Full text: 1952 (0080)

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Boorbcüta Jötille aus ößt inmtßn Hälfte 
des notigen joMunöects 
Von Rudolf S a a m , Jägersfreude 
er heute in Saarbrücken durch die Bahn 
hof-, Dudweiler- oder Rathausstraße geht, 
wird von eilenden Passanten, hupenden Autos, 
quietschenden Straßenbahnen und ähnlichen Er 
scheinungen unserer hastigen Zeit aufgehalten. 
Kein Wunder, denn hier befindet sich heute 
das verkehrsreichste Viertel der Saargroßstadt. 
Führende Geschäfte haben ihre Verkaufsräume 
hier eingerichtet und Tausende von Menschen 
tätigen ihre täglichen Einkäufe. Nur die ältesten 
Einwohner wissen noch, daß vor zwei Gene 
rationen der Schwerpunkt des Geschäftslebens 
in anderen Straßen lag. 
Bis etwa 1870 waren Saarbrücken und 
St. Johann recht bescheidene kleine Städte. In 
jener Zeit befanden sich die größten und füh 
renden Geschäftshäuser auf der linken Saar 
seite, in Saarbrücken. Nicht nur die Bewohner 
der umliegenden Dörfer, sondern sogar die 
St. Johanner begaben sich zu wichtigen Ein 
käufen nach Saarbrücken. Die bedeutendsten 
damaligen Textilwarenhäuser waren Korn, an 
der Schloßfreiheit, Omlor, in der Wilhelm- 
Heinrich-Straße, sowie Charlotte Reuter und 
Dettweiler, in der Schloßstraße. Ihre Kopfbe 
deckungen kauften die Saarbrücker in der Vor 
stadtstraße, beim Hutmacher Boucher oder beim 
Kappenmacher Philipp Simon. 
Es war die Anlage des Bahnhofs auf dem 
St. Johanner Bann, die über die allmähliche, 
aber stetige Verdrängung der Schwesterstadt 
auf dem linken Saarufer entschied. Erst im 
Jahre 1848 war in St. Johann ein Briefkasten 
angebracht worden; bis dahin mußten die dor 
tigen Bewohner ihre Briefe auf die Post nach 
Saarbrücken tragen. 
Nach der vier Jahre späteren Eröffnung der 
Eisenbahnlinie Metz—Mannheim begann in den 
beiden Saarstädten eine lebhafte Bautätigkeit 
auf dem Bahnhof, als dem Ursprung eines 
neuen Lebens. Während früher der Markt 
zwischen Saarbrücken und St. Johann gewechselt 
hatte, wurde er jetzt in St. Johann an den 
gleichen Tagen wie in Saarbrücken abgehalten. 
Wollte Saarbrücken nicht ins Hintertreffen ge 
raten und eine tote Stadt werden, so mußte es 
einen möglichst nahen Anschluß an den Bahn 
hof suchen. 1863 wurde mit dem Bau der Brücke 
zwischen Eisenbahn- und Viktoriastraße be 
gonnen, die zwei Jahre später fertiggestellt 
war. Das heute noch stehende Haus auf der 
Saarbrücker Seite war ursprünglich als kleines 
Zollhaus errichtet worden. 
Als sich Saarbrücken nun nach Westen aus 
zudehnen begann, und die Eisenbahn- und 
Warndtstraße angelegt wurden, errichteten Dett 
weiler und andere finanzkräftige Kaufleute 
schönere Verkaufsräume in den neuen Straßen 
zügen, die die Bewohner der näheren und 
weiteren Umgebung anzogen. — Damals ent 
standen in der Eisenbahnstraße auch die be 
kannten und beliebten Schneidergeschäfte 
Scheffler und Dilg. 
Ein Schuhgeschäft mit Fertigschuhen gab es 
vor 1870 nicht, denn die Bürger ließen sich ihre 
Schuhe beim Schuhmacher nach Maß anfertigen. 
Das erste Schuhgeschäft wurde in der Schloß 
straße von Maurer in dem ehemaligen Dett- 
weilerschen Hause, gegenüber dem Herrgotts 
brunnen, eröffnet. 
Lange Zeit gab es in der ganzen Stadt nur 
einen Konditor, den Meister Träger, der sein 
Geschäft am Anfang der Schloßstraße hatte. 
Später entstanden in der Eisenbahnstraße die 
Konditorei „Retsch" und in den 80er Jahren 
die Konditorei Deschen. 
Auch St. Johann entwickelte sich langsam und 
zielstrebig dem Bahnhof zu. Der Sulzbach wurde 
im Stadtgebiet überwölbt, Bürgersteige in den 
Straßen angelegt und die offenen Dungstätten 
beseitigt. 1855 wurden in St. Johann noch 
350 Kühe und 200 Schweine gehalten. Das erste 
Geschäft, das groß angelegt wurde, war in der 
Bahnhofstraße das Haus der Gebrüder Brach 
an der Ecke der Viktoria- und Bahnhofstraße, 
kurz „Brache Eck" genannt. Die Stelle, wo sich 
heute das Passage-Kaufhaus erhebt, hieß früher 
„Riesendamenplatz". Dort zeigten alljährlich 
Menagerien dressierte und exotische Tiere. — 
Wollte man sich photographieren lassen, so 
mußte man zum Photographen Reichig, nach 
St. Johann, oder zum Photographen Hochapfel, 
nach Saarbrücken gehen. 
Neben der deutschen Währung wurden in 
den beiden Saarstädten vor 1870 und noch 
einige Zeit später auch französische Sous ge 
nommen, die durch lothringische Bäuerinnen, 
die hier Milch, Butter und Eier verkauften, in 
Umlauf kamen. Ein Sous hatte den Wert von 
vier Pfennigen, und ein Franc kostete acht 
Groschen. 
Viele Brautleute stahlen sich vor 1870 schwarz 
über die Grenze, um sich in Forbach ihre 
Brautsachen, vor allem aber die begehrten 
Reimser Kaschmirschale zu kaufen. Später 
kamen die Forbacher Kaufleute an zwei Tagen 
in der Woche in die Städte und boten in be 
stimmten Wirtschaften ihre Waren an. 
Der zunehmende Verkehr auf der St. Johanner 
Seite rief 1890 die Eröffnung der Dampf-
	        
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