Full text: 1955 (0083)

170 
Urlaubs wird er in dieser Zeit an große Varietes 
in Freiburg und Karlsruhe verpflichtet. Als Ste 
phan Engstier 1943 eingezogen wird und später 
in russische Gefangenschaft gerät, hat er bei 
allem Unglück noch Glück. Es gelingt ihm unter 
den deutschen Kriegsgefangenen geeignete Leute 
zu finden und eine Artistengruppe zu gründen. 
Ja, er tritt sogar mit einem russischen Akrobaten 
in Kasinos auf,, vom russischen Publikum für 
einen waschechten Russen gehalten. Nach dem 
Kriege betätigt sich Engstier 2 Jahre lang als 
BerufsartLst. Während der Sommermonate wird 
er mit seiner Tochter von Zirkus Fischer und 
Zirkus Schulte engagiert, im Winter vorwiegend 
von englischen Clubs. Schwierigkeiten bei der 
Überweisung des Unterhaltes für ,seine Familie 
zwingen ihn 1948 in die Heimat zurückzukehren 
und auf Grube Maybach anzufahren. Nun ist es 
an der Zeit, sich mit seinen anderen heranwach- 
senden Kindern zu beschäftigen. Jeweils bei Vol 
lendung des 6. Lebensjahres beginnt er mit ihrer 
Ausbildung. 2 bis 3 mal wöchentlich führen sie 
ein strammes Training durch. Besondere Erfolge 
hat seine älteste Tochter Gerdi, die 1952 und 
1953 Deutsche Meisterin in Kunstakrobatik wird 
und seit 5 Jahren Saarlandmeisterin ist. Sie er 
hielt ein Engagement nach Kanada und wartet 
nur auf ihr Visum, um in die große Welt hinaus 
zufliegen. Die Engstiertruppe, die nach dem 
Die 4 Aloni's, Bildsfock 
Ausscheiden der großen Schwester nur noch aus 
den 14- und 9-jährigen Töchtern Ro,switha und 
Christel und dem 11-jährigen Filius Heinz be 
steht, — den Vater natürlich nicht zu vergessen 
— wird sich bemühen, ihr Programm auf dem 
gleidien Niveau zu erhalten. Diese Familien 
truppe hat sich im Saarland einen guten Namen 
gemacht. Sie wird häufig zu Kameradschafis- 
abenden verpflichtet und tritt bei vielen Vereins- 
lestlichkeiten auf. Ihr Bereich er,streckt sich außer 
den Städten des Saarlandes auf Zweibrücken, 
Pirmasens, Idar-Oberstein und Mainz. 
Zweites Bild: Wohnzimmer des Bergmanns 
Guckeiscn — einem der „4 Aloni's“ — in Bild 
stock. 
Guckeisen ist Manager und Bürokrat dieser im 
Saarland bekannten Bodenakrobatiker, einer 
Truppe, die nur aus Bergleuten bestellt. Er küm 
mert sich um die Aufträge und empfängt auch 
jetzt mich. Eine Menge Fotos hat er auf Vorrat. 
Kunstvolle Pyramiden, .sauber ausgeführt. Mit 
einer Unzahl fachmännischer Namen überfällt er 
mich. Einen der Tricks nennen sie Hockwaage. 
Der Untermann trägt dabei eine Last von nicht 
weniger als 370 Pfund auf seinen Knien. Einer 
der schwierigsten Tricks soll das Karussell sein, 
bei dem zwei Artisten, nur an einer Hand ge 
halten und an der Hüfte gestützt, frei in der 
Luft schweben. Immer wieder tüfteln sie neue 
Tricks aus, die aber erst nach langem Training 
bühnenreif sind. Die Aloni's bestehen seit 1947. 
Man darf sie als einen der vielen Ableger der 
Pontius-Truppe in Heiligenwald betrachten. Der 
Artist Schwindling, ebenfalls Bergmann und 20 
Jahre lang Mitglied der Pontius-Truppe, über 
nahm das Training der „Aloni's“, unterstützt von 
Ing. Wacket, Grube Luisenthal, der aktiv mit 
wirkte. Die „4 Aloni's“ treten als Amateure bei 
Veranstaltungen von Vereinen auf, hauptsächlich 
im Saarland. Aber auch ins Bundesgebiet, nach 
Lothringen und Luxemburg werden sie verpflich 
tet. Auf Wettbewerben mit anderen Amateur 
truppen holten sie sich bereits 4 erste Preise. 
2 mal wöchentlich und sonntagsmorgens fin 
den sie sich zu einem harten Training zusammen. 
Denn ohne dies keine Zukunft. Geheimer Wunsch 
der „Aloni's“ ist es, ihre Leistungen derart zu 
.steigern, daß sie sich bei der Austragung der 
Deutschen Meisterschaft erfolgreich beteiligen 
können. Das erfordert ein präzises, schnelles Aus 
arbeiten der Tricks. Ob sie es jemals erreichen? 
Denn nicht zu vergessen, alle vier machen als 
Bergleute schweren Dienst, Guckeisen als Schrä- 
irier durchschnittlich 9—10 Stunden pro Schicht. 
Sie empfinden den Kunstkraftsport als gesunden 
Ausgleich zur Arbeit unter Tage und werden bei 
der Begeisterung und dem Idealismus, mit dem 
sie sich dieser Sportart verschrieben haben, si 
cherlich noch manche Lorbeeren ernten.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.