Full text: 1949 (0077)

126 
chängel zähmte eine junge Krä 
he, und im Dorf behauptete 
man, der Schalk habe ihr das 
Sprechen beigebracht. 
Da ging der Lochbauer vor 
bei, sah die Krähe auf den 
Lohstangen sitzen und sagte 
zum holzhauenden Schängel : 
« Stimmd et, dat die « Kob » 
schwätze kann? » 
« Wie’n Advokat ! » 
Der Bauer ruft dem Vogel allerlei Worte zu, 
aber er öffnet nicht den Schnabel. « Mensch, der 
es jo stomm wie e Fisch. » 
« Dat wäschd dau net besser. » 
« Wieso ? » 
« Ei haud spieldr de Philosoph un denkd sich 
seind. » 
* 
• i 
Am Pfingstmontag macht Schängel mit seiner 
Frau einen Ausflug und stösst unterwegs auf 
zwei Theleyer Kameraden. 
«Schängel, wohin?» 
« Ei, off de Schamberg. » 
«Wad meschd de dann do?» 
«Ei, ich loss mei Drache steije,» entgegnet 
Schängel und zeigt auf die voranschreitende 
Ehehälfte. 
* 
DAS VERHEXTE KALB 
er « Zacher Judd» und 
Schängel standen im 
ersten Weltkrieg in 
der gleichen Land 
sturmkompagnie und 
lagen als Verwundete 
zusammen im Laza 
rett. Drum verband 
sie eine feste Freund 
schaft, und fast jede Woche hielt der Kälber 
karren des Viehhändlers vor Schängels Haus. 
« Pass auf, eines Tages spielt dir der Schalk 
einen Streich,» warnten die Dorfbauem den 
Juden. Der aber sagte : « Ich kenne meine Pap 
penheimer und lasse mich nicht von ihm herein 
legen. » 
Das kam Schängel zu Ohren, und als er sonn 
tags aus der Kirche heimkehrte, stand das Ge 
fährt wieder auf seinem gewohnten Platz. Nach 
dem Schängel von der Frau erfahren hatte, dass 
der Kriegskamerad beim Dorfmetzger weile, trat 
er an den Wagen verschlag und streichelte das 
Mutterkalb, das sich darin befand. « Du könn 
test die Zwillingsschwester von meinem Jung 
stierchen sein, » sagte er verblüfft. Dann aber 
glitt ein verschmitztes Lächeln über sein Ge 
sicht, und wie der Viehhändler auftauchte, 
waren die Kälber vertauscht. 
« Ich muss noch nach Hermeskeil und kehre 
auf dem Heimweg bei dir ein, » drängte der 
Handelsmann und fuhr, ohne sich zu säumen, 
weiter. 
Gegen Abend trat er in die Küche und sank 
mit einem schweren Seufzer auf die Ofenbank. 
« Man wird alt, Schängel, und die Augen lassen 
mich schon im Stich. » 
« Geh, mit Fünfzig steht man in den besten 
Jahren.» 
« Das sagst du, aber bei mir trifft es nicht 
zu. » 
« Warum nicht? » 
« Ei, ich hatte dem Ehmbauer ein Mutterkalb 
versprochen, und wie ichs auslade, ist es ein 
Stierchen. » 
« Nicht möglich ! » 
« So wahr ich hier sitze. — Und dafür lässt 
man den Gaul sechs Stunden weit laufen. » 
« Und was hat der Ehmbauer gesagt? » 
« Ich sei ein Trottel und verstände soviel vom 
Kälberhandel wie eine Kuh vom Kinder 
wiegen. » 
« So ein Grobschmied ! Aber lass ihn reden 
und trink mit mir eine Flasche Gehannstrauben- 
wein. Er pulvert dich auf und vertreibt den 
Aerger. » 
Als Schängel mit der Flasche erschien, stand 
das Stierchen wieder im Stall und das Mutter 
kalb im Wagen. « Prost, dass sich deine Augen 
bessern ! » Der Freund tat Bescheid, aber kaum 
war die Flasche leer, da langte er nach der 
« Geischel ». 
« Ich muss heim, draussen wird es schon 
dunkel. » 
« Dann komm gut über den Berg. » 
« Danke. » 
« Und vergiss nicht das Wiederkommen ! » 
« Vielleicht in acht Tagen ! » 
Aber schon am nächsten Morgen stand der 
Jude wieder in der Küche und sagte stöhnend : 
« Schängel, ich glaube wieder an Hexen. » 
« Geh, du bist doch nicht über Nacht ver 
kindet ! » 
« Das sage ich mir ja auch — aber so wahr 
ich hier stehe : wie ich gestern abend das Stier 
chen in den Stall bringe und Licht mache, ist es 
wieder ein Mutterkalb. » 
« Komm, ich Zeige dir die Hexe !» rief 
lachend der lang Schängel und führte den 
gefoppten Freund zum Stierchen, das harmlos 
sein Morgenheü aus dem Raufen zupfte.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.