133
Erich Hagel, Homburg:
Ziergesellschaft,
Zierstaat und
lUenschenstaat
In dem großen Reich der Tiere unterscheiden
wir Ein- und Vielzeller. Bei dem Einzeller setzt
sich der ganze Körper nur aus einer winzigen,
mikroskophiseh kleinen Zelle zusammen. Diese
muß alle Aufgaben verrichten, die zum Leben
notwendig sind, wie Nahrungsauf nähme, Ver
dauung, Atmung, Ausscheidung, Fortpflanzung u. a.
Fürwahr, ein vielseitiges und umfangreiches Arbeits
programm. Der Vielzeller baut sich aus mehreren
Zellen auf. Das können 4,8, Tausende, ja Milliar
den von Zellen sein. Beim Vielzeller übernehmen
nicht einzelne Zellen, sondern ganze Zellgruppen
je eine der oben angeführten Aufgaben. Es besteht
also hier eine Arbeitsteilung innerhalb des einzel
nen Lebewesens. Unter ähnlichen Voraussetzungen
haben sich wieder Einzeltiere zu Gesellschaften
und Staaten zusammengeschlossen.
Interessant erscheint es nun, diesen Zusammen
schluß von Tieren in der Natur zu verfolgen. Son
dieren wir, so lassen sich zahlreiche Beispiele für
Einzelgänger anführen wie audi solche, wo der
Geselligkeitstrieb die Tiere zu kleinen und größe
ren Verbänden zusammengeführt hat. Einzelgänger
unserer Heimat sind z. B. Hamster, Maulwurf,
Rohrdommel und Tausendfüßler. In der Lebens
weise der Raubtiere liegt die Forderung, Einzel
gänger sein zu müssen (Hauskatze, Leoparden,
Tiger, Löwe, Fuchs, Mäusebussard, Hecht, Wels,
Gelbrandkäfer und Goldschmied). Häufig sind er
wachsene männliche Tiere weniger gesellig als die
weiblichen und die Jungtiere. Das trifft nament
lich für alte Männchen zu. So ist ein unerträglicher
Einspänner der erwachsene Auerhahn, der noch in
den schönen Wäldern der benachbarten Pfalz vor
kommt. Die stärksten Rotwildhirsche führen nach
Abwurf ihres Geweihs ein Einsiedlerdascm. Der
Rehbock geht allein seine Wege, der starke Keiler
unseres Schwarzwildes lebt stets für sich und
sucht nur zur Rauschzeit die Bachen auf. Unter
den Vögeln zeigen Amseln und Spechte eine deut
lich ausgeprägte ungesellige Veranlagung.
Andererseits führt der Geselligkeitstrieb, der
nach Art, Alter und Geschlecht verschieden stark
entwickelt ist, zu kleinen und größeren Tierver
bänden. Da steht an erster Stelle als Zusammen
schluß unter Artgenossen die Familie wie z. B.;
bei den Meisen, der Ringeltaube, dem Schwan und
Orang-Utan. Bleiben die Tiere, die zufällig am
gleichen Ort und zu gleicher Zeit aus einem
größeren Eigelege geschlüpft sind, beieinander, so
entsteht eine Geburtsgemeinschaft (Blattlauskolo
nie, Raupennest des Goldfalters, Raupen des Kohl-
weißlings und des Prozessionsspinners). Eine
andere Art der Gescllschaftsbildung sind die Fami-
lienverbände, wie wir sie bei den Elefanten, den
Bisons der amerikanischen Prärien und den Gazel
len antreffen und die mandimal schon zu großen
Herden führen können. So besonders bei vielen
Affen wie dem Mantelpavian, der in Herden von
ca. 15G Stück lebt, in denen 10 — 15 alte Männ
chen ein regelrechtes Haremsleben führen. Ferner
unterscheidet man Brut- und Nistgemeinschaften,
die wir namentlich bei Vögeln finden. Beispiele:
Schwalben, Krähen, Stare. Andere Tiere vereini
gen sich zu Schlafgemeinschaftcn. Dazu zählen
gewisse Wespen- und Bienenarten, unsere Krähen
und Stare, Fledermäuse, die in großen Heizungs
gängen, in Brunnenschächten und auf einsamen
Dachböden ihre Tagesruhe halten; fliegende Hunde
der Tropen, die in großer Anzahl, an den Ästen
eines Baumes hängend, den Tag verschlafen. Wie
der andere bilden Nahrungsgemeinschaften, in
denen sich ungeheure Massen von Tieren zusam
menfinden; um gemeinsam ergiebige Nahrungs
plätze aufzusuchen (Heringsschwärme, Kabeljau,
Seehund, Wanderratte). Berüchtigt sind die unge
heuren Schwärme der Heuschrecken und ihre
verheerenden Wanderzüge. Wieder andere Tiere
rotten sich zu Jagdverbänden zusammen, die neben
dem Gemeinschaftsgefühl ein organisiertes Han
deln erkennen lassen. Bekannt dafür ist die Wolfs
meute, die im W'inter ihre Jagdzüge gemeinsam
durchführt, wobei sie ihre Opfer hetzt und ein
kreist, während andere ihnen den Weg absdmei-
den. In geteilten Trupps jagen auch die Hyänen
hunde. Schließlich wären die riesigen Herden der
Steppen und Savannen zu nennen. Sie setzen sich
Wolfsmeute, die Fährte eines Hirsches verfolgend