Full text: 1955 (0083)

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Von Alfred Petto - Dudweiler 
In meiner Erinnerung ist ein grauer Tag. Mutter 
und ich sitzen in einem Abteil der Hochwald 
bahn, die mit bimmelnder Glocke die Höhe hin 
ankeucht und dann, während der Klang des em 
sigen Glöckchens zart in der Luft verweht, durch 
ein Wiesental hinfährt. Ich stehe am Fenster 
und blicke hinaus. Ich nehme alles in midi auf, 
die Tannen- und Buchenwälder redits und links, 
die grünen Wiesen, jedes Fuhrwerk, das über 
die Feldwege knarrt oder vor der gesdilossenen 
Bahnsdiranke hält, jedes Haus, jeden Menschen, 
der am Wege steht und hinüberblickt, die Stra 
ßen und Wege und Pfade, die sidi vor mir ver 
schieben und wieder verlieren. Und über mich 
hin schwimmt dies Läuten und Klingeln der 
hurtig rollenden, faudienden Lokomotive, bald 
laut und eindringlich, bald silberhell zerfließend 
in der nassen Luft. 
Es ist mir festlich zumute, und ich bin voller 
Ei Wartung trotz der regensdiwarzen triefenden 
Wolken am Himmel. Ich sitze zum erstenmal in 
der Bahn und fahre. Ich fahre in das Dorf meiner 
Mutter, und auch das ist das erste Mal. Selbst 
die Regentropfen, die in krummen Straßen schräg 
an der Wagenscheibe heruntertorkeln, haben et 
was von dieser frohen Erwartung, die midi seit 
Tagen nidvt hatte schlafen lassen. Alles ist ein- 
gelaucht in ihren Atem, alles besteht jetzt in ihr 
und durch sie. Und dies alles ist jetzt die Welt 
der Mutter. 
Idi stehe und schaue. Mit jedem Mast, der vor 
überfliegt, kommen wir dem ersehnten Ziele 
näher, und ich frage bei jeder Station, wie oft 
der Zug nodi halten müsse. Die Mutter nennt 
die Namen und zählt an den Fingern mit. Ein 
mal ruft der Schaffner „Sötern!“ Ich horche auf 
und frage sie, ob das Sedan sei, wo die große 
Schlacht gewesen sei und von dem das Lied 
spredie „Bei Sedan auf den Auen — dort stand 
nach blut'ger Schlacht • . Oft und oft hatte 
sie mir das Lied vorgesungen mit ihrer dünnen, 
hellen Stimme, und Traurigkeit hatte midi be 
fallen. Da lacht sie auf, und die Mitfahrenden 
im Abteil schmunzeln, und die Mutter sagt: „Nein 
das hier ist Sötern, das andere liegt weit drüben 
im Westen, in Frankrcidi, und sie zeigt mit der 
Hand weithin. 
Der Zug hält, Leute steigen aus, steigen ein, 
Pakete und Vieh werden verladen, der Postmann 
wirft einen Sack mit Briefen auf den Bahnsteig, 
ein anderer wird in den Packwagen hineingewor 
fen. An der Rampe türmen sidi Berge von ge- 
sdrältem Fichtenholz Eine Kuh brüllt, die Eisen 
bahner sehen aus wie Bauern, nur daß sie eine 
Mütze tragen, und die Leute, die zu uns ins Ab 
teil kommen, bringen einen Geruch von Wald 
und Stall und Tabak mit. Ich werde immer un 
geduldiger,, freue mich, wenn der Zug wieder 
fährt und das Glöcklein bimmelt, idi weiß, ein 
mal wird er halten und wir werden aussteigen. 
Nun sind es nur mehr zwei Stationen, dann 
nur mehr eine, und wieder einmal versdmauft 
der Zug, und wir steigen aus. Wir sind da. 
Aber was sich nun begab, und wie es sich 
begab, das ist in meiner Erinnerung verwischt, 
und ich erinnere mich dessen nur mehr so, wie 
man oft vom Ziel nur den Hinweg und von 
der Freude nur noch das Vorher behalten hat. 
Wir gingen sicher den roten Feldweg hinab 
ins Dorf, das in einer Falte eingebettet liegt, 
es roch nach Vieh und Holz und Herd, aus 
den Fenstern nickten uns die Leute zu, Gespie 
len der Mutter, Altersgenossinnen und entfernte 
Verwandte, mit denen die Mutter im Vorüber 
gehen rasch ein paar überlaute Worte der Freude 
wechselte. Wir gingen dann über die Brücke, 
unter der der Schüttbach hingluckerte, und da 
stand das Haus, breit und lang und ehrwürdig 
und altersgebrochen schon von der langen Zeit, 
dies Haus, in dem die Mutter geboren wor 
den war und zweiundzwanzig Jahre Kindheit 
und Jugend verbracht hatte, bis der Vater 
kam und sie mitnahm in die Stadt. Die Stalltür 
stand offen, und wir gingen zuerst in den 
Stall, dessen Wärme uns umfing, darauf in 
die Stube, in die Küche und dann in die hin 
tere Kammer, in deren dämmrig-feuchter Jen 
seitigkeit das Leben des Croßvaters und später 
der Großmutter versiegte. Und das ist lange 
her. 
So war es gewiß, wenn ich es auch nicht mehr 
weiß. So kann es nur gewesen sein, ich bin 
den Weg danach noch manchmal gegangen, oft 
ohne die Mutter, und nie wußte idi mich 
mehr geborgen als da. Es lag wohl an deT 
mütterlidien Wesensart, die von jeher stärker 
und inniger mit dem Ihrigen verwachsen war 
als der Vater — mir ist das Dorf der Mutter
	        
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