Full text: 1956 (0084)

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2Das luareu Zeiten 
Von Kurt Hoppstädter, Wiebelskirchen 
üor 100 Jahren! 
Vieles hat sidi gegenüber der guten, alten Zeit 
vor etwa 90 bis 100 Jahren geändert. Unser Le 
benstil, die Anforderungen, die wir zu stellen 
gewohnt sind, wurden üppiger, stiegen mit den 
besseren Verdienstmögliehkeiten, dem erhöhten 
Einkommen und wenn wir zusammenfassend ur 
teilen, dann müssen wir sagen, daß wir heute 
mit einem Aufwand leben, der unseren Vorfahren 
erstaunlich, unfaßbar erschienen wäre. 
Man sage nicht, die tedmisdie Entwicklung 
habe das mit sich gebradit. Selbst wenn es da 
mals Kinos, Rundfunk, Straßenbahnen, Gas, Fahr 
räder, Autos, elektrisches Licht usw. gegeben 
hätte, so hätten sich die Menschen der damaligen 
Zeit das alles einfach nidit leisten können, denn ihr 
Verdienst war sehr, sehr schmal. Trotzdem sparten 
sie sich freilich ihr Häuschen und ihren Garten zu 
sammen. Dodi konnten sie das nur, wenn sie 
sich die Grosdien im wahrsten Sinne des Wortes 
vom Munde absparten. Vergnügungen und Zer 
streuungen gab es außer an kirdilidien Festen 
und an der Kirmes kaum, und Erholung mußte 
die abendliche Rast am Ofen oder im Sommer 
vor der Haustür, das Schwätzdien mit dem Nach 
barn und der Sonntagsspaziergang über die 
Felder geben. 
Wie sah es nun damals mit den Einkommens 
verhältnissen aus? Bei der überragenden Bedeu 
tung der Kohlengruben war selbstverständlich 
damals, wie heute, der Lebensstandard des Berg 
mannes aussdilaggebend für die wirtschaftlichen 
Verhältnisse der Gesamtbevölkerung. Der Saar 
bergmann verdiente im Durchsdmitt: für zwölf- 
stündige Schicht in der Grube 17 Groschen, über 
Tage 16 Silbergrosdien, für die achtstündige 
Schicht in der Grube 14 Silbergroschen. Das be 
deutete ein durchschnittliches Jahreseinkommen 
von etwa 150 bis 160 Taler (1 Taler = 30 Sil 
bergroschen). Demgegenüber verdienten ein Stei 
ger im Jahre 276 bis 354 Taler, ein Fahrsteiger 
420 Taler und ein Obersteiger 504 Taler, wäh 
rend das Jahresgehalt eines Lehrers durchschnitt 
lich 182 Taler betrug und die Bürgermeisterei 
Ottweiler folgende Besoldungen gewährte; Polizei 
diener 150 Taler, Feldhüter 66 Taler, Naditwäch- 
ter 40 Taler. Ähnliche Besoldungen gewährten 
auch die übrigen Bürgermeistereien. 
Uber die Lebenshaltungskosten erfahren wir 
Näheres aus den Untersuchungen des damaligen 
Landrates von Schlechtendahl in Ottweiler. Da 
nach benötigte eine „den arbeitenden Klassen an- 
gehörige Familie“ jährlidi etwa 150 bis 200 
Taler, um bei Sparsamkeit bestehen zu können. 
Von dieser Summe entfielen auf: Nahrungsmittel 
90 bis 120 Taler, Wohnung 12 bis 18 Taler, 
Brennmaterial 10 Taler, Kleidung und Wäsche 24 
bis 32 Taler, Hausrat und Werkzeug 8 bis 14 
Taler, Abgaben und Schulgeld 6 Taler. Die Be 
hörde mußte also selbst feststellen, daß bei 
spielsweise ein Bergmann nur knapp das Existenz 
minimum erreichte, das heißt das, was man da 
mals so nannte. 
Die Marktpreise betrugen für V2 hg Rind- und 
Hammelfleisch SV2 bis 4 </& Silbergroschen, Kalb 
fleisch 2 bis 3 Silbergroschen, Schweinefleisch 5 
bis 5y% Silbergroschen, geräucherter Speck und 
Schmalz 8 bis 10 Silbergroschen, Schinken 7 1 /& 
bis 8 Silbergrosdien, Butter 7 bis 9 Silbergrosdien, 
Mildi 2 Silbergroschen, während der durdischnitt- 
liche Preis für Kühe etwa 48 Taler, gute Milch 
kühe 60 Taler, Ochsen 105 Taler, Pferde 160 
Taler und gemästete Schweine von etwa 170 
Pfund 25 Taler betrug. Um einen Vergleich mit 
den heutigen Verhältnissen zu erhalten, vergleiche 
man beispielsweise die Butter mit dem Einkom 
men damals und heute. Wir kommen dann zu 
der erstaunlichen Feststellung, daß damals ein 
Bergmann in der heutigen Währung monatlich 
10 — 12 000 frs. verdiente. 
Es gab zu dieser Zeit audi noch mandie ein 
schränkende Bestimmungen zur Lebenshaltung. 
So war es z. B. nodi 1861 den Bergleuten ver 
boten, an Zahltagen und in Grubenkleidern Gast 
häuser zu besuchen. Bis zum 23. Juli 1862 be 
durfte der in den königlichen Gruben beschäftigte 
Bergmann, wenn er vor dem 24. Lebensjahre 
heiraten wollte, eines von der Bergwerksdirektion 
Saarbrücken ausgestellten „Heiratsconsenses“, und 
so mandie unehelidie oder, besser gesagt, vor- 
ehelidie Geburt dürfte damit zu erklären sein, 
daß der Amtssdiimmel der Bergbehörde nicht 
immer so sdmell trabte, wie es den Heiratslusti 
gen nötig erschien. 
Bei den geschilderten Einkommensverhältnissen 
war das Leben gewiß nicht leidit und das Auf 
ziehen einer großen Kindersdiar (Kinderzuschläge 
und Kindergeld waren nodi unbekannte Begriffe) 
eine überaus sdiwere Aufgabe für die Eltern. 
Trotzdem entfielen im Saarland dieser Zeit auf 
eine Ehe durchschnittlich vier Kinder.
	        
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