Full text: 1953 (0081)

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WERDEN und WESEN 
EINER SAARLÄNDISCHEN 
INDUSTRIESTADT 
Von Bernhard K r a j e w s ki, 
Neunkirchen/Kohlhol 
Mit dem Begriff Industriestadt verbindet sich 
häufig die Vorstellung, daß da, wo vorher nur 
Ödland, Wald oder Agrarland war, in kurzer 
Zeit Industrieanlagen mit ausgedehnten Ar 
beiterwohngebieten wie Pilze nach einem war 
men Regen aus der Erde schießen. Eine solche 
Vorstellung trifft auf keine saarländische Indu 
striestadt zu, insbesondere nicht auf Neun 
kirchen. 
Als Stadt im rechtlichen Sinne ist Neunkirchen 
noch sehr jung, erst 30 Jahre alt, aber als Sied 
lung reicht seine Entwicklung viele Jahrhunderte 
zurück. Auf dörflicher Grundlage langsam ge 
wachsen, vollzog sich der Übergang zum Stand 
ort einer Schwerindustrie ziemlich rasch, in nur 
wenigen Jahrzehnten um die Jahrhundert 
wende. Die Frage, — warum und wie wurde 
Neunkirchen Industriestadt — ist eine mehr 
siedlungs-geschichtliche als historische Frage, 
die in nachstehendem Aufsatz beantwortet wer 
den soll. 
Die formenden Kräfte am Bilde einer jeden 
Siedlung sind nicht aus Urkunden und Akten 
ablesbar — so wertvoll diese als Quelle und 
Beleg sind. Das lebendige, drängende Leben läßt 
sich nicht ans Papier binden, sondern wirkt im 
tätigen Menschen und den Gegebenheiten der 
Natur: also die Landschaft und der Mensch er 
klären primär Entstehung und Wachstum, Fort 
schritt oder auch Rückgang eines Dorfes, einer 
Stadt. 
Die heutige Industriestadt Neunkirchen ist 
aus einem Waldland erwachsen, aus einem sied 
lungsgeschichtlich „toten" Raum einer Wald 
zone, die sich seit urdenklichen Zeiten im mitt 
leren Saarland auf dem Steinkohlengebirge von 
SW nach NO dahinzog. Lange hat der bäuer 
liche Mensch diesen Urwald gemieden, bis etwa 
um das Jahr 1000 alle waldfreien Gebiete un 
serer Heimat voll ausgenutzt und besiedelt 
waren. Da griff die nachdrängende Jungmann 
schaft, neuen Lebens- und Wohnraum suchend, 
den Wald an und mit der Axt in der Faust 
wurde der Urwald gelichtet. In diesem so 
genannten Rodungszeitalter und der anschlie 
ßenden Ausbauzeit wurde Neunkirchen angelegt 
und gegründet. Diese Zeit besitzt jugendlichen 
Schwung und vitale Energie, die nicht nur bei 
den Bauern, sondern auch bei den Grundherrn 
als Siedlungsträger spürbar ist. Nur so ist es zu 
erklären, daß damals auf dem heutigen Neun- 
kircher Bann fünf Dörfer fast zur gleichen Zeit 
entstanden: Alsweiler, Rodenbach, Furpach, 
Neunkirchen und etwas später Wellesweiler. 
Drei Dörfer wurden nach einigen Generationen 
als Fehlgründungen erkannt und verlassen. Als 
weiler und Rodenbach gingen ganz ein, Furpach 
bildete sich in einen Hof zurück, nur Neun 
kirchen und Wellesweiler zeigten Bestand, da 
hier die natürlichen Gegebenheiten die günsti 
geren waren. 
Der dörfliche Charakter Neunkirchens, wie er 
durch seine Anfangsentwicklung grundgelegt 
war, hat sich im Siedlungsbild des Ortes bis 
zum Ende des 19. Jahrhunderts erhalten. Erst 
die Industrialisierung veränderte den Charakter 
und das Gesicht des Dorfes völlig. Neunkirchen 
wurde Industriestadt, wuchs sprunghaft, un 
organisch, weil verschieden starke Siedlungs 
tendenzen auf das Wachstum einwirkten: das 
stille Dorf, die beiden Schloßbauten und die 
Ausbeutung der reichen Bodenschätze. 
Die Anlage des Dorfes 
Neunkirchen liegt geologisch gesehen auf der 
Grenze von Buntsandstein und Karbon. Der 
Unterort liegt im Karbon, der Oberort im Bunt 
sand. Die erste Anlage des Dorfes erfolgte im 
Buntsandsteingebiet des heutigen Oberen Mark 
tes im Bereich der Marktstraße, Heizengasse 
und Steinbrunnenweg, dort, wo ein natürlicher 
Quellhorizont sich herausgebildet hatte. Der 
wasserspeichernde Buntsandstein liegt hier auf 
der alten Oberfläche des Karbon auf, und eine 
Reihe von Schichtquellen treten hier zutage: 
Steinbrunnen, Fischkasten, Haken- und Wolfs 
brunnen. Hier fließt das lebenspendende Ele 
ment, ohne das keine menschliche Siedlung 
existieren kann. Zudem liegt diese erste Sied 
lungsfläche im Wind- und Regenschatten der 
höher gelegenen Schloßstraße, besitzt leichte 
Süd- und Südostlage und meidet vor allem das 
Überschwemmungsgebiet des Bliestales. Auf 
dieser günstigen Siedlungsgrundlage beginnt
	        

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