Full text: 1956 (0084)

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Von Klaus Schmauch, Saarbrücken 
Als die Bergmannsstadt Sulzbadi noch ein 
unscheinbares Dorf war, trieben ein alter, hinken 
der Tagelöhner und ein halbwüchsiger Bub das 
zahlreiche Hornvieh auf die Gemeindeweide. Da 
der Alte weit und breit die besten Hutplätze 
kannte und der Bub über ein paar scharfe 
Augen und flinke Beine ver 
fügte, ergänzten sie sich vor 
trefflich. So nannte man sie 
im Dorfe „Kuh und Kälbchen“ 
und fand es ganz in Ordnung, 
daß der Bub nach dem Tode 
seiner verwitweten Mutter ins 
Hirtenhaus zog. Nun teilten 
die zwei Unzertrennlichen auch 
den Tisch und das Lager, aber 
der Strohsack war hart und 
das Essen mager, und die 
gräflichen Jäger achteten so 
sehr auf den Wald, daß den 
beiden manchmal das Holz 
zum Kochen der alltäglichen 
Suppe fehlte. 
An einem kaltnassen Spät 
herbsttage hüteten „Kuh und 
Kälbchen“ auf dem „Geißen 
knopp jenseits des Sulzbachs. 
Während das Vieh nach den 
letzten dürftigen Grasspitzen 
haschte, klapperte der Hink- 
fuß auf seinen Zahnstummeln 
und sagte: „Kälbchen, schau, 
ob die Luft sauber ist und 
suche dann im Walde eine Bürde Holz. Ith friere 
bis auf die Knochen.“ 
„Recht so!“ lobte der Alte den zurückkehrenden 
Bub, überreichte ihm Feuerstein, Stahl und 
Zunder und bat ihn, das Feuer in einer nahen 
Sandgrube zu entfachen. Dort zog „Kälbchen“ 
eine Handvoll Heu und trockene Späne aus der 
feuchten Hirtentasche, schichtete beides zwischen 
zwei schwarzen Steinen auf, die er in der Sand 
grube gefunden hatte, und schlug Feuer. Beim 
Aufprasseln der Flammen stieß er einen hellen 
Hirtenruf aus, der den Hinkfuß herbeilockte, und 
bald dampften die feuchten Kleider neben der 
wärmenden Glut. 
„Sei sparsam mit dem Holz und nimm den 
Rest mit heim“, mahnte der Hirt den Jungen. 
Doch dieser starrte verblüfft auf die rauchenden 
Feuersteine und öffnete staunend den Mund. 
Täuschte er sich? „Kälbchen“ rieb sich die 
Augen, aber jetzt glühten die Steine gar, und 
wie er einen aus dem Feuer riß und mit den 
Füßen zerstampfte, sah auch der Alte die auf 
steigenden Funken. „Fort, da 
hat der Teufel die Hand im 
Spiel!“ rief er entsetzt und 
riß den Bub zurück. Beide 
flüchteten auf den erhöhten 
Rand der Sandgrube, schlugen 
drei abwehrende Kreuze und 
spähten klopfenden Herzens 
nach dem brennenden Gestein. 
Aber weder eine Hexe, noch 
ein dräuender Unhold entstieg 
dem quirlenden Rauch, und 
das Vieh graste so ruhig, daß 
der Alte sprach: „Es scheint 
doch mit rechten Dingen zuzu 
gehen“, und „Kälbchen“ fragte, 
wo er die seltsamen Steine 
fand. 
„Dort liegen ja noch mehr!“ 
rief er nach einem Blick in die 
Grube und humpelte hinab. 
„Schau, hier wachsen sie gar 
aus der Erde!“ Sein Peitschen 
stiel deutete auf ein geringes, 
ausstreichendes Kohlenflöz, 
und da der Tag zur Neige 
ging, füllten beide ihre Hirten 
taschen mit dem seltsamen Fund und beschlossen, 
ihn auf dem offenen Küchenherd zu erproben. 
Der Erfolg war so augenfällig, daß der Alte 
den Bub in die Anne schloß und stammelte: 
„Glückskind, jetzt Irrauchen wir den strengsten 
Winter nicht mehr zu fürchten!“ 
Zwei sagenhafte Hirten entdeckten die Heiz 
kraft der saarländischen Kohlen. Niemand trug 
ihre wahren Namen in die Chronik ein, aber 
die Überlieferung ist noch nicht ganz verwischt 
und berichtet, daß man bei Sulzbach die ersten 
Tagstollen in die Erde trieb.
	        
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