Full text: 1952 (0080)

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Der Hornsepp 
Von Klaus Schmauch 
W ährend der Woche war der Hornsepp 
einer der vielen Bergleute, die tagaus 
tagein auf der Grube ihre Schicht verfuhren, 
und am Feierabend versah er seine kleine Land 
wirtschaft wie die anderen. Auch sonntags ragte 
er nicht aus ihnen heraus, und wer einen Blick 
in sein Gesicht warf, mußte gar ein wenig 
lächeln. Unter der knolligen Nase sträubte sich 
ein rötlicher Schnauzbart, der den Stacheln 
eines Igels glich, aber die unter den gehuschten 
Lidern halbversteckten Augen blickten wasser- 
klar und harmlos in die Welt. Denkt man sich 
dazu noch einen borstigen, kugelrunden, auf 
einem kurzen Hals sitzenden Kopf mit breiten, 
Der Hornsepp spielt 
ein wenig hängenden Schultern und einen kurz 
beinigen, gedrungenen Körper, so ist des Horn 
sepps äußeres Konterfei vollendet, und niemand 
hätte in ihm einen Musikanten vermutet. 
Wenn er aber am späten Abend sein Tenor 
horn an die Lippen setzte, und, derweil die 
Fledermäuse um die Hausgiebel huschten, den 
„guten Mond so sti-i-i-le" über den blinken 
den Sternenhimmel wandern ließ, dann schwie 
gen die Gespräche auf den Hausbänken und 
verstummte der Kinderlärm in den Schlaf 
kammern. 
„Horch, der Hornsepp spielt!" hieß es, und 
zum „Brunnen vor dem Tore" und „dem 
Holderbaum" plätscherte gar der Dorfbach Bei 
fall, und die Holunderbüsche in den Gärten 
winkten ergriffen mit den Zweigen. 
Aber der Hornsepp konnte auch anders, und 
spielte er zu einem Tänzlein auf, dann wurden 
die lauschenden Kinder so quicklebendig, daß 
sie mit den Händen und Füßen den Takt gegen 
die Bettladen klopften und erst aufhörten, wenn 
der Vater oder die Mutter Ruhe geboten. Die 
Tanzweisen aber summten sie unverdrossen 
weiter, und einmal wagten die Schwester und 
ich gar den „Herr Schmitt", wobei wir beide 
aus dem Bette purzelten. Des Hornsepps Trom 
pete jedoch schmetterte so aufmunternd hinter 
drein, daß die Tränen rasch versiegten. 
Daß Sepp ein geborener Bergmusikant war, 
bestritt niemand, aber um an den Proben der 
Bergkapelle teilzunehmen, wohnte er zu weit 
ab, und auf die „Kolonie" zog seine Frau nicht 
mit. 
„Dort würde er statt des Horns meist das 
Bierglas ansetzen", behauptete die Amei. 
Sepp lächelte dazu, gab ihr recht und spielte 
halt in den umliegenden Dörfern auf. Dort hielt 
man gern die durstigen Musikanten zehrfrei, 
und berührten sie auf dem Heimweg einen Ort, 
dann spielten sie ihm an jeder Straßenecke ein 
Ständchen. Nach dem ersten aber überreichte 
Sepp dem Jüngsten seine Bergmannsmütze und 
eine gefangene Mücke und sagte: 
„Ich ernenne dich zu unserem Kassierer und 
Finanzminister, finde ich aber nach deiner Rück 
kehr die Mücke nicht mehr in deiner Hand, 
dann hast du einen verbotenen Griff in die 
Staatskasse getan und wirst in einem leeren 
Bierfaß ertränkt“. 
Daheim aber knotete Sepp nicht selten einen 
Hosenknopf in sein rotgeblumtes Sacktuch, 
übergab es einem Kind und sprach: 
„Verlier 1 nicht das eingebundene Geld und 
kauf mir beim Krämer ein Döslein Mückenfett. 
Was man herauszahlt ist für dich.“ 
Zu dem verstand Sepp die Kunst, alle Haus 
tierstimmen nachzuahmen und beim rührendsten 
Lied mit den Ohren zu wackeln, übte er jedoch 
mit seiner Kapelle und preßten wir die Nasen 
gar zu oft gegen die Fensterscheiben seiner 
Wohnstube, dann stand er plötzlich auf der Tür 
schwelle und stieß Laute aus dem Baßhorn, die 
uns durch Mark und Bein drangen. 
Er war halt ein Schalk, der Hornsepp, und als 
die Lenenbas eines Tages händeringend jam 
merte, ihr Säulein bringe die frischgeworfenen 
Ferkel um, da rannte Sepp spornstreichs in den 
quietschenden Stall und spielte so besänftigend 
auf seinem Horn, daß sich die „Mörderin" woh 
lig grunzend ausstreckte und ihrer vielköpfigen 
Brut das Gesäuge überließ. 
Solche Macht war dem Hornsepp gegeben, 
und am zweiten Kirmestag stand er schon in 
aller Morgenfrühe mit seiner Kapelle auf der 
Kirchkuppe und weckte das Dorf und seine 
Bergleute. „. . . Nur eine Morgenglocke nur,
	        

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