Full text: 1955 (0083)

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ersten Blick erscheint — denn wir sehen nur 
einige Bottiche mit verschiedenem, pulverisier 
tem Material — dennoch den Grundstock bildet, 
auf den sich die gesamte Fabrikation aufbaut. 
In dieser Gemengekammer werden die Rohmate 
rialien, die zur Herstellung des Glases erforder 
lich sind, nach einem besonderen Rezept, das 
Betriebsgeheimnis ist, zusammengestellt und abge 
wogen. Schon in diesem Rohgemenge werden 
die gewünschten Eigenschaften des fertigen 
Produktes weitgehend grundgelegt. 
Der wichtigste Rohstoff, den man zur Gewin 
nung des Glases benötigt, ist Quarzsand, den das 
Werk aus der Gegend von Fontainebleau in 
Frankreich bezieht, da dieser Sand wegen seines 
hohen Silizium- und geringen Eisenoxyd-Gehalts 
besonders geeignet ist. Ein Arbeiter schippt das 
feine, weiße Material aus einem Trockenofen in 
eigens dafür bestimmte Bottiche. 
Der Quarzsand würde an sich schon zur Her 
stellung von Glas genügen. Um jedoch die hohe 
Schmelztemperatur, die bei 2000° liegt, herab 
zusetzen, gibt man Soda bei und senkt dadurch 
die Schmelztemperatur auf 1450 °. Der Zusatz 
von Soda hat einen Nachteil: er bewirkt, daß 
das Glas weich wird und sich an der Ober 
fläche mit der Zeit zersetzt. Um dem Mate 
rial die nötige Härte zu verleihen, benötigt man 
als dritten Rohstoff Kalk, der etwa die gleiche 
Wirkung hat, wie die Kalkpräparate, die man 
an die Kinder verabreicht, um ihren Knochenbau 
zu stärken. Bei besseren Gläsern wild die Soda 
durch Pottasche ersetzt. Das hierbei entstehende 
Kaliglas oder Kristall ist heller als das Soda- oder 
Natronglas. Will man die Qualität des Materials 
weiter verbessern, fügt man Blei in Form von 
Mennige hinzu und erhält nun das bekannte 
Bleikristall, das einen höheren Glanz besitzt als 
gewöhnliches Glas und auch weniger spröde ist, 
so daß es sich leichter verarbeiten und schleifen 
läßt. Außer einem Bleikristall, welches 30% Blei 
enthält, wird in Wadgassen ein Spezialglas her 
gestellt, ebenfalls ein schönes, reines, helles 
Glas mit einem Bleigehalt von 3—5%. 
In einer Cemengekammer werden also, wie be 
reits erwähnt, nach einem besonderen Rezept die 
Rohstoffe für das zu gewinnende Glas zusammen 
gestellt, in Mischtrommeln gemengt und schließ 
lich in die tönernen Schmelz gef äße, die soge 
nannten „Häfen“ gefüllt, von denen je 10 in 
den Schmelzöfen stehen. Das Roihstoffgemenge 
wird über Nacht geschmolzen und am Tage im 
Einschichtsystem herausgearbeitet. 
Um die beiden großen Schmelzöfen herrscht 
eine verwirrende Geschäftigkeit. Im Rackernden 
Schein der Gasflammen, die in den Öfen lodern, 
bewegen sich die Arbeiter hin und her, und nur 
mühsam erkennt man, daß hier jede Hand 
habung geregelt ist und sich in Ordnung voll 
zieht. Rings um die Sdnnelzöfen befinden sich 
14—15 Arbeitsplätze mit je 4 Mann. Die kleinen 
Gruppen konzentrieren sich um den Glasmaeher- 
meister, der für die ausführenden Arbeiten ver 
antwortlich ist. Einer der Arbeiter der Vierer 
gruppe, der Glasbläser, entnimmt mit seiner 
„Glasmacherpfeife“ (siehe Abb. 2), einem etwa 
1V2 Meter Langen Stahlrohr, dem Ofen einen 
Posten zähflüssigen Glases und bildet damit 
durch Aufblasen, Schwenken in der Luft und 
Einblasen in eine gußeiserne Hohlform den Kelch 
eines Glases. Der Glasmadiermeister übernimmt 
die „Pfeife“ mit dem fertiggeblasenen Kelch und 
formt, das Glas gleichmäßig rotierend, Stengel 
und Fußplatte, daran, wozu ihm das Material 
von einem zweiten Gehilfen mit einem „An 
fangeisen“ gereicht wird, Schließlich wird das 
fertiggewordene Glas von einem 3. Gehilfen 
von der Pfeife abgeschlagen und fortgebracht. 
Abb. 2. Glasbläser 
Die Arbeitsgruppen arbeiten im Akkord. Wir be 
wundern die Handfertigkeit vor allem des Glas 
bläsers und des Glasmachermeisters, deren Tätig 
keit nicht nur große Geschicklidikeit, sondern 
auch ein genaues Augenmaß voraussetzt. Wenn 
auch das Glas nach diesem Arbeitsprozeß eine 
normale Färbung angenommen hat, besitzt es 
doch noch eine Temperatur von 300—400 Grad. 
Würde man es der Tagestemperatur preisgeben, 
müßte es unweigerlich zerspringen, da durch die 
unregelmäßige Erstarrung des Glaskörpers Span 
nungen entstehen, die zum Bruch führen. Um 
den Spannungszustand auszugleichen, muß jeder
	        

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