Full text: 1954 (0082)

mußten begossen werden. Wir waren davon 
etwas müde geworden und legten uns ein biß 
dien lang. Das Gedinge stand gut, wir konnten 
uns schon mal eine kleine Feierstunde leisten, 
zumal bei so freudigem Anlaß, noch dazu am 
Samstagabend. 
Die anderen hatten ihre Lampen an den 
Stempeln aufgehängt, — ich hatte meine neben 
mich auf die Sohle gestellt. Ich merkte, wie 
mich plötzlich eine unüberwindliche Müdigkeit 
übermannte, ich versuchte dagegen anzukämp 
fen — vergeblich. Bleischwer lag es mir in Kopf 
und Gliedern. Die drei anderen waren offen 
bar eingeschlafen. Der Qualm meiner Lampe 
schlug mir ins Gesicht. Ich bekam keinen Atem, 
mußte aufstehen. Ich richtete midi auf, schaute 
nach der Lampe hin, sie blakte und qualmte 
entsetzlich. Ich schüttelte sie, — öl war noch 
genügend darin. Ich erhob mich vollends, und 
siehe da, sie brannte heller! Ich ließ sie auf die 
Sohle herunter, sie qualmte wieder so furcht 
bar. Ich wurde mit einem Schlage munter: Matte 
Wetter! Wir lagen dicht am .alten Mann'. Viel 
leicht ein plötzlicher Barometersturz, der sie aus 
dem .alten Mann' herausgedrückt hatte. Das 
hätte sehr leicht verhängnisvoll werden können! 
Ich konnte die anderen Kameraden nicht wach 
bekommen, mußte Wasser aus der nahen 
Wassersaige holen, ihnen über das Gesicht gie 
ßen, ehe sie zu sich kamen. Es war höchste Zeit 
gewesen! 
Für mich war es eine ernste Lehre, mir war 
es, als schaute mich die Lampe böse und zür 
nend an. ,Was machst du für Geschichten! Unter 
Tage saufen, sich dann lang hinlegen, auf matte 
Wetter nicht achten, und dann beinahe ins Jen 
seits hinüberschlafen! Und so etwas will Berg 
mann sein!' 
Wieviel Geschichten und Erlebnisse konnte 
diese Lampe zum besten geben! Es ist vielleicht 
ganz gut, daß ihr blecherner Mund zum Schwei 
gen verurteilt ist. 
Jeder anständige Bergmann hält etwas auf 
sein Geleucht. Meine Anhänglichkeit an meine 
Lampe fiel jedoch natürlich bald auf, schien 
manchem anderen übertrieben und lächerlich 
und führte zu manchen Hänseleien und Scher 
zen. Nun bin ich ja in jungen Jahren auch kein 
Spaßverderber gewesen und machte manchen 
Scherz mit. Doch manchmal mußte ich Einhalt 
gebieten. So war es der Fall, als ich noch sehr 
jung zum Oberhauer befördert wurde, was na 
türlich gebührend gefeiert werden mußte. Im 
Übermut der vorgerückten Stunde verabreichte 
einer der älteren Kollegen .meiner Braut' — 
der Lampe — damit sie nicht so trocken und 
durstig Zusehen sollte, ebenfalls einen zwei 
stöckigen Korn, indem er diesen ihr in den Öl 
kessel eingoß. Das ging mir denn doch zu weit. 
Erstens war es schade um den schönen Korn, 
und zweitens ließ ich meine Lampe nicht ver 
unglimpfen. 
Als ich aber schließlich Steiger geworden 
war, habe ich ihr selbst zur Feier des Tages 
einen reinen Sechsundneunziger eingeflößt. Ich 
denke, sie hat mich sicher verstanden, wie ich 
es gemeint habe, und es mir nicht übel 
genommen. 
Die Streiche der Jugend legen sich bald, und 
an jeden tritt der Ernst des Lebens zeitig genug 
heran. 
Ich mußte als Abteilungssteiger einmal im 
Monat den Fahrschacht revidieren. Es war im 
Winter. Die Fahrten waren im obersten Teil des 
Schachtes bei dem herrschenden Frost dick von 
Eis überkrustet. Meine Stiefel waren mit dicken 
Zwecken benagelt und fanden auf den vereisten 
Fahrtensprossen keinen sicheren Untergrund. 
So vorsichtig ich auch die Fahrten abwärts klet 
terte, einmal kam doch der Augenblick, wo 
mein Fuß auf einer Sprosse abgleiten mußte. 
Ich verlor das Gleichgewicht, meine rechte Hand 
fand keinen Halt, ich war im Begriff abzustür 
zen, da hakte ich den Haken der Lampe, die ich 
in der linken Hand trug, an einer Sprosse ein. 
Das bewahrte mich vor dem Absturz. Ich fand 
mein Gleichgewicht wieder, ich konnte im letz 
ten Augenblick mit der Rechten besser zufassen 
und mich festklammern. Bei dem Einhaken hatte 
ich jedoch versehentlich den Bügel der Lampe 
geöffnet, der Deckel klaffte ein wenig, und das 
heiße öl ergoß sich über meine linke Hand. Ein 
wahnsinniger Schmerz ließ mich aufschreien, 
aber es war nicht mehr ungeschehen zu machen. 
Ich mußte die Höllenqualen verbeißen, in dieser 
unbequemen Lage ausharren, vor allem erst 
mal wieder die Lampe schließen, dann erst vor 
sichtig weiter abwärts steigen. Ich konnte noch 
von Glück reden. Als ich auf der nächsten 
Bühne ankam, sah ich es erst. — Einige Ver 
schalungsbretter hatten sich gelöst, hingen nur 
noch ganz lose in den Schacht hinein. — Wenn 
ich auf der Fahrt den Halt verloren hätte, wäre 
ich in den Schacht, hundertachtzig Meter tief, 
hinabgestürzt. 
Ich habe die Rettung allerdings mit der ver 
brannten Hand bezahlen müssen. In Zukunft 
habe ich bei Frost und Glatteis keine benagelten 
Stiefel mehr zur Schachtbefahrung angezogen. 
Es hat monatelang gedauert, bis die Hand 
einigermaßen wieder heil war, und jeden Win 
ter sprang sie mir immer wieder von neuem 
auf. Das große Brandmal auf meiner linken 
Hand wird nie mehr verschwinden. 
In mir wollte damals ein finsterer Groll ge 
gen meine Lampe aufsteigen. Erst später, bei 
ruhiger Überlegung kam ich zu der Einsicht, daß 
sie damals wohl meine Rettung gewesen ist. Sie 
jfii
	        

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