Full text: 1948 (0076)

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Jahre vor uns, für unsere geschichtlichen Be 
griffe ein ungeheurer Zeitraum. Erst jetzt 
stehen wir auf der Schwelle, über welche die 
„Krone der Schöpfung“ eintritt in das Stadium 
des Vormenschen, des Anthropus, der die ge 
waltigsten Taten des menschlichen Aufstiegs 
vollbringt, sich die artikulierte Sprache schafft, 
das Feuer bändigt, sich des ersten Hilfsmittels, 
eines abgerissenen Astes, eines gewöhnlichen 
Steines als einer Art Waffe oder Werkzeugs 
bedient, der das Tierische von sich abstreift 
und dessen Intelligenz, Geist, Seele ihn empor 
hebt und vorbestimmt zum künftigen Meister, 
zum Beherrscher unserer Erde. 
Damit haben wir die 13 Sekunden der Erd 
uhr rückwärts durchschritten. Relativ so 
gegensätzlich — von dem einen Standpunkt 
aus gesehen so winzig klein, so überaus kurz, 
vom anderen Standpunkt aus so groß, so 
unsagbar lang — in Wirklichkeit ein und 
dasselbe. 
Nach diesem allgemeinen Überblick über 
Zeitraum und Maß, in welchen sich die 
Menschheitsgeschichte abspielt, wenden wir 
uns einem Fund zu, der 1941 in Ludweiler 
im Warndt gemacht wurde und der für die 
Urgeschichte des Saarlandes von hervorra 
gender Bedeutung ist. Es ist ein Faust 
keil der älteren Steinzeit, in der Lehm 
grube einer Ziegelei als Zufallsfund aufge 
hoben. Durch die Vermittlung von Dr. P. 
Guthörl kam er in das Konservatoramt und 
damit in die staatliche Altertumssammlung 
des Saarlandes. Der Faustkeil von Ludweiler 
(Abb. 1) ist ein Gerät aus Stein, das der 
Mensch der älteren Steinzeit bequem mit der 
Hand fassen, mit dem er graben, schneiden, 
schlagen, schaben und spalten konnte. Also 
ein Universalgerät, gemacht von einem ge 
übten Steinschläger. Denn kunstfertig ge 
schlagen ist der Keil aus einer rohen Knolle 
von hartem, sprödem Hornstein. So sehen 
wir ihn vor uns, schön, mandelförmig, 22 cm 
lang, ohne jeglichen Steinschliff, die Ober 
fläche bedeckt mit muscheligen Schlagflä 
chen, nur an den scharfen Rändern beson 
ders fein zugeschlagen, man sagt retuschiert. 
Obwohl die Herstellung durch Menschen 
hand schon aus der Gestalt und Bearbeitung 
klar ersichtlich ist, könnte jemand einwen 
den: „so etwas könnte doch in der Natur 
auch Vorkommen, etwa als Zufallsform, wie 
sie hier und dort natürlich entsteht“. Um 
diese Meinung von vornherein richtigzu 
stellen, muß ich erklären, daß es sich um 
eine typische Form handelt. Das heißt, es ist 
ein Gerät, das in dieser mandelförmigen Ge 
stalt und mit der in Schlagtechnik ausge 
führten Oberfläche und der feineren Rand 
retusche nicht einzig dasteht, sondern das 
man von vielen anderen Funden Europas her 
in derselben Ausführung kennt. Durch Spe 
zialisten, die sich eingehend mit der älteren 
Steinzeit befassen, sind ganze Entwicklungs 
reihen solcher Typen aufgestellt worden. Wir 
sind dadurch sehr genau über die Formen 
der einzelnen Werkzeuge und Waffen des 
Eiszeitmenschen unterrichtet. Aus der Form 
und Bearbeitung können wir die Entwick 
lungsstufe und damit das ungefähre Alter 
des Fundes ablesen. Die Untersuchung und 
Auswertung der Formen oder Typen hat zur 
Ausbildung einer besonderen Methode der 
Archäologie geführt; wir nennen sie Typolo 
gie. Jedoch davon später. Zunächst müssen 
wir uns klar vorstellen, daß der Faustkeil 
von Ludweiler ein paläolithisches 
Gerät ist, das von Menschenhand 
verfertigt und zum praktischen 
Gebrauch durch den Eiszeitmen 
schen bestimmt war. 
Es gibt in den Urwäldern Südamerikas, 
auf den Inseln der Südsee, in Afrika und 
auch in arktischen Gebieten Völker, die 
heute noch im Zustande der Steinzeit ohne 
jegliche Kenntnis des Metalls leben. Für den 
Archäologen ist es daher außerordentlich 
nützlich, wenn er sich mit den Arbeiten der 
Ethnologie (= Völkerkunde) bekannt macht 
und solche Steinzeitvölker studiert. Vieles 
kann er von ihnen lernen. Vor allem, wie 
Steinwerkzeuge hergestellt werden (Abb. 2), 
wie sie der Mensch gebraucht und wozu er 
sie gebraucht. Wir fanden Geräte, von wel 
chen wir uns nicht denken konnten, was sie 
sein sollten und welchem Zweck sie gedient 
hatten. Heute wissen wir das alles, wir haben 
es jenen Eingeborenen abgesehen und von 
ihnen gelernt. Wir haben jetzt sogar Spezia 
listen, die aus rohen Feuersteinknollen ge 
nau dieselben Geräte durch Schlag und 
Druck herstellen können, wie wir sie von 
Abb. 2: Indianer sprengt Späne vom Werkstück 
durch Druck (nach Jacob-Friesen, Ein 
führung in Nieder Sachsens Urgeschichte) 
den Funden kennen (Abb. 3). Jedoch, das 
sind wenige Fachleute. Uns allen ist die fein 
fühlige Geschicklichkeit eines solchen Hand 
werks völlig verloren gegangen. Der Mensch 
der älteren Steinzeit besaß diese Fähigkeit 
bis zur vollendeten Meisterschaft. 
Wann lebte dieser Mensch, wann ist der 
Faustkeil entstanden? Bei der Frage nach 
dem Alter des Fundes von Ludweiler müs 
sen wir wissen, daß wir nichts weiter zur 
Beurteilung haben, als das Steingerät selbst. 
Bestenfalls gibt uns die Lehmschicht, welche
	        
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