Full text: 1949 (0077)

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später waren dann vier der fünf projektierten 
Strassen teilweise ausgebaut. Im Zuge der 
Bemühungen des Regentenhauses um Wachs 
tum, Schönheit und Würde des Stadtbildes der 
Residenz mussten weitere Strassen instand 
gesetzt werden, und zwar « so zierlich, wie es 
nur einem hies’gen Flecken dienlich sein kann ». 
Der Geometer Voydeville war mit den Planun 
gen betraut worden und hatte u. a. auf eine 
nunmehr gute Pflasterung der Strasse zu achten. 
Eine erlassene Bauordnung sollte auf eine 
schöne Gestaltung der zu errichtenden Hoch 
bauten bedacht sein, wobei namentlich- die 
zahlreichen herrschaftlichen Beamtenhäuser in 
Betracht kamen. Schliesslich kam es nach der 
Gräfin Wunsch « nicht allein auf Verschönerung 
der Stadt, sondern auch auf Beschaffung der 
nötigen Wohnungen » für eine sich verhältnis 
mässig rasch vermehrende Bevölkerung an ; 
letztgenannte Tatsache war auch Veranlassung, 
weshalb man das Heiratsalter auf dreissig 
Jahre festsetzte. Es erübrigt sich wohl, an die 
verschiedenen stolzen Privatbauten zu erinnern, 
die im Zuge der seitens des Leyenhauses ange 
regten Baulust erstellt wurden. 
Bei Betrachtung der Entwicklung Blieskas 
tels innerhalb verhältnismässig kurzer Zeit 
stellen wir fest, dass die verschiedenen bauli 
chen Massnahmen engstens mit jenen kultu 
reller und auch sozialer Art verbunden waren. 
Gerade in der neuen Residenz hatte das gräf 
liche Haus Gelegenheit, die ihm von Koblenz 
her nachgerühmte soziale Einstellung zu bekun 
den, die denn auch in der Errichtung des 
Waisenhauses ihren sichtbaren Ausdruck 
fand. Bereits im Frühjahr 1774 wurde im Wie 
sengrund vor Blieskastel, und zwar unter dem 
Schloss vor den letzten Häusern des Markt 
platzes mit diesem Bau begonnen. Und wenn 
wir gerade den Marktplatz nennen, so sei daran 
erinnert, dass seine Gestaltung ebenfalls im 
Bauprogramm Franz Karls stand. Gerade hier 
bei war hinsichtlich der Hebung des Verkehrs 
lebens in der Residenz von grosser Bedeutung, 
dass man — neben der Abhaltung der üblichen 
Jahrmärkte — den gesamten Vieh- und Getrei 
dehandel des Amtsbezirkes hierhin zusammen 
zog. Hatte der Bischof von Metz am 29. Mai 
1775 zu der vom Grafen erbetenen Errichtung 
einer Klosterstation der Franziskaner 
seine Genehmigung erteilt, so konnte sogleich 
der Bau der entsprechenden Gebäude einsetzen ; % 
mit Errichtung der Kirche begann man ein 
Jahr später, sodass deren Einweihung am 
28. Oktober 1778 erfolgen konnte. 
Eine bauliche Zierde Blieskastels versprach 
schliesslich auch die Stiftskirche zu werden, 
die allerdings infolge der Revolutionswürren 
nicht fertiggestellt wurde. Wir berühren damit 
ein Kapitel, dessen Geschichte ganz kurz 
berichtet werden muss. 
Erinnerungen an Qräjintal 
Bis zum heutigen Tage haben die Ruinen 
eines uralten Marienheiligtums in Gräfintal 
alle Stürme der Zeit überdauert, Ruinen eines 
ehemals stolzen Klosters wie einer eindrucks 
vollen Basilika. Gräfin Elisabeth von Blieskastel 
hatte aus Dankbarkeit Kloster- und Kirchenbau 
errichten lassen, dife 1243 vollendet waren. Am 
Tage der feierlichen Weihe hatte die Landes 
herrin das miraculose Marienbild in diese Kirche 
bringen lassen, das bis dahin in einem Eich 
baume auf einer nahen Waldeshöhe stand. 
Geistliche der Wilhelmiten-Kongregation erhiel 
ten den sie ehrenden Ruf, die Seelsorge am 
Wallfahrtsorte zu übernehmen. Aber bald 
kamen ernste Zeiten über diese von nah und 
fern besuchte Gnadenstätte, der Volk und 
Landesherr von jeher in Liebe zugetan waren, 
nachdem Kloster und Kirche mehr und mehr 
wertvolle Schätze bargen, die zahlreiche Pilger 
im Laufe der Jahrhunderte hier niederlegten. 
Hatte ein Graf von Eberstein im Jahre 1410 
die Klosterkirche aus niederer Habgier ausge 
raubt, die Gebäude in Schutt und Asche gelegt, 
so fand die Wallfahrtsstätte doch bald wieder 
Aufbauer. Jedoch die Bauernkriege im 16. Jahr 
hundert, erst recht die Verheerungen des 
dreissigjährigen Krieges Hessen von der Schön 
heit des Talklosters nicht viel übrig. 
Noch einmal wölbten sich, so schreibt H. J. 
Becker, über dem erfreulicherweise erhaltenen 
Gnadenbilde die Bogen einer schmucken Kir 
che, was nicht wunderlich war angesichts der 
tiefen Treue, mit der das katholische Volk der 
Saar und des Westrichs seit Jahrhunderten der 
Verehrung der hl. Jungfrau zu Gräfintal ange 
hangen hat. Selbst Fürsten und Könige schlos 
sen sich nicht aus, gemeinsam mit dem kleinen 
Manne aus dem Volke nach Gräfintal zu ziehen. 
Wir erinnern daran, dass beispielsweise der 
Polenkönig Stanislaus und Herzog von Loth 
ringen — er war der Schwiegersohn des fran 
zösischen Königs Ludwig XV., — nicht minder 
die Gemahlin des Letztgenannten, eifrige Ver 
ehrer « Unserer lieben Frau mit den Pfeilen » 
waren. 
Es ist verständlich, dass Blieskastels « Grosse 
Gräfin » Marianne den sehnlichen Wunsch 
hatte, durch Überführung des Gnadenbildes in 
ihre Residenz Blieskastel gleichzeitig zum Mit 
telpunkt des religiösen Lebens des Landes zu 
machen. Verhandlungen mit Rom führten dazu, 
dass der Gräfintaler Konvent im November 
1785 aufgelöst und in der Folge in ein weltliches, 
dem römischen Stuhle unmittelbar unterstelltes 
Stift mit Sitz in Blieskastel umgewandelt 
wurde ; Durchführung dieser Aufgabe oblag 
dem Generalvikar Bertin von Metz. Der Stifts 
dekan und sieben seiner Conventualen als 
Chorherren bezogen vorerst die St. Sebastians 
kirche in Blieskastel, wohin man das Gnaden- 
bild in aller Stille verbracht hatte.
	        

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