Full text: 1957 (0085)

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Von Erich Hagel, Homburg 
Seit alters her ist die Einteilung aller Lebe 
wesen in Pflanzen und Tiere gebräuchlich. Ein 
jeder weiß auch, daß eine Fichte, ein Farnkraut 
und ein Pilz zu den Pflanzen und ein Wal, eine 
Fliege und eine Schnecke zu den Tieren zu 
rechnen sind. Wir stoßen aber bald auf große 
Schwierigkeiten, wenn wir Merkmale angeben 
sollen, die für alle Pflanzen bzw. für alle Tiere 
zutreffend sind. 
Im Altertum galt die Begriffsbestimmung: „Die 
Pflanzen leben, die Tiere leben und sind reiz 
bar.“ Die meisten würden sagen: Die Tiere be 
wegen sich und die Pflanzen nicht. Das leuchtet 
uns allen sofort ein. 
Wenn wir unter Bewegung die Ortsbewegung 
verstehen, so haben wir zunächst ein gutes Kenn 
zeichen, um die Tiere von den Pflanzen zu schei 
den. Jedoch gibt es gerade unter den wasserbe 
wohnenden Tieren eine größere Anzahl, die fest 
sitzend oder wenig beweglich sind wie Schwämme, 
Polypen, Korallentiere, manche Würmer und 
Muscheln. Die Großzahl der Wasser- und alle 
Lufttiere sind aber frei beweglich. Auch unter den 
Pflanzen, die in der Regel fest an den Ort ge 
bunden sind, gibt es Ausnahmen. Dazu gehören 
vor allem die Kieselalgen, die in wunderschönen 
Formen im Süß-und Meereswasser leben und die 
freibeweglichen Schwärme gewisser Algen. Diese 
wenigen Ausnahmen gehören ausschließlich der 
niederen Pflanzenwelt an. Aktive Bewegungen 
einzelner Pflanzenteile finden wir dagegen sehr 
oft bei den höheren Pflanzen. Bekannt ist das 
Öffnen und Schließen der Blüten, die Bewegun 
gen der Blätter zum Licht hin, kreisende Bewe 
gungen bei Keimlingen und windenden Pflanzen 
sowie Bewegungen beim Klettern mit Ranken. 
So sind wir nicht in der Lage, Pflanzen und 
Tiere durch das Merkmal „Bewegung“ scharf von 
einander zu trennen. 
Bei den höheren Tieren nehmen wir an, daß 
sie Gefühle und Empfindungen kennen wie wir 
Menschen. Je weiter wir aber in der Tierreihe 
herabsteigen, desto weniger sind solche ausgebil 
det, bis sie schließlich ganz fehlen. Wer wollte 
wohl einer Schnecke, einem Wurm, einer Qualle 
oder einem Schwamm Empfindungen zusprechen? 
Ebenso ist es bei den Pflanzen. Mit diesem Merk 
mal kommen wir also auch nicht durch. Ähnlich lie 
gen die Dinge auf dem Gebiet der Reizbarkeit. 
Durch Reize werden Bewegungen ausgelöst. Die 
Fähigkeit, Reize aufzunehmen, sie auszuwerten und 
zu beantworten ist allen Tieren zu eigen. Bei hoch 
entwickelten sind besondere Sinnesorgane vor 
handen, um möglichst schnell und gut mit der 
Umwelt in Kontakt zu kommen. Für die Reiz 
leitung und Auswertung tritt schon sehr früh ein 
Nervensystem auf, das auch sämtliche Bewegun 
gen des Körpers steuert. Wie ist nun die Lage 
bei den Pflanzen, die nicht schreien, wenn sie 
zerrissen werden und sich nicht aufbäumen vor 
Schmerz, wenn sie im Todeskampf liegen? Und 
doch ist es so, daß die Pflanze wie das Tier 
Reize auf nimmt und in sinngemäßen Bewegungen 
darauf antwortet. Im allgemeinen erfolgen diese 
so langsam, daß die Vorgänge sich unserer flüch 
tigen Beobachtung entziehen. Wir kennen alle 
die Tatsache, daß die Pflanzen dem Licht Zu 
wachsen; unsere Zimmerpflanzen wenden immer 
wieder ihre Blätter dem Fenster zu, ganz gleich, 
wie wir sie drehen, die Kartoffelkeime wachsen 
stets zu einer kleinen Lichtquelle hin, die sich im 
dunklen Keller findet, auf den Erdschwerereiz 
reagieren Wurzeln, Stengel und Zweige der Pflan 
zen nach einem festgelegten Plan. Bei manchen 
lassen sich sogar so schnelle Bewegungen beob- 
Sonnentau, blühende Pflanze. Links oben ein Blatt, auf 
dem sich ein Insekt gefangen hat: zahlreiche Drüsenhaare 
haben sich herabgekrümmt
	        
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