Full text: 1955 (0083)

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Von Ingeborg Margait, Saarbrücken 
Die Legende erzählt, daß es phönizische Rei 
sende waren, die als erste das Glas entdeckten, 
als sie im Bett eines ausgetrockneten Flusses ihr 
Lagerfeuer anzündeten und am nächsten Morgen 
in der Asche Stücke geschmolzenen Glases fan 
den. In der Hitze der Flammen war es aus einer 
Mischung von Quarzsand und Asche entstanden. 
Tatsächlich liegt die Entdeckung des Glases aber 
viel weiter zurück. Bereits im 4. Jahrtausend vor 
unserer Zeitrechnung vermochten die Ägypter 
Glas herzustellen und zu verarbeiten. Funde aus 
den Königsgräbern sind für uns heute die älte 
sten Zeugen einer Glasverarbeitung. Aber auch 
die Inkas kannten bereits vor 3 800 Jahren ein 
Glas vulkanischen Ursprungs, das ihnen als ärzt 
liches Instrumen, für komplizierte Gehimopera- 
lionen diente. Bei den Griechen war ein Tropfen 
Glas so viel wert wie eine kostbare Perle, und im 
alten Rom konnten sich nur die reichsten Leute 
gestatten, ihre Paläste mit einer Glasscheibe zu 
schmücken. Im Mittelalter lag das Zentrum der 
Glasherstellung in Venedig. Bis auf unsere Tage 
hat sich der Ruhm der venezianischen Gläser er 
halten. In Deutschland wurden zu jener Zeit aus 
der zähflüssigen Glasmasse Kugeln geblasen, die 
halbiert und in Blei gefaßt wurden. Diese so 
genannten Butzenscheiben schmückten die Häu 
ser wohlhabender Bürger. 
Seit jener Zeit der ersten Glasmacher und Glas 
hütten bis zu unseier heutigen hochentwickelten 
Industrie, die für Glas die verschiedensten Ver 
wendungsmöglichkeiten erschlossen hat, wurde 
ein weiter Weg stürmischer Entwicklung zurück 
gelegt. Wir verarbeiten das Glas nicht nur zu 
Fensterscheiben, Trinkglä-ern oder kostbaren 
Kunstgegenständen, wir benützen es nicht nur 
zur maschinellen Massenherstellung von Flaschen, 
Laboratoriums- und Gerätegläsern oder zur 
Fabrikation von Beleuchtungs- und optischen 
Gläsern; in den Laboratorien unseres Zeitalters 
wurden dem Glas Gebiete erschlossen, von denen 
ein La’ie sich nichts träumen läßt. Wir vermögen 
Sicherheitsglas fherzulstellen, dessen Bruch sich 
nach besonderen Gesetzen vollzieht, ferner Glas, 
durch das wohl Licht, nicht aber die Wärme der 
Sonnenstrahlen dringen kann, Hartglas, das ela 
stischer ist als Baustahl, schußsichere Panzer- 
Igläser und andererseits nicht brennende, ab 
waschbare Dekorationsstoffe aus Glasfasern von 
einer Feinheit von 0,002 Millimetern, die als 
Mittel zur Schalldämpfung dienen. 
Aber trotz aller bisher erzielten tedmischen 
Fortschritte, trotz Maschinisierung, trotz Erfin 
dung halb- oder vollautomatischer Verfahren zur 
Glasverarbeitung werden di© künstleri 
schen Glaserzeugnisse wie im Mittelalter durch 
Mundblasverfahren handwerklich hergestellt. Ein 
handgearbeiteter kostbar geschliffener Bleikristall- 
keldi, eine edelgeformte Vase, in deren Schliff 
sich das Licht regenbogenfarbig bricht, wird das 
Glamzstück der Glasverarbeitung bleiben. 
Das Saarland besitzt außer einer Flachglas- 
hiitte in St.Ingbert und einigen kleinen glasver 
arbeitenden Betrieben nur eine einzige größere 
Fabrik, die künstlerische Claswaren herstellt. Dies 
ist Villeroy & Boch in Wadgassen (s. Abb. 1). 
Das Werk, das wie die Steingutfabrik in Mett 
lach, auf dem Boden einer alten Abtei entstanden 
ist, wovon allerdings nur noch einige Grund 
pfeiler der ehemaligen Abteikirche Zeugnis ab- 
legen, beschäftigt ca. 450 Belegschaftsmitglieder. 
Es hat einen monatlichen Umsatz von 200 000 bis 
250 000 Gläsern, von denen das Saarland etwa 
15% aufnimmt, während der bedeutendste Teil 
der Produktion nach Frankreich abgesetzt wird 1 . 
20—25% der gesamten Glas- und Kristallerzeug- 
misse werden exportiert, außer den europäischen 
Ländern bis nach Afrika, Amerika, Neuseeland 
usw. •. . 
Mit Interesse nehmen wir an einer Führung 
durch den Betrieb teil, um uns darüber zu in 
formieren, wie in heutiger Zeit fabrikmäßig 
künstlerische Glaserzeugnisse hergestellt werden. 
Wir beginnen mit der Besichtigung der Gemenge 
kammer, die, so bedeutungslos sie auch auf den 
Abb. I. Villeroy & Boch, Wadgassen
	        

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