Full text: 1952 (0080)

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D er „Moritatensängei" oder „Mordgeschich 
tenerzähler' ist aus dem Straßenbild unserer 
Dörfer verschwunden wie so vieles, das dem 
dörflichen Leben ein Gepräge gab. Wenn man 
jedoch meint, daß ihm die Zeitung den Garaus 
gemacht hätte, so muß ich widersprechen. Die 
Zeitungen waren längst ein Lebensbedürfnis 
der Menschen, als der .Beruf" des „Moritaten 
sängers" noch existierte. Sein Verschwinden hat 
ganz andere Gründe. 
Der „Moritatensän 
ger" ist der herunter 
gekommene Nachkom 
me nobler Ahnen. Jene 
illustren königlichen 
Sänger, die uns in 
ihren Heldenepen groß 
artige Beweise einer 
hohen Erzählerkunst 
hinterlassen haben, ge 
hören zu ihnen. Doch 
steht die „Moritat“ 
zum Heldenepos im 
gleichen Verhältnis wie 
die Rüpelszenen in 
denShakespeare’schen 
Dramen zum Auftre 
ten von Königen und 
anderen erlauchten Persönlichkeiten. 
Das Mittel, mit dem sie Wirkung zu erzielen 
versuchten, war das Entsetzen über eine 
schreckliche Missetat, bei deren Schilderung den 
Zuhörern eine Gänsehaut über den Rücken lief. 
Oft spekulierten sie auf die dunkelsten In 
stinkte im Menschen, gaben sich aber den An 
schein eines in die sittliche Ordnung passenden 
Tuns, indem sie ihrem Bericht eine moralische 
Belehrung anfügten, die die Tugendhaftigkeit 
lobte und das Laster tadelte. 
Die „Mordgeschichtenerzähler" waren überall, 
wo viele Menschen zusammenkamen und sie 
auf einen starken Zulauf hoffen durften. Das 
war besonders bei großen Jahrmärkten der 
Fall. So waren sie die von ihnen bevorzugten 
Plätze. 
Als aber dieses „Handwerk" seinen Mann 
schlecht zu ernähren begann, vielleicht weil die 
Konkurrenz zu stark geworden war, gingen sie 
auf’s Land, wo sie gern gesehen waren. Männer 
und Frauen wanderten meistens zusammen, 
weil die gesungene oder mitunter nur dekla 
mierte Mordgeschichte durch den Zweiklang der 
Stimmen einen weiteren Anreiz erhielt. Da 
neben machten die „Künstler“ auch auf andere 
Weise Reklame für sich. Sie führten Musik 
instrumente mit sich — mit Vorliebe die Dreh 
orgel — deren weinerlicher Ton zu der Stim 
mung paßte, in die der 
„Moritatensänger' 
sein Publikum zu ver 
setzen wünschte. Auch 
Tanzbären und Affen, 
deren menschenähn 
liche Grimassen be 
sonders von der Ju 
gend bestaunt und be 
lacht wurden, dienten 
als Lockmittel. 
Dem „Moritatensän 
ger" war es nicht um 
die Kunst zu tun. Es 
kam ihm darauf an, 
seinen Zuhörern das 
Geld aus der Tasche 
zu locken, das sie in 
Beuteln aus Schweins 
blase oder ins Schnupftuch geknotet, verwahr 
ten. Um dieses Ziel zu erreichen, war ihm 
jedes Mittel recht. Er fügte seiner „Moritat" 
sowohl bei bildlichen Darstellungen wie im 
begleitenden Text recht drastische Anspielun 
gen bei, die seine Geschichte schaurig und 
interessant machen sollten. 
Doch seine „Betriebsmittel" und sein Können 
reichten im ungleichen Kampf mit raffinierteren 
Kräften nicht aus, seine Position zu behaupten. 
Er scheiterte nicht an der Zeitung, sondern an 
seiner inneren und äußeren Unzulänglichkeit 
Die Erinnerung an ihn ist jedoch nicht aus 
dem Bewußtsein des Volkes und insbesondere 
nicht aus der Erinnerung der Landbewohner 
verschwunden, und an Fastnacht feiert man 
heute noch mancherorts fröhliche Auferstehung. 
Die Jugend gibt dann, ganz in der früheren 
Manier, mit den gleichen Effekten und dem 
gleichen Rezept verfertigte „Mordgeschichten“ 
zum besten wie etwa die folgende: 
Er wollte seinen Zuhörern das Geld 
aus der Tasche locken.
	        
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