Full text: 1952 (0080)

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Die Moritat von der Geiß, die keine Milch geben wollte 
Liebe Leute, höret die Geschichte, 
Eine wahre Mordgeschichte, 
Die sich zugetragen hat 
In der nahen großen Stadt. 
Hier könnt Ihr Sepp und Agnes sehn —, 
Der Sepp ist groß, die Agnes kleen —, 
Wie Hand in Hand auf’s Land sie laufen, 
Um eine Geiß dort einzukaufen. 
Hier seht Ihr dann die zwei voll Glück 
Auf ihrem Weg zur Stadt zurück. 
Die Geiß, die zottelt kreuz und quer 
Am langen Stricke hinterher. 
Hier seht Ihr schon den Vollmond gehn 
Hoch über Tal und Bergeshöhn. 
Da hat der Sepp erst spät zur Nacht 
Die Geiß in ihren Stall gebracht. 
Wie er hier auf dem Bettrand sitzt, 
Bis auf das Hemd petschnaß geschwitzt, 
Da flucht er, hundemüd und heiß: 
„Der Teufel hol die Meckergeiß!' 
Jedoch die tapfere Agnes sagt: 
„Man hat nichts, wenn man sich nicht plagt." 
Wer einen Mann zu bändigen weiß, 
Wird fertig auch mit einer Geiß. 
Hier steht die Geiß in ihrem Stall 
Und um sie her die andern all. 
Sie warten alle ungedillig 
Mit ihrem Pott auf Geißemilich. 
Der Sepp spricht: „Schon seit vielen Tagen 
Frißt du dir voll den großen Magen. 
Du Aas sollst endlich Miiich geben, 
Sonst bring’ ich dich noch heut ums Leben." 
Die Agnes spricht, ihn zu versöhnen: 
„Die Geiß muß sich erst eingewöhnen." 
Jedoch ich muß Euch leider melden, 
Der Sepp fährt fort mit seinem Schelten. 
Hier seht Ihr alle voll Entsetzen 
Den Unhold seinen Dullich wetzen. 
Ihr seht an diesem schlimmen Bilde, 
Der Sepp führt Böses noch im Schilde. 
Hier könnt Ihr dann den Bösen schauen, 
Wie er beim ersten Morgengrauen 
Auf Filzpantoffeln schleicht ganz leis 
Hinab zum Stall, hinab zur Geiß. 
Die Geiß,.die ihren Herrn erkennt, 
Sie meckert freundlich, weil sie mennt, 
Er brächte ihr, vor Lieb’ versessen, 
So früh was Gutes schon zu fressen. 
Doch der ergreift sie fest am Sterz 
Und stößt den Dullich ihr ins Herz. 
Durch’s Haus gellt laut ein Todesschrei. 
Dann ist es ruhig, ist’s vorbei. 
Hier seht Ihr, wie Agnes erscheint, 
Im Nachthemd noch und ganz verweint. 
„Mein Gott! Mei Geiß! Du Wüterich, 
Viehischer Mörder, mord’ auch mich," 
Der Sepp ist wie der Schnee so weiß, 
„Fahr hin und folge nach der Geiß!" 
So sticht er denn um’s Morgenrot 
Sein Weib und sich dann selber tot. 
Hier schwebt die arme Seele schon 
Empor vor Gottes Richterthron. 
Der aber jagt sie auf der Stell 
Zu allerunnerschd in die Höll. 
Und wieder habt Ihr jetzt gesehn, 
Welch’ böse Taten sind geschehn, 
Weil sich der Mensch, der Bösewicht, 
Hält an die zehn Gebote nicht. 
„Du sollst nicht töten!" steht geschrieben, 
Du sollst nicht morden, sondern lieben. 
Jetzt muß der Sepp für seine Taten 
Auf ewig in der Hölle braten. 
• * • 
BECKER S BIER
	        

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