Full text: 1957 (0085)

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. . . endlich öffnete sich die Tür des Gotteshauses: Eine Gipsstatue Barbaras schwebte lächelnd 
über den geneigten Andächtigen 
offenen Türen strömten. Gassenhauer und pom 
pöse Arien klangen durcheinander. Plötzlich 
seufzte eine Handorgel auf, süße Mandolinen 
klänge tänzelten zimperlich mit. Geschmeidige 
Südländer tanzten schon auf jedem freien Plätz 
chen. Ungeschickte Tänzer jagten sie unerbittlich 
zum Teufel! Unterdessen drängte sich anderes 
Volk um eine dicke Kletterstange, die hoch in der 
Luft an eisernem Reifen allerlei Schätze für 
geschickte Kletterer bereit hielt. Da baumelte 
eine Gänseleiche neben einer auch nicht schlan 
ken Weinflasche. Ein Orangenkorb hing neben 
einer blinkenden Weckeruhr und einem trau 
rigen Hasen. In bloßen Strümpfen und alten 
Kleidern, mit sandgefüllten Taschen, suchten 
immer wieder Tapfere die Stange mit ihrer 
gelben Schicht von Schmierseife zu bezwingen. 
Umsonst! Keiner kam ihr bei. Schon mischte 
sich unter Gelächter und Gespött ein unheim 
liches Grollen. Schließlich bauten einige Beherzte 
ein Stangengerüst unter den Lockpreisen auf. Der 
oberste krazte, sdiabte, rieb und putzte die Seife 
weg. Einige Kletterzüge gelangen, aber schon 
rutschte auch er wieder in die Tiefe. Noch am 
späten Abend triumphierte die unbezwungene 
Stange. 
Schüsse krachten, Raketen zischten in die Dun 
kelheit, bengalische Feuer zauberten Alpenglühen 
auf die Schneereste der Schattenhalde. Sonnen 
gingen sprühend auf und unter, von „Ahs“ und 
„Ohs“ begleitet. Kinder schwärmten gleich Glüh 
würmchen mit Lampions oder väterlichen Kar 
bidlaternen durch die Nacht. Burschen zogen mit 
brennenden Fackeln laut singend über die Brücke. 
Unter der schnöden Kletterstange warfen sie die 
sterbenden Fackeln auf einen Haufen, damit ihre 
Glut die Schnüre der Lockvögel versenge. Aber 
ihre Kraft reichte nicht aus. Zornige rissen Tan 
nenreisig von den Ehrenpforten und schleuderten 
es auf die glimmenden Pechscheiter. Flammen 
stiegen knisternd empor. Sie verbreiteten Weih 
nachtsdüfte. Aber die verhaßte Stange behielt 
ihre Schätze. Endgültig gab sich die Menge dem 
Tanze hin. Sogar Klarinetten- ünd Geigentöne 
mischten sich unter die der Ziehharmonika. 
Seltsame Paare erregten Aufsehen. Keck tanzten 
einige Sizilianer gegen den Takt als verkörperte 
Synkopen. Einige Bretonen, erst kürzlich durch 
die hohen Löhne angelockt, stampften mit ernsten 
Gesichtem ihre alten Volksreigen. Dem feierlichen 
Gehabe schauten die quicklebendigen Kalabresen 
kritisch zu. 
Plötzlich löste sich der Mond vom Hockenhorn 
los, durchzitterte erst duftig die äußersten Tannen 
am Felsvorsprung und glitt dann ruhig hinaus in 
den übersilberten Nachthimmel. Schlaf und Ruhe 
brachte er nur wenigen. 
Während der durchtanzten Nachtstunden er 
füllte Barbara auch ihre zweite Aufgabe: Sie hilft 
nicht nur bei Feuersgefahr, sie nimmt sich auch 
der heiratslustigen Mädchen an und entzündet 
Liebesfeuer in Männerherzen. Im altdeutschen 
Brauchtum war der 4. Dezember ein Lostag für 
angehende Bräute. Da steckten sie Äste von 
Weichselkirschen ins Wasser, auf daß sie Blüten 
trügen am Christtag. Phantasiebegabte Dorfsybil 
len konnten aus Zahl und Farbe der Knospen 
Schlüsse auf den Hochzeitstag ziehen. Hatte 
„Bärbel“ die „Jumpfern“ unter die Haube ge-
	        
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