Full text: 1948 (0076)

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„Wer kä Bersdimann iss, zähld net mell“ 
Von Claus SCHMAUCH, Saarbrücken. 
Ich stamme aus einem der zahlreichen 
Bergmannsdörfer, die im weiten Umkreis der 
Saargruben aufblühten, und soweit ich mich 
zurückerinnern kann, gaben die Bergleute 
unserem Ort das Gepräge. Das Wochenende 
stand ganz unter ihrem Zeichen. Schon am 
frühen Samstagnachmittag putzte sich das 
Dorf heraus, und es fuhr kaum noch ein Ge 
spann aufs Feld. „Wenn die Bergleute kom 
men, müssen wir fertig sein“, hieß es in jedem 
Haus, und dann ward gefegt und gerieben, 
gescheuert und geputzt, bis das Dorf blitz 
blank dalag, fast so, als sei schon der Sonn 
tag eingezogen und brächte die Bahn viele 
liebe Gäste zu uns. 
Und es war wirklich eine stattliche Anzahl 
Männer, die um die Vesperstunde den Bahn 
hofsweg heraufkamen. An der Spitze die 
Bergmannsväter, umringt von den jubelnden 
Kindern, und hinterher die Burschen, die 
beim Bahnhofswirt noch rasch einen Steh- 
•choppen genommen hatten. 
Wie hell und leicht beschwingt tickten die 
Grubenstecken über das saubere Straßen 
pflaster, und wie flink streiften die Frauen 
und Mädchen ihre Schaffkleider ab, um den 
heimkehrenden Gatten oder „Schatz“ im hal 
ben Sonntagsstaat zu empfangen! Zu Hause 
aber öffneten die Bergmänner den Gruben 
ranzen und beschenkten ihre Angehörigen 
mit ein paar Kleinigkeiten. Die Kinder er 
hielten meistens eine Handvoll „Gutzje“ und 
die Weibsleut eine Tafel Schokolade. Dieser 
«chöne Brauch erlosch erst, als die Knappen 
das Schlafhausleben aufgaben und täglich 
heimkehrten. 
Am Samstagabend schritt keiner der Bur- 
ichen ohne Bergmannsmütze durchs Dorf. Die 
kleidsame Kopfbedeckung mit dem, schwarzen 
Samtband und den gekreuzten Hämmern trug 
jeder mit sichtlichem Stolz, und kaum war 
einer als Jungknappe angefahren und hatte 
den ersten Zahltag in der Tasche, dann ver 
riet die „nei Berschmannskapp“, daß er zu 
einem Stande zählte, der sich seines Ansehens 
und Wertes bewußt war, 
„... Wo hätte der Kaiser die Krone wohl her, 
wenn tief in der Erde der Bergmann nicht 
wär...?“ Das Lied drang während der Abend 
dämmerung von der Dorfbrücke, und bald 
mischten sich die hellen Stimmen der Mäd 
chen unter die der Burschen. Dann folgte, 
von der Maulgeige oder der Ziehharmonika 
begleitet, Bergmannslied auf Bergmannslied, 
bis die Mitternacht das junge Volk in die 
Federn trieb. Diese Sitte ist noch heute in 
manchem Bergmannsdörf lebendig, und nicht 
selten waren jene Singgemeinschaften die 
Bahnbrecher späterer Gesangvereine. 
Am Sonntag dagegen trumpfte der Hirnsepp 
mit seiner Blechkapelle auf, und die munteren 
Weisen der Schnurranten, die alle dem Berg 
mannsstand angehörten, drangen bis ins ent 
legenste Haus. An der Kirmes jedoch erschien 
die Kapelle „in vollem Wichs“ und stellte sich 
an die Spitze des Bergmannsvereins, der vor 
der Dorfschenke zum Kirchgang angetreter» 
war. 
„Knappen — marsch!“ Wie schmetterten ds 
die Hörner, wie brummten die Bässe, wie 
dröhnte die dicke Trommel und wie bauschte 
sich die Bruderschaftsfahne über den wehen 
den Federbüschen und tiefschwarzen Besg- 
mannsmützen! Und neben dem Zug schritt 
der Büchsenälteste, in der Rechten den eben- 
holzfarbenen Bergstock mit dem versilberter; 
Hammerknauf, auf dem Kopfe den runde» 
Tschako mit besonders prächtigem Feder 
schmuck und am Kittel leuchtende Messing 
knöpfe. 
„Ja, unser Berschleit!“ rühmten dann dit 
Dorfeingesessenen, und die zahlreichen Kir 
mesgäste sperrten „Mapl und Ohren“ auf, urc 
nur ja nichts bei dem feierlichen Aufmarsch 
zu übersehen. Die Mädchen aber deutete» 
voll Stolz auf den Freiersmann in der 
schmucken Knappentracht und brüsteten sich 
vor dem Kirmesbesuch, daß auch ihr Zukünf 
tiger den Bergmannskittel trage. 
Neben dem Gesang und der Musik war 
auch das „Theaterspielen“ ein Privileg der 
Bergleute, und die einzige Bühne des Dorfe* 
gehörte dem Knappenverein. 
Am augenfälligsten aber stand das Dorf irr 
Zeichen des Bergmanns, wenn auf der großeE 
Wiese am Mühlenberg ein Bergmannsfesi 
stattfand, und die Kn-appenvereine der gan 
zen Umgegend mit ihren Fahnen und Musik 
kapellen aufmarschierten. An diesen Tager 
stand an jeder Straßenkehre eine blumen 
geschmückte Ehrenpforte, hing unter jeden 
Hausfenster ein aus Tannengrün gewundene? 
Kranz, krachten die Böller aus allen Himmeln 
richtungen und wehten die Fahnen aus aller 
Dachluken. 
Im großen Postzelt aber musizierten 4i* 
zahlreichen Kapellen und auf der mit Maie® 
umzäunten Holzbühne schwangen die Knap 
pen ihre Mädchen im Tanz. Derweil drang 
von den im Freien aufgeschlagenen Bänke» 
und Tischen das Hallo der sich treffende® 
Kameraden und scharten sich die „Pärchen* 
um ihre Ältesten, und obwohl auf dem Fest 
platz für des Leibes Notdurft überreichlich 
gesorgt war, versäumte kein eingesessenes 
Bergmann, den auswärtigen Kameraden tkxc, 
Essen einzuladen. Dabei ward das Beste auf 
getischt, was Küche und Keller bot, und 
kehrte der Gast am späten Abend heim, dann 
fehlte selten das Kudhenbündel für „die 
daheim“. 
Kein anderer Stand pflegte die Kamerad 
schaft mehr als der Bergmannsstand. Hatte 
der Schlepper die Hauerprüfung bestanden, so 
lud er die Kameraden „seiner Pardie“ mt 
einem Umtrunk ein; zog er zum Militär, dann 
galt es, den Abschied zu feiern, und kam ein 
Bergmann zu einer andern ,pardie“, dann
	        

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