Full text: 1957 (0085)

die alte 
Bergehalde 
Wer beachtet sie wohl noch, die alte Berge 
halde, die drüben am Waldrand hodi in den 
Himmel hineinragt? Längst schon ist dort das 
Geratter der Förderwagen verstummt, und nur 
selten wird die Stille unterbrochen, die den 
grauen W T all einhüllt. 
Ja, die alte Bergehalde ist einsam geworden. 
Im Winter zieht sie ein weißes Kleid an und 
träumt, oder sie plaudert mit dem hungernden 
Wild, das vom nahen Wald herüberkommt, und 
dem der böse Frost arg zusetzt. Vom jungen Lenz 
sprechen sie dann wohl, von sonnenerfüllten Ta 
gen und milden Sommernächten. Die armen Tiere 
vergessen für einige Stunden ihr jährlich wieder 
kehrendes Leid, und wenn sie frierend in den 
Wald zurücklaufen, dann wissen sie, daß auch 
dieser Winter nicht ewig andauem kann. 
Im Frühjahr aber kommt zu der alten Berge 
halde ihre Freundin, die übermütige Meise, und 
singt ihren Spottvers auf den Winter: 
„Herr Winter, Ihr seid alt und schwach, 
Ihr müßt das Bündel schnüren. 
Der Frühling küßt die Blumen wach 
und will fortan regieren.“ 
Dann kommt es wohl vor, daß der erzürnte 
Winter noch eine Hand voll Schnee nach ihr wirft, 
aber er ist wirklich alt und schwach und seine 
Tage sind gezählt. Der junge Frühling lacht ihn 
aus dem Land und gar bald denkt niemand mehr 
an den griesgrämigen Alten. 
In diesen Tagen schmückt sich auch die Berge 
halde. Das weiße Kleid streift sie fröhlich ab und 
zieht ein neues an. Es ist ein graues Gewand, 
durchwirkt mit dem leuchtenden Silber der Bir 
ken und dem Grün des schwellenden Mooses. Im 
mer wieder kommen die Bewohner des Waldes 
zu ihr, um sie zu bewundern und ihr zu sagen, 
wie schön sie sei. Die alte Bergehalde aber lächelt 
leise und wehmütig vor sich hin. Die braven Tiere 
sind jetzt noch ihre einzigen Freunde. Einmal. . . 
Ja, einmal war noch ein kleiner Bub da, den 
das harte Schicksal aus seiner Heimat, der fernen 
Schweiz, vertrieben hatte. Seine Eltern waren ge 
storben und ein Bruder seiner Mutter brachte 
das Büblein an die Saar, in das Dörfchen, das 
nicht weit von der Bergehalde entfernt liegt. 
Als Hansi die alte Bergehalde zum ersten Mal 
sah, stieg ein trockenes Schluchzen in der kleinen 
Kehle auf. So ragten in seiner Heimat die Berge 
gen Himmel, und wenn eine Halde unserer Hei 
mat auch keine Ähnlichkeit mit einem Schweizer 
Gebirge zeigt, so regte sich in dem Büblein doch 
der Wunsch, einmal hinaufzuklettem, um von der 
Höhe herab sein Leid in die Welt zu singen. Ver 
wundert sah die alte Bergehalde dem Beginnen 
des kleinen Menschen zu, angstvoll bangte sie 
um ihn, wenn er auf dem nachgebenden Geröll 
ausglitt, und erleichtert atmete sie auf, als er 
endlich oben angelangt war. Dort setzte sidi das 
kleine Büblein auf einen großen Stein und be 
gann mit glockenreiner Stimme die Lieder seiner 
Heimat zu singen. — Das war der Tag, an dem 
die alte Bergehalde den Schweizer Buben zum 
erstenmal sah und ihn liebgewann. 
Von nun an kam er jeden Tag zu ihr. Er ver 
gaß seinen Schmerz um die verlorene Heimat, mit 
der Zeit wurden die sehnsüchtigen Lieder zu 
fröhlichen Weisen, und oft schickte er einen kräf 
tigen Jodler ins Dorf hinunter, wo die Leute sich 
verwundert anblickten. „Der verrückte Schweizer 
Bub ist wieder oben!“ sagten sie dann wohl und 
schüttelten den Kopf. Der „verrückte Schweizer 
Bub“ aber verlebte alle seine freien Stunden auf 
der alten Bergehalde, sang und jodelte, und eines 
Tages brachte er auch ein paar Spielkameraden 
mit. Nun begann ein fröhliches Treiben, dem die 
gute, alte Bergehalde mit Vergnügen und Ver-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.