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Von Alfred Petto - Dudweiler
In meiner Erinnerung ist ein grauer Tag. Mutter
und ich sitzen in einem Abteil der Hochwald
bahn, die mit bimmelnder Glocke die Höhe hin
ankeucht und dann, während der Klang des em
sigen Glöckchens zart in der Luft verweht, durch
ein Wiesental hinfährt. Ich stehe am Fenster
und blicke hinaus. Ich nehme alles in midi auf,
die Tannen- und Buchenwälder redits und links,
die grünen Wiesen, jedes Fuhrwerk, das über
die Feldwege knarrt oder vor der gesdilossenen
Bahnsdiranke hält, jedes Haus, jeden Menschen,
der am Wege steht und hinüberblickt, die Stra
ßen und Wege und Pfade, die sidi vor mir ver
schieben und wieder verlieren. Und über mich
hin schwimmt dies Läuten und Klingeln der
hurtig rollenden, faudienden Lokomotive, bald
laut und eindringlich, bald silberhell zerfließend
in der nassen Luft.
Es ist mir festlich zumute, und ich bin voller
Ei Wartung trotz der regensdiwarzen triefenden
Wolken am Himmel. Ich sitze zum erstenmal in
der Bahn und fahre. Ich fahre in das Dorf meiner
Mutter, und auch das ist das erste Mal. Selbst
die Regentropfen, die in krummen Straßen schräg
an der Wagenscheibe heruntertorkeln, haben et
was von dieser frohen Erwartung, die midi seit
Tagen nidvt hatte schlafen lassen. Alles ist ein-
gelaucht in ihren Atem, alles besteht jetzt in ihr
und durch sie. Und dies alles ist jetzt die Welt
der Mutter.
Idi stehe und schaue. Mit jedem Mast, der vor
überfliegt, kommen wir dem ersehnten Ziele
näher, und ich frage bei jeder Station, wie oft
der Zug nodi halten müsse. Die Mutter nennt
die Namen und zählt an den Fingern mit. Ein
mal ruft der Schaffner „Sötern!“ Ich horche auf
und frage sie, ob das Sedan sei, wo die große
Schlacht gewesen sei und von dem das Lied
spredie „Bei Sedan auf den Auen — dort stand
nach blut'ger Schlacht • . Oft und oft hatte
sie mir das Lied vorgesungen mit ihrer dünnen,
hellen Stimme, und Traurigkeit hatte midi be
fallen. Da lacht sie auf, und die Mitfahrenden
im Abteil schmunzeln, und die Mutter sagt: „Nein
das hier ist Sötern, das andere liegt weit drüben
im Westen, in Frankrcidi, und sie zeigt mit der
Hand weithin.
Der Zug hält, Leute steigen aus, steigen ein,
Pakete und Vieh werden verladen, der Postmann
wirft einen Sack mit Briefen auf den Bahnsteig,
ein anderer wird in den Packwagen hineingewor
fen. An der Rampe türmen sidi Berge von ge-
sdrältem Fichtenholz Eine Kuh brüllt, die Eisen
bahner sehen aus wie Bauern, nur daß sie eine
Mütze tragen, und die Leute, die zu uns ins Ab
teil kommen, bringen einen Geruch von Wald
und Stall und Tabak mit. Ich werde immer un
geduldiger,, freue mich, wenn der Zug wieder
fährt und das Glöcklein bimmelt, idi weiß, ein
mal wird er halten und wir werden aussteigen.
Nun sind es nur mehr zwei Stationen, dann
nur mehr eine, und wieder einmal versdmauft
der Zug, und wir steigen aus. Wir sind da.
Aber was sich nun begab, und wie es sich
begab, das ist in meiner Erinnerung verwischt,
und ich erinnere mich dessen nur mehr so, wie
man oft vom Ziel nur den Hinweg und von
der Freude nur noch das Vorher behalten hat.
Wir gingen sicher den roten Feldweg hinab
ins Dorf, das in einer Falte eingebettet liegt,
es roch nach Vieh und Holz und Herd, aus
den Fenstern nickten uns die Leute zu, Gespie
len der Mutter, Altersgenossinnen und entfernte
Verwandte, mit denen die Mutter im Vorüber
gehen rasch ein paar überlaute Worte der Freude
wechselte. Wir gingen dann über die Brücke,
unter der der Schüttbach hingluckerte, und da
stand das Haus, breit und lang und ehrwürdig
und altersgebrochen schon von der langen Zeit,
dies Haus, in dem die Mutter geboren wor
den war und zweiundzwanzig Jahre Kindheit
und Jugend verbracht hatte, bis der Vater
kam und sie mitnahm in die Stadt. Die Stalltür
stand offen, und wir gingen zuerst in den
Stall, dessen Wärme uns umfing, darauf in
die Stube, in die Küche und dann in die hin
tere Kammer, in deren dämmrig-feuchter Jen
seitigkeit das Leben des Croßvaters und später
der Großmutter versiegte. Und das ist lange
her.
So war es gewiß, wenn ich es auch nicht mehr
weiß. So kann es nur gewesen sein, ich bin
den Weg danach noch manchmal gegangen, oft
ohne die Mutter, und nie wußte idi mich
mehr geborgen als da. Es lag wohl an deT
mütterlidien Wesensart, die von jeher stärker
und inniger mit dem Ihrigen verwachsen war
als der Vater — mir ist das Dorf der Mutter