Full text: 1958 (0086)

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Arbeiter in die Fabriken und Gruben brachte, 
zur Universität und hörte Vorlesungen. „Unser 
Sohn, der Student“, pflegte sie von ihm zu 
sprechen. 
Um diese Zeit hörte sie, daß die Bürger- 
meisterstelle von X. vakant geworden sei. Sie 
wurde ungeduldig. Sie fragte ihn nun öfters als 
vordem, wielange es wohl noch dauere bis zum 
Staatsexamen. Er meinte: „Als Jurist brauche 
ich mindestens acht Semester. Kannst du nicht 
warten?" Er hatte erst drei. Mein Gott, dachte 
sie, noch fünf, noch zweieinhalb Jahre! Ob ich 
das noch erlebe? Sie drängte ihn aber nun nicht 
mehr. So verging wieder ein Jahr. Er fuhr nun 
öfters zur Universität, blieb auch manchmal 
drei, vier Tage weg. Er arbeitete mit zwei ande 
ren Kommilitonen zusammen, erklärte er ihr, 
auf deren Bude. Aufs Examen hin. Sie fragte, 
was für junge Leute das seien, aus welchen Ver 
hältnissen sie stammten, was ihre Väter seien, 
Frage auf Frage. Manchmal schilderte er ihr 
alles voller Geduld, nannte die Straßen, in de 
nen sie wohnten, die Namen, die Berufe der Vä 
ter, beschrieb kleine Sonderlichkeiten, ein ander 
mal brauste er auf, und sie erklärte sich sein 
auffahrendes Wesen mit der Angst vor dem 
nahen Examen. 
Da brachte ihr eines Morgens der Briefträger 
eine Postkarte: „Wenn was in der Familie nicht 
stimmt, erfährt es der Hausvater immer zu aller 
letzt. Passen Sie auf Ihren Sohn auf! Eine, die es 
wohl mit Ihnen meint." Sie las die Worte immer 
wieder. Sie schüttelte den Kopf. Die Karte war 
in der Stadt aufgegeben. Die Schrift war ihr un 
bekannt. Ortwin war wieder einmal in der Stadt 
bei seinen Mitstudenten geblieben. Ihn konnte 
sie also nicht fragen. Sie mußte warten, bis er 
heimkam. Die Unruhe bohrte und bohrte in ihr, 
und in höchster Anspannung wartete sie stünd 
lich auf Ortwins Rückkehr. Sie erwog den Ge 
danken, an Josef zu schreiben, aber dann ver 
warf sie ihn wieder. Josef war jetzt nicht der 
rechte Mann, ihr zu helfen. So vergingen zwei 
Tage, drei Tage. Ortwin kam nicht. Und wenn 
sie an die Universität schrieb? Auch das ließ ihr 
Stolz nicht zu. In diesen Tagen, allein und mit 
ihren Gedanken beschäftigt, kam ihr plötzlich 
so manches an Ortwin fremd und unerklärlich 
vor. Warum hatte ihn nie einmal einer der Mit 
studenten besucht? Warum erzählte er kaum 
von seinen Professoren? Warum brauchte er 
plötzlich keine Bücher mehr? Warum — sie war 
ja in diesen Dingen dumm und unerfahren — 
warum fand sie bisweilen, wenn sie seine Stube 
aufräumte, diese Stöße von broschürten Roma 
nen mit diesen bunten, glänzenden Deckeln, auf 
denen meist ein Mädchenkopf abgebildet war, 
häßliche Mädchen mit knallrotem Haar und die 
sen herausfordernden, verkommenen Augen? 
Warum keine Bücher mit Paragraphen, wie sie 
ihr Vater im Bücherschrank gehabt hatte, alle 
grün eingebunden, eins wie das andere? 
Von einer bösen Ahnung getrieben, raffte sie 
sich eines Morgens auf, verschloß das Haus und 
bestieg den Omnibus. 
„Na, auch mal in die Stadt?" fragte sie der 
Nachbar, der mit ihr fuhr, zu seinem Arbeits 
platz an einer neuen Kirche in der Stadt. „Sicher 
mal den Jungen besuchen?" 
Saß er untätig da, spornte sie ihn an: 
„Guck in die Bücher, Ortwin! Immer lernen!" 
Sie nickte nur. Die Fahrt von Dorf zu Dorf, 
das ständige Halten, das Einsteigen und Aus 
steigen machten sie nervös. Und immer wieder 
in ihr diese Worte: „Ortwin, Ortwin, was tust 
du mir an!" Sie hatte das Gefühl, als fahre sie 
in einen Abgrund. Sie ging zum Polizisten und 
erkundigte sich, wie sie zur Universität komme. 
Dann $aß sie wieder im Omnibus. Sie fuhr wie 
durch Nebel. Der Wagen war voller junger 
Leute, vermutlich Studenten und Studentinnen. 
Neben ihr saß ein junger Mann und las in einem 
Buch mit Paragraphen. Manche Wörter waren 
rot, andere blau unterstrichen. Sie sah es voller 
Neid, voller Furcht, dann faßte sie sich plötz 
lich ein Herz und fragte ihn, ob er einen Stu 
denten namens Ortwin Soundso kennne. Er 
überlegte. „Nein!" sagte er kopfschüttelnd. 
„Von welcher Fakultät?" Sie sagte: „Er studiert 
Jura". Da zuckte er die Achsel. „Leider unbe 
kannt!" und las emsig weiter. 
An der Universität war ein Student seines 
Namens nicht eingetragen. Jetzt nicht und frü 
her nicht. 
„Das ist doch unmöglich", sträubte sie sich. 
Die Sekretärin blätterte wieder, suchte in der 
Kartei.
	        

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