Full text: 1957 (0085)

wunderung zusah. Die Buben spielten unter Füh 
rung Hansi’s nämlich „Almauftrieb“, das heißt, 
einige von ihnen wurden von dem Anführer 
kurzerhand zu Kühen gemacht, während die 
Ubriggebliebenen sich in echte Schweizer Sennen 
verwandelten. Der alten Bergehalde wurde es 
wahrhaftig nicht mehr langweilig. Einmal schlepp 
ten die Buben gar Holzbalken hinauf und be 
gannen eine Grube auszuheben, über die sie die 
herbeigeschleppten Holzstämme legten. Die Senn 
hütte war fertig. Nach Ansicht des Schweizer Bu 
ben gehörte eine solche nun einmal auf eine Alm, 
und kindlicher Phantasie sind keine Grenzen ge 
setzt. Aus der ärmsten Hütte vermag sie ein 
Königschloß zu machen — und aus einer Grube 
mit einem Holzdach die schönste Sennhütte. 
Der Schritt der Zeit ist gleichmäßig, aber durch 
nichts aufzuhalten. Einmal kam ein Frühjahr, in 
dem die alte Bergehalde vergeblich nach dem 
kleinen Schweizer Buben, der nun eigentlich gar 
nicht mehr so klein war, und seinen Spielkame 
raden Ausschau hielt. Sie wartete Tag für Tag, 
aber kein Jodler kündigte ihr mehr die Ankunft 
des Buben an, kein fröhliches Rufen durchbrach 
die Einsamkeit, die sie nun umgab. Höchstens, 
daß ein altes Weiblein, das sich im Walde ein 
Bündel Holz zusammensuchen wollte, an ihr 
vorübereilte, oder ein Spaziergänger daherkam, 
der sie kaum beachtete und den Blich auf das 
zarte Grün des Laubdaches gerichtet hielt. 
Der Sommer kam und nach ihm der Herbst 
mit reichem Erntesegen. Als der Winter die alte 
Bergehalde freundlich mahnte, das weiße Kleid 
wieder anzuziehen; stand die Sennhütte des klei 
nen Schweizer Buben immer noch verwaist. Und 
so blieb es lange Zeit. Die alte Bergehalde wech 
selte ihre Kleider viele Male und dachte an den 
Buben, der nicht mehr zu ihr kam. 
Eines Tages hörte sie zwei Spaziergänger über 
Krieg, Not und Elend sprechen. Sie wußte nicht, 
was das war: Krieg. Aber sie fühlte, daß es 
etwas Schreckliches sein mußte, weil es die 
Menschen so bedrückte. Einige Nächte später 
wurde sie durch ein ohrenbetäubendes Brummen 
in der Luft, das schier kein Ende nehmen wollte, 
aufgeschreckt. Nicht lange darauf erfüllte ein 
schreckliches Bersten und Krachen die Luft, und 
die alte Bergehalde dachte erschrocken: „Das ist 
der Krieg, das muß der Krieg sein!“ Lange und 
nachdenklich blickte sie zu der glutroten Wand 
hinüber, die ganz plötzlich die Nacht zum Tage 
machte. 
Am nächsten Tag kamen die gleichen Spazier 
gänger wieder, und sie hörte einen von ihnen 
sagen: „Gestern haben sie mir meinen einzigen 
Sohn geholt. Heute morgen mußte er schon in 
Heidelberg sein!“ Dann liefen sie erschrocken zum 
schützenden Wald hinüber, denn das Brummen 
begann wieder, und drei große Vögel flogen tief 
über die alte Bergehalde hinweg. Die aber dachte: 
„Der Krieg hat auch gewiß meinen kleinen Schwei 
zer Buben geholt!“ Und traurig dachte sie über 
den bösen Krieg nach. 
An das Brummen und Krachen gewöhnte sie 
sich mit der Zeit, zumal es eines Tages gar nicht 
mehr aufhören wollte. Es kam immer näher und 
näher. Und immer mehr Menschen in Kleidern, 
die sie vorher nie gesehen hatte, liefen in den 
Wald hinein und wieder heraus. Sie hatten feuer 
speiende Prügel bei sich und große Rohre, die 
auf Rädern standen und furchtbar donnerten. 
Nicht lange aber, so wurden sie in den Wald 
hineingebracht, und die alte Bergehalde sah nur 
noch Menschen, die in den Wald hineinliefen und 
nicht mehr herauskamen. Hinter ihnen kamen 
große, feurige Kugeln geflogen, die sich tief in 
das graue Kleid der Bergehalde hineinbohrten 
und dieses auseinanderrissen, hinter ihnen kamen 
schreckliche Ungetüme, die sich auf Ketten fort 
bewegten und ohne Unterlaß donnerten. Viele 
der armen Menschen ließen sich zu Boden fallen, 
ehe sie den Wald erreicht hatten, und rührten 
sich nicht mehr. „Sie sind müde und schlafen“, 
dachte die alte Bergehalde und hatte Recht. Sie 
waren müde und schliefen den ewigen, den ewigen 
Schlaf. 
Dann geschah es. Mit den letzten der Flüch 
tenden kam auch ein junger Mensch, der plötz 
lich innehielt und dann seine Richtung änderte. 
Ohne auf die Zurufe seiner Kameraden zu achten, 
lief er auf die erstaunte Bergehalde zu, kroch über 
die grauen Steine hinauf — auf die Sennhütte zu, 
die unversehrt geblieben war und noch immer 
auf den kleinen Schweizer Buben wartete. Ohne 
zu zögern hob der junge Mensch den richtigen 
Balken hoch, der den Buben einst als Türe diente, 
und kroch in die schützende Grube hinein. 
Die alte Bergehalde hätte auf jubeln mögen. Sie 
hatte ihren Schweizer Buben wieder, denn kein 
anderer konnte es sein. Sie wartete darauf, daß 
er ein Jodler ausstoßen würde, aber er verhielt 
sich ruhig, und statt des Jodlers kam ab und zu 
nur ein leises Wimmern aus der Grube. 
Erst spät in der Nacht wurde alles ruhig. Das 
Schießen klang entfernter, die alte Bergehalde 
lag wieder verlassen da, und nur auf der ent 
fernten Straße dröhnten Motore ohne Unterlaß. 
Da entstieg der junge Mensch seiner Grube, müh 
sam kroch er an der Bergehalde herunter, und 
vorsichtig schritt er dem Dorf zu; ohne die alte 
Freundin noch eines Blickes zu würdigen. Aber 
die Bergehalde war ohnehin glücklich, — sie 
hatte ihren Schweizer Buben wieder gesehen. — 
Zweimal hatte sie ihr Kleid gewechselt und in 
der Welt war es wieder ruhig geworden. Da 
kamen eines Tages zwei junge Menschen vom 
Dorf herauf, eine Frau und ein Mann. Der 
letztere blickte ernst zu der alten Bergehalde 
hin und sagte: „Siehst du, Anna, dieser guten, 
alten Halde habe ich es zu verdanken, daß ich 
das bittere Los der Gefangenschaft nicht zu er
	        

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