieb das Roß stehen, unvermittelt und die 
Vorderhufe in den Boden gestemmt. Da kein 
sichtlicher Grund für solches Verhalten bestand, 
hätte jeder andere Fuhrmann den Gaul durch 
Zurufe, Peitschenknallen oder gar Schläge zum 
Weitergehen angetrieben. Daniel jedoch vergaß 
augenblicklich den Zweck der Fahrt und stellte 
sich die Frage: warum bleibt der Max stehen? 
Er kannte seinen Gefährten genau und wußte, 
daß ein sehr zwingender Grund vorhanden sein 
mußte. Und vor allem: er beobachtete ihn sofort. 
In diesem Augenblick gab es für Daniel nichts 
Interessanteres als das Pferd. Mir hat er dann, 
während im Dorfe und später in den Zeitungen 
die phantastischen Berichte von mystischen 
Ahnungen, vom sechsten Sinn und unheilwit 
terndem Instinkt des Tieres umgingen, erzählt, 
wie es war. 
„Ich habe sofort gewußt, daß der Max was 
schmeckte" — wobei er für Riechen das landes 
übliche Wort verwendete. „Er hatte die Nüstern 
gebläht und sog die Luft ein, wobei er Zeichen 
sichtlicher Aufregung und Unruhe gab. Und 
zwar schmeckte er nicht nach oben oder gerade 
aus, sondern gegen den Boden zu. Die wenigsten 
Menschen wissen, wie unendlich fein das Ge 
ruchsvermögen des Pferdes ist. Man glaubt, es 
empfange seine Wahrnehmungen durch die 
Ohren oder Augen, aber diese spielen nur eine 
untergeordnete Rolle. Das Pferd ist ein Nasen 
tier, genau wie der Hund. Man könnte es ohne 
weiteres wie diesen zum Fährtensuchen verwen 
den, wenn es nicht ein Pflanzenfresser wäre, da 
her also kein Interesse an der Spur eines Hasen 
oder Rehes hat. Hingegen ist ihm die Witterung 
des Menschen vertraut, und in diesem Falle wit 
terte es eben einen Menschen. Außerdem mußte 
ihn an diesem Menschen etwas erschrecken, das 
zeigte das ängstliche Verhalten des Tieres." 
So ungefähr, nur in schlichter, mundartlicher 
Ausdrucksweise, berichtete mir der Knecht. Die 
Stelle, wo Max um keinen Preis weitergehen 
wollte, war eine flache Mulde, mit Sand und Ge 
röll erfüllt. Da keine Pflanzendecke vorhanden 
war, gab es auch kein Anzeichen dafür, daß hier 
gegraben worden war, denn der Boden war 
leicht und unauffällig dem Terrain des Dörni 
gleichzumachen. 
Aus dem Verhalten Maxens jedoch erkannte 
der Knecht, daß hier trotzdem etwas verborgen 
war — etwas! Ein düsteres Geheimnis. Er um 
ging die Stelle, wobei ihm das Pferd willig folgte, 
erreichte den Holzstoß, lud ihn auf und brachte 
ihn auf dem gut fahrbaren Umweg ins Tal. 
Dann jedoch stach ihn die Neugierde. Er hatte 
sich den Platz gut gemerkt und ging mit Schau 
fel und Harke abends hin. In einem halben Meter 
Tiefe fand er die Leiche des Benedetto Bianchi. 
Sie war ihrer Kleider beraubt, und auch das 
Geld, seine Ersparnisse, waren verschwunden. 
Er war durch mehrere Messerstiche getötet 
worden. 
Den Mörder hat man nie gefunden. Aber das 
wesentliche an diesem Bericht ist nicht der 
Raubmord, sondern das Verhalten des Pferdes, 
das keineswegs etwas Unerklärliches, mit einem 
uns unbegreiflichen Ahnungsvermögen zu deu 
tendes hat, sondern auf eine natürliche Erklä 
rung zurückzuführen ist. 
NEUFANG [njb] - 
MALZBIER
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.