Full text: 1953 (0081)

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bedürfnissen der Saarbrücker Fürsten. So wurde 
1753 ein neues Schloß erbaut, zu dem Joachim 
Friedrich Stengel die Pläne entworfen hatte. 
Auf einem offenen, halbmondförmigen Grund 
riß erhob sich ein Spätbarockbau. Die Fassaden 
gestaltung und noch mehr die Innenarchitektur 
spiegelten Eleganz, Lebensfreude und Jagd 
leidenschaft der Saarbrücker Fürsten wider. 
Eine nachhaltige, siedlungsbildende Tendenz 
für das Dorf Neunkirchen ging jedoch von den 
beiden Schloßbauten nicht aus. Es ist lediglich 
der Zuzug von einigen Familien zu verzeichnen, 
wie Handwerker und Bedienstete, die im Zu 
sammenhang mit dem Schloß standen. Die beiden 
Schlösser sind heute restlos verschwunden, nur 
einige Straßen- und Hausnamen erinnern noch 
daran. Für die Geschichte Neunkirchens bilden 
sie nur eine schöne und interessante Episode. 
Die Ausbeutung der Bodenschätze 
Von weit wichtigerer, ja schicksalhafter Be 
deutung für Neunkirchen wurde die Ausbeutung 
der Bodenschätze, welche in der älteren Zeit auf 
der Grundlage des Waldes (Holz zur Gewinnung 
der Holzkohle als Brennstoff) und dem Eisen 
erzvorkommen (Brauneisen- und Toneisenstein) 
in den heimischen Wäldern beruhte. Die Lage 
der ersten Eisenschmelzen war in der Anfangs 
entwicklung nicht nur an die Nachbarschaft von 
Wald und Eisenerz gebunden, sondern auch an 
das Vorhandensein von Tälern, in denen das 
Wasser der Bäche leicht gestaut werden konnte 
als Kraftquelle für die Wasserräder, welche die 
Blasebälge drückten und die Hämmer bewegten. 
So entstanden zunächst weitab vom Dorf Eisen 
schmelzen im Sinnertal (1430) und im Ostertal 
(1510). Nach einer hundertjährigen Entwicklung 
war die Hüttentechnik vorangeschritten: die 
Schmelzöfen waren höher, die Blasebälge größer 
und die Hämmer schwerer geworden. Die Kraft 
der Waldbäche reichte nicht mehr aus. Da ver 
ließen die alten Eisenschmelzen ihre bisherigen 
Standorte und wanderten, stärkere Wasser 
kräfte suchend, ans Bliesknie bei Neunkirchen, 
an die Stelle, wo das Eisenwerk heute noch 
liegt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts besteht 
hier ein bereits gut „florierendes" Eisenwerk, 
wie eine gußeiserne Ofenplatte mit der Be 
schriftung „1595 — Neunkirchen“ — heute im 
Lichthof des Saarlandmuseums — bezeugt. Der 
Saarbrücker Chronist Andreae berichtet wenige 
Zeit später: „Ohnweit diesem Dorf (Neun 
kirchen) ist eine Eisenhütte, wegen ihren guten 
Eisens und Öfen weitberühmt." 
Von zeitbedingten Schwankungen abgesehen 
— selbst der Dreißigjährige Krieg mit seinen 
Verwüstungen konnte es nicht zum völligen Er 
liegen bringen — hielt sich das Werk fast 
200 Jahre auf der alten Grundlage der Holz 
kohle, der heimischen Erze und der Wasser- 
kiaft. Erst nach dem Versiegen dieser Rohstoff- 
grundlage (Auskohlung der Wälder und Er 
schöpfung der heimischen Erzvorkommen) trat 
die große Schicksalskrise ein, die der Neun- 
kircher Eisenindustrie ein sicheres Ende bereitet 
hätte, wie es bei den gleichgelagerten Eisen 
schmelzen der Eifel und der Hunsrücktäler tat 
sächlich der Fall war, wenn nicht die im Unter 
grund Neunkirchens liegenden wertvollen Stein 
kohlenflöze als neue Rohstoff- und Kraftquelle 
vorhanden gewesen wäre. Diese allein sidiern 
Bestand und Weiterentwicklung des Werkes 
und damit den Aufschwung Neunkirchens. 1806 
verließen die drei Brüder Stumm ihre alten, 
absterbenden Hunsrückhütten und erwarben das 
zukunftsträchtige Neunkircher Eisenwerk, das 
sie im Laufe von vier Generationen mit viel 
Wagemut und großer Energie zu einer be 
deutenden Schwerindustrie entwickelten. 
1821 wurde die Grube König angehauen, und 
die hier aufgestellten Koksöfen belieferten das 
Eisenwerk mit Koks zum Ausschmelzen der 
Eisenerze, wodurch die tödliche Holzkohlennot 
überwunden wurde. Durch das Puddlingsver- 
fahren konnte die Steinkohle unmittelbar zum 
Frischen (d. h. Reinigen) des Roheisens ver 
wandt werden. Damit hatte die Eisenindustrie 
den entscheidenden Schritt zur Steinkohle hin 
getan. Das Eisenwerk dehnte sich aus. Grube 
auf Grube entstand in der Bannmeile Neun 
kirchens. Neben den schon vor 1800 bestehen 
den Gruben Wellesweiler und Kohlwald ent 
standen König, Oberschmelz, Annaschacht, Reden, 
Heinitz, Dechen. Der Bau der Eisenbahnen 
(zwischen 1850 und 1879) schloß den zwischen 
den Verkehrslinien liegenden aufstrebenden In 
dustrieort an die Absatzgebiete und die neuen 
Eisenerzlager (Lahn und Lothringen) an. Das 
bäuerliche Hinterland wurde erschlossen, aus 
dem die Arbeitskräfte nach Neunkirchen 
strömten, die zum größten Teil „Pendler" wur 
den, d. h. zwischen Wohnort und Arbeitsplatz 
hin- und herpendelten, und es auch heute noch 
sind. Aber auch von weit her wanderten Men 
schen, Arbeit und Brot suchend, hier zu, die in 
Neunkirchen seßhaft wurden. Der Ausbau der 
Wohngebiete, das Aufblühen von Handel, Hand 
werk und Gewerbe, der Bau von Schulen, 
Kirchen, Krankenhäusern usw. hielt mit dieser 
stürmischen Entwicklung Schritt. Zwischen 1800 
und 1870 wuchsen die Wohngebiete noch 
zögernd vom alten Dorfkern am Oberen Maikt 
aus den Hüttenberg hinunter dem Eisenwerk 
zu und auf der anderen Seite der Talstraße 
entlang bis zum Heusners Weiher. Nach 1870 
drängten die Wohngebiete rasch zum Bahnhof 
NEUFANG MALZBIER
	        
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