Full text: 1956 (0084)

202 
Baum mit Misteln 
wachsen die notwendigen Säfte. Andere überfal 
len buchstäblich fremde Pflanzen, erpressen und 
würgen sie. Wenn die Überfallenen auch nicht 
gerade umgebracht werden, so werden sie doch 
aufs schwerste bestohlen und geschädigt. Die 
Diebe bezeichnet man als Würger unter den 
Pflanzen. Zu erst beschäftigen wir uns mit den 
harmlosen Arten unter ihnen. 
Da finden wir auf den Wiesen unserer Heimat 
den Augentrost, Zahntrost, Klappertopf, das 
Läusekraut und den Feldwachtelweizen. Sie haben 
grüne Blätter wie alle übrigen Pflanzen, und es 
fällt nichts besonderes an ihnen auf. Hebt man 
jedoch mit einem kleinen Spaten eine erwachsene 
Pflanze dieser Arten mit ihren Nachbarpflanzen 
zusammen aus dem Boden, dann entpuppt sich 
ihr getarntes Räuberwesen. Ihre Wurzeln hängen 
an vielen Stellen mit den Wurzeln der Nachbar 
pflanzen zusammen. Hier haben die Schmarotzer 
pflanzen kleine Saugwarzen entwickelt und ent 
nehmen ihren lieben Nachbarn Wasser und darin 
gelöste Salze. Infolgedessen fehlen dem Schma 
rotzer auch die Saughaare an den Wurzeln, die 
ausschließlich der Aufnahme der Nährlösungen 
aus dem Boden dienen. Durch Augen- und Zahn 
trost werden die Pflanzen, auf denen sie schma 
rotzen (Wirtspflanzen), nicht sehr geschädigt. Ist 
dagegen eine Wiese reich mit Klappertopf be 
standen, dann beobachtet man häufig, daß in 
der Nachbarschaft die Pflanzen kümmern und 
gelb werden. Ein Beweis, daß ihnen viele Nähr 
stoffe entzogen werden. 
Ein merkwürdiger Schmarotzer mit Blattgrün 
ist die ebenfalls bei uns vorkommende Mistel. 
Sie lebt als kugeliger Strauch auf anderen Bäu 
men wie Schwarzpappel, Apfelbaum, Linde, 
Ahorn, Birke, Vogelbeere, Kiefer u. a. Man er 
kennt sie leicht an ihrer zweiteiligen Verzwei 
gung und den meist weißen, erbsengroßen Beeren, 
die im Dezember reifen. Durch ihre immergrünen 
Blätter fällt sie besonders im Winter auf, wenn 
die Bäume entlaubt sind. Die Beeren besitzen 
ein klebriges Fruchtfleisch und werden besonders 
gern von Amseln und Drosseln gefressen. Dabei 
bleiben die Samen am Schnabel der Vögel haf 
ten. Beim Reinigen der Schnäbel an den Baum 
rinden werden die Samen verschleppt und kei 
men. Aber auch mit dem Kot der Vögel werden 
die unverdaulichen Samen auf andere Bäume 
übertragen. Bei der Keimung bildet die Keim 
wurzel, die sich dem Ast eng anlegt, einen keil 
förmigen Fortsatz, den Senker, der sich verzwei 
gend tief in das Holz eindringt, die Leitungs 
bahnen der Bäume anzapft und ihnen Wasser 
und darin gelöste Nährstoffe entzieht. Pflanzen, 
die wie die Mistel, der Augentrost, der Klapper- 
Fruchttragende Zweige der Mistel
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.