Full text: 1949 (0077)

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weite Striche des Bliesgaues : Stadt und Land 
waren sozusagen entvölkert und zerstört. Unbe 
deutend war die Anzahl jener Bewohner des 
Fleckens, die den Kriegsgreueln, der Pest und 
dem Hunger entgangen waren. Wie man berich 
tet, betrug nämlich die Zahl der im Jahre 1643 
zum Kirchgang nach St. Sebastian (Blieskastel) 
verpflichteten Personen im Flecken selbst nur 
noch 28. 
• 
Unter der Regentschaft 
der ,, von der Leyen “ 
Es war im Jahre 1660, also zur Zeit des ein 
setzenden Wiederaufbaues im heutigen saar 
ländischen Raum, als der Trierer Kurfürst und 
Erzbischof Karl Kaspar seinen Bruder Hugo 
Ernst, Edlen von der Leyen, mit der kurtrieri- 
schen Herrschaft Blieskastel belehnte. Kein 
schönes Erbe trat der neue Landesherr hier an ; 
er blieb aber bemüht, Stadt und Land Blies 
kastel aus Schutt und Asche neu erstehen zu 
lassen, wobei er an seinem zweiten Bruder 
Damian Hatard, damals Erzbischof von Mainz, 
eine Stütze hatte. Die Baulust des gemeinen 
Mannes wurde, wie Becker schreibt, angeregt 
und gefördert, sodass im Bereiche des herr 
schaftlichen Sitzes wie im Tale von Castel nach 
und nach wieder eine ansehnliche Neusiedlung 
entstand. Die Edlen von der Leyen wurden 
zunächst in den Reichsfreiherrnstand und, um 
es gleich zu bemerken, 1711 in den Reichsgra 
fenstand erhoben. Und mit diesen Herren von 
der Leyen sollte dann auf immer Blieskastels 
Entwicklung und weiterer Aufstieg aufs engste 
verbunden bleiben. 
Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, 
wollten wir hier alle Einzelheiten erwähnen, 
die die geschichtliche Entwicklung des Fleckens 
kennzeichnen. Schliesslich gewinnt Blieskastel 
erst seine besondere Bedeutung mit dem Regie 
rungsantritt seines letzten männlichen Regenten 
Franz Karl von der Leyen (1760), eines Mannes 
von Grundsätzen, begabt mit Welt- und Men 
schenkenntnis, beseelt von Nächstenliebe und 
Familiensinn. Wenn Stadt und Herrschaft 
Blieskastel auch nicht gleich von dem politisch 
wirtschaftlichen Weitblick und der unbegrenz 
ten Arbeitsfreude des Landesherrn wie von 
seiner Fortschrittlichkeit profitierten, so lag 
dies daran, dass sich der herrschaftliche Hof 
mit Residenz in Koblenz befand. 
Blieskastels Reichsgraf, dessen Hauptbesitz 
ja in unserer Gegend lag, heiratete am 15. Sep 
tember 1765 das Freifräulein Maria Anna v. 
Dalberg aus Worms, an welchem Tage bereits 
mit aufgehender Sonne sechzehn auf dem schar 
fen Ecke « vor dem Schloss » aufgestellte Mörser 
ins Tal hinab donnerten und die zur Herrschaft 
gehörigen Dörfer antworteten. Man wollte eben 
aus der Ferne die in Mainz vollzogene Trauung 
mitfeiern. Hatte der Graf gelegentlich seiner 
im gleichen Jahre durchgeführten Reise nach 
Blieskastel festgestellt, dass das Le yenland 
gegenüber den kleinen Nachbarstaaten in jeder 
Hinsicht bedenklich zurückstand, in Blieskastel 
nur ein verbrauchter Schlosshaushalt und eine 
kleine Kirche unter einer ländlich-armen Bevöl 
kerung zu finden waren, so drückte ihn die 
heillose Verwirrung in der Landesverwaltung 
ganz besonders. 
Wie sah es damals in dem Marktflecken aus? 
Etwa 150 Herdstätten mit vielleicht 750 Bewoh 
nern wurden in dem heute noch «Castel» 
genannten Herrschaftssitz gezählt ; die Leute 
trieben Landwirtschaft und einige ein Hand 
werk, das aber keine Besonderheiten zu ver 
zeichnen hatte ; der Ort war zwar Pfarrsitz, 
jedoch stand die Pfarrkirche in dem nahen 
Blickweiler ; die Filialkirche, dem hl. Sebastian 
geweiht, war klein und unansehnlich. In einem 
Flügel des Schlosses waltete ein Amtmann 
mit geringem Personal ; jegliches kulturelles 
oder gesellschaftliches Leben fehlte hier, dies 
alles im Gegensatz zu den Nachbarresidenzen 
Saarbrücken, Zweibrücken u.a. Wenn auch das 
Grafenhaus Jahre zuvor den Blieskastelern je 
ein Stück Land unentgeltlich überlassen und 
auch Gartenland gegen bescheidene jährliche 
Erbpacht zugeteilt hatte, so lebten die Bewoh 
ner immerhin in recht ärmlichen Verhältnissen, 
denen letzten Endes das gesamte Bild des 
Marktfleckens entsprach. 
Die Sorge um die Hebung des Wohlstandes 
von Bliesherrschaft und ihrer Bevölkerung 
Hessen im Herzen des Regenten den Entschluss 
reifen, eines Tages Wohnsitz und Residenz am 
Hauptort des Amtes, in Blieskastel, zu nehmen. 
Und nachdem Mitte Mai 1773 in Castel wie im 
Westricher Blicsland öffentlich bekanntgemacht 
worden war, dass die Herrschaft in kürzester 
Zeit zu längerem Aufenthalt am Amtssitz ein 
träfe, hielt die gräfliche Familie am 26. Mai 
des gleichen Jahres ihren Einzug um hier zu 
bleiben. So schmerzlich diese Tatsache für die 
Koblenzer sein mochte, umso erfreulicher und 
versprechender war sie für die « Casteier ». 
Der CMarktfleCken als Residenz 
Vielseitig waren die Aufgaben, die das Regen- x 
tenhaus sich stellen musste, auf der einen Seite 
eine würdige Residenz zu gestalten, dann aber, 
um jegliche Grundlage zu schaffen, die sozialen 
und wirtschaftlichen wie kulturellen Verhält 
nisse der Bewohner endlich zu verbessern, deren 
Los bisher Beschäftigungslosigkeit, Not und 
Bettelei waren. Das dörfliche Blieskastel sollte 
nach Aufstellung eines Bebauungsplanes, der 
ab 1774 zielbewusst durchgeführt wurde, den
	        

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