Full text: 1952 (0080)

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DER 
VERBOTEN E 
z 
Von Albert B r u n k 
wie die Röcke flogen und die Augen 
C/ blitzten, wie flink die Füße waren und 
wie geschmeidig sich die jungen Körper an dem 
wunderschönen Maienabend im Tanze drehten. 
Der Nickel strich die Fiedel und die Saiten 
sangen das alte und doch ewig junge Lied von 
Jugendseligkeit und Liebessehnsucht. Behutsam 
nahm der Wind die zärtlichen Melodien auf 
seine Flügel und trug sie über die Wiesen und 
Felder des Ostertales für die Vögel in der Luft 
und die Hasen in der Ackerfurche. 
Die Jugend des Dorfes tanzte auf dem grünen 
Rasen. 
Auch den Küster hatte der schöne Abend 
hinausgelockt und zu einem Spaziergang ver 
leitet. Es war wohl ein mühseliges Gehen für 
Die Jugend des Dorfes tanzt 
ihn, denn er wurde von der Gicht geplagt, und 
oft fielen ihn die Schmerzen an wie grimme 
Tiere. Durch die Gichtbrille gesehen bietet die 
Welt ein düsteres Bild, und es bleibt nichts von 
dem Frühling, den der Mai so verschwenderisch 
in junge Herzen streut. 
So ächzte der Küster durch den Abend und 
hoffte vergeblich, daß die Schmerzen von der 
lauen Luft davongetragen würden. 
Dem Winde tat der alte Küster leid und er 
streute ihm einige der lockenden Tanzklänge in 
das Ohr, daß sie ihn ablenken sollten von der 
bösen Gicht. Aber was wußte der Wind von 
Menschen, die von Schmerzen geplagt werden? 
Eine grimme Wut stieg in dem Küster auf, als 
er die Geige hörte und das junge Volk beim 
Tanze sah. Hatte nicht eine hohe Behörde in 
Ottweiler das Tanzen bei strenger Strafe ver 
boten und nur für wenige Stunden an hohen 
Festtagen erlaubt? Und nun sprang die Jugend 
dort unbekümmert im Reigen, als habe sie das 
Recht dazu! Wie verdorben doch die Burschen 
und Mädchen waren. Sorgenvoll schüttelte der 
Küster den Kopf. Zu seiner Zeit war man nicht 
so ungehorsam gegen die Obrigkeit. Aber er 
wollte es ihnen zeigen! Wie konnten sie tanzen, 
wenn ihn selbst die Gicht plagte? — So schnell 
es die gichtigen Füße erlaubten, strebte er nach 
der tanzenden Gruppe. Altpeters Klärchen er 
spähte ihn zuerst. 
„Der Küster", schrie die Achtzehnjährige mit 
den goldblonden Zöpfen, und sie wirbelte da 
von, noch ehe ihr Partner die Gefahr erkannte. 
Wie die wilde Jagd folgte ihr die ganze Gesell 
schaft, und dem Küster blieb nur das leere Feld. 
Doch der lachte grimmig hinter ihnen drein. 
Mochten sie flüchten und sich verstecken, sie 
entgingen ihm nicht. Nur einer war im Dorf, 
der die Fiedel streichen konnte, und das war 
der Nickel. Den würde er sich vorknöpfen und 
sehr bald wissen, wer die Ungehorsamen waren. 
In den nächsten Tagen klopften viele Herzen 
unter den Kitteln und Schürzen einen schnelleren 
Takt, und die harmlose Fröhlichkeit des Tanzes 
drückte wie eine Zentnerlast auf die Gewissen. 
Doch als nichts geschah und auch der Herr 
Pfarrer in der Sonntagspredigt kein Wort dar 
über verlor, beruhigten sich die Gemüter. Die 
Sünder lächelten den hübschen Sünderinnen 
schon wieder verschmitzt zu, wenn sie einander 
trafen. Sie ahnten nicht, daß das Schicksal schon 
zum Schlage ausholte. 
Das Verhängnis hat einen langen Atem. Es 
ist noch unterwegs, wenn man es längst ver 
sunken wähnt. Das erfuhr auch die tanzlustige 
Jugend im Ostertal. 
Als der Hannes eines Abends von der Schicht 
heimkehrte, hatte die Mutter rot verweinte 
Augen. Seine bestürzte Frage nach der Ursache 
beantwortete sie mit einem stummen Wink zum 
Tisch. Dort lag ein amtliches Schreiben. Der 
Hannes las — und dann fiel er kraftlos auf den 
nächsten Stuhl. Denn sieben Gulden Strafe 
brummte ihm die Behörde in Ottweiler für das 
Tanzen auf. Sieben Gulden! Das war ein uner 
schwingliches Vermögen. 
Er hatte noch keinen klaren Gedanken fassen 
können, da kamen die Genossen des fröhlichen 
Abends hereingeschlichen. Der Hannes war ihr 
Anführer und von ihm erhofften sie Rat. Denn 
es war kein Gedanke, daß auch nur einer von 
ihnen sieben Gulden bezahlen könnte, und ließe 
man ihnen auch ein ganzes langes Leben Frist 
dazu. 
Die Verzweiflung der Anderen gab dem 
Hannes seine Überlegung zurück. Er durfte ihr 
Vertrauen in ihn nicht enttäuschen. Zunächst 
einmal machte er dem Grimm mit einem greu 
lichen Fluch Luft, der seiner Mutter die Haare 
zu Berge trieb. Dann versank er in tiefes 
Grübeln. In ängstlicher Erwartung sahen ihn
	        

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