Full text: 1955 (0083)

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von Elisabeth Kirch, Saarbrücken 
Der Pfifferjakob war ein schnurriger Geselle, 
hatte den Kopf voller Späße und wenn er redete, 
ging ihm der Mund wie ein Mühlrad. 
Er liebte das Herumstreichen mehr als die 
Arbeit, lag stundenlang unter den Bäumen und 
hörte den Vögeln zu. Er kannte alle Sänger des 
Waldes, lauschte ihnen die Lieder ab und ahmte 
sie nach. Er fing sich auch manchen Vogel, 
sperrte ihn ein und ergötzte sich an seinem Ge 
sang. 
Nun kam eines Tages ein Händler zu ihm, der 
hatte einen Käfig voll der schönsten und seltensten 
Vögel. Sie sangen und pfiffen so wundersam 
schön, daß einem ganz eigen ums Herz wurde, 
so froh und doch auch wieder so traurig, 
daß man bald hätte lachen und bald wieder 
weinen möge. Der Pfifferjakob sperrte Mund, 
Augen und Ohren auf, denn so schöne Vögel 
hatte er noch nie gesehen, die dazu noch so 
wunderbar sangen, Triller, Schleifen, kurze und 
lange Töne, tiefdunkle und helle, die ihnen wie 
silberne Perlen aus den goldgelben Kehlen 
tropften. 
„Da staunt Ihr“, sagte der fremde Mann. „Solche 
Vögel gibt es hier nicht. Die sind in fremden Län 
dern gewachsen, wo jeden Tag blauer Himmel 
und ewiger Sonnenschein ist.“ 
„Da kommen sie wohl geradewegs vom Pa 
radies her?“ meinte der Pfifferjakob, spitzte die 
Ohren und lauschte den seltsamen Vögeln die 
Töne und Weisen ab. 
„Das nicht“, sagte der Fremde. „Sie kommen 
von einer Insel, in einem fernen Meere gelegen, 
wo es so still ist, daß man seinen eigenen Atem 
hört. Dort können die Vögel nach Herzenslust 
ihre Stimmen probieren. Dem Pfifferjakob lachte 
das Herz im Leibe, und er hätte um alles gern 
einen der Vögel gehabt. 
„Wieviel verlangt Ihr für einen Vogel?“ fragte 
der Pfifferjakob. Der Händler nannte ein schönes 
Sümmchen. 
Da graulte der Pfifferjakob den Kopf, denn 
fünf Gulden hatte er sein Lebtag nicht beisammen 
gesehen. 
So viel sei ein armseliger Vogel nicht wert, 
meinte der Pfifferjakob. Hierzuland gäbe es auch 
schöne Vögel unter den Sängern, und der Mann 
solle sich fortscheren. Spradis, machte die Türe 
auf und warf den Händler hinaus. 
Kaum war der Mann draußen, da hub im 
Hause des Pfifferjakob ein seltsames Pfeifen und 
Singen an. Der Pfifferjakob versuchte die Stim 
men der fremden Vögel nachzuahmen, und siehe, 
es gelang ihm ganz prächtig, denn was der Pfif 
ferjakob einmal gehört hatte, das saß ihm fest im 
Kopf und lose auf der Zunge. 
Er dachte, es sei doch recht schade, daß die 
Sänger vom Stiftswald nidit so herrliche Farben 
und Stimmen hätten wie jene fremden Vögel von 
den gottseligen Inseln, und er fand, der Herrgott 
hätte mit Farben und Tönen zu sehr gespart, als 
er die Vögel im Land an der Saar erschaffen. 
Und Tag für Tag sann er darüber nach, wie 
er so seltene Vögel bekommen könnte, aber es 
schien ihm kein einziges Stemlein der Hoffnung, 
denn er war ein armer Teufel, der oft nicht das 
Brot über Nacht daheim hatte. Nun gesdiah es, 
daß aus dem Hause des Pfifferjakobs oft so selt 
sam schönes Singen und Pfeifen kam, so daß die 
Leute stehen blieben und fragten, was das für 
Vögel wären, die so wunderschön sängen, und da 
sagte der Pfifferjakob: „Die sind von weit her 
übers Meer zugeflogen." Und da staunten die 
Leute und konnten sich nidit genug wundern. 
Einst fuhr der Fürst durdi das Tal, in dem 
das Haus des Pfifferjakob gelegen war. 
Er hielt den Kopf gesenkt, denn er dadite an 
die mancherlei Sorgen, die das Regieren ihm 
machte. Da hörte er mit einem Male ein wun 
derschönes Pfeifen, Singen und Trillern, als ob die 
Engel vom Himmel gekommen wären, um ihn 
zu trösten mit ihrem Gesang. Als er sidi um- 
sdiaute, sah er am Fenster des Pfifferjakob einen 
großen Käfig sdiöner, seltsamer Vögel. Die waren 
so herrlidi bunt, wie er noch keine gesehen hatte, 
weder in Welschland noch an den blauen Ufern 
der südlichen Meere. Er dachte, wenn er sidi täg- 
lidi was Vorsingen ließe von so herrlichen Vö 
geln, so würden ihm die Sorgen davonfliegen wie 
dunkle Wolken, die der Wind verjagt.
	        

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