Full text: 1947 (0075)

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Die Krankenversicherung und Altersversorgung 
der Saarbergleute 
Von Knappschafts-Direktor ZIMMER 
1. Allgemeines 
Die Arbeitskraft ist das wertvollste Gut, das 
ien Menschen von der Schöpfung mitgegeben 
wurde. Sie ist selber Schöpfungskraft. Ohne 
die Arbeit hätten die Menschen nicht mehr 
Güter zu ihrer Bedürfnisbefriedigung und Be 
darfsdeckung, als die Natur zu geben vermag. 
Wir müßten uns also mit dem begnügen, was 
uns die Tier- und Pflanzenwelt aus natür 
lichem Wachstum darzubieten hätte. Alles, was 
die Menschen darüber hinaus zu ihrer Lebens 
fürsorge besitzen, verdanken sie der Arbeits 
kraft — also dem arbeitenden Menschen. Das 
legt der Gesellschaft diesem arbeitenden Men 
schen gegenüber eine große Verpflichtung auf. 
Sie muß ihn schützen und seine Arbeitskraft 
pflegen sowie darüber hinaus ermöglichen, daß 
ihm die Sorge für das Alter abgenommen wird. 
Aus eigenen Ersparnissen kann der arbei 
tende Mensch bis zu einem gewissen Einkommen 
keine Vorsorge fürs Alter treffen, ja nicht 
einmal für den Fall der Krankheit. Das hat 
iazu geführt, daß für diese Fälle, ebenso auch 
für den Fall einer Unfallbeschädigung, ein 
besonderer Versicherungsschutz geschaffen 
wurde. Dieser Versicherungsschutz hat seine 
besondere Ordnung und Regelung gefunden in 
der Gesetzgebung zur Sozialversicherung, von 
der bei uns alle arbeitenden Menschen bis 
zu einem gewissen Einkommen in einem be 
stimmten Beschäftigungsverhältnis erfaßt wer 
den. Die Sozialversicherung umfaßt im wesent 
lichen den Versicherungsschutz im Falle der 
Erkrankung, der Invalidität infolge Arbeitsun 
fähigkeit oder Alter und im Falle einer Beschä 
digung durch Arbeitsunfall. Dieser Versiche 
rungsschutz hat für die Bergleute eine beson 
dere Regelung gefunden, was vor allem 
für den Schutz im Krankheitsfalle und im Falle 
der Invalidität gilt. Sie ist landläufig bekannt, 
unter dem Sammelbegriff: Knappschafts 
versicherung! Unter Knappschaftsver 
sicherung hat man also die Kranken- und Ren 
tenversicherung der Bergleute zu verstehen. 
Sie selbst benennen sie einfach und schlicht: 
Die Knappschaft". 
Bis kurz nach dem ersten Weltkrieg hatte 
iast jedes Kohlenrevier seine eigene selbstän 
dige Knappschaft, die aber alle, mit Ausnahme 
der Knappschaft an der Saar, schon 1923 in der 
.Reichsknappschaft" aufgingen. Erst 1935 wurde 
auch die Knappschaft der Saarbergleute der 
Reichsknappschaft eingegliedert. Mit dieser Ein 
gliederung mußte sie auch ihre Selbständigkeit 
lufgeben. Sie fungierte in diesem Verhältnis 
lediglich als Bezirksorganisation der Reichs 
knappschaft unter der Bezeichnung „Saarknapp- 
schaft", ein Name, den sie auch jetzt, nach 
dem Zusammenbruch des Hitlerreiches und der 
Reichsknappschaft, weiterführt. Heute ist die 
Saarknappschaft wieder selbständig. 
II. Die Folgen des Hitlerregimes 
a) Kürzung von Leistungen 
Mit dem Zusammenbruch des Hitlerreiches 
ist die Reichsknappschaft auseinandergefallen. 
Der Saarknappschaft wurde durch Verordnung 
des Regierungspräsidiums Saar vom 4. 12. 1945 
mit Genehmigung der Militärregierung der 
Charakter eines selbständigen Versicherungs 
trägers wiederverliehen, so wie das vor 1935 
immer war. Nun war es aber so, daß bei 
Kriegsende die Belegschaft der Saargruben, also 
die Beiträge zahlenden Mitglieder, sehr stark 
verringert waren. Es ging nur eine geringe 
Summe an Beiträgen ein im Vergleich zu den 
Summen, die für Krankenhilfe und Renten ge 
zahlt werden sollten. Die Situation in der Ren 
tenversicherung im Juni 1945 war ungefähr 
folgende: 
fällige Renten monatl. rd. RM 4 700 000,— 
Beitragseingang monatl. rd. RM 500 000,— 
zu wenig RM 4 200 000,— 
In der Krankenversicherung war es nicht viel 
besser. Auch hier überstiegen die Ausgaben bei 
weitem die Einnahmen. Es mußte also versucht 
werden, um die ganze Versicherung retten zu 
können, einen Ausgleich für die Fehlbeträge zu 
schaffen. Kapitalreserven waren keine vorhan 
den. Das ganze Reservekapital, das in früheren 
Jahren für die Versicherung der Saarbergleute 
angesammelt worden war, lag bei der Reichs 
knappschaft. Dort wurde es auf Befehl Hitlers 
in Kriegsanleihe umgewandelt, für welche das 
Reich die Bürgschaft übernahm. Nun ist die 
Reichsknappschaft völlig bankrott. Sie hatte ein 
Reservekapital von rd. zwei Milliarden (zwei 
tausend Millionen) Mark. Davon wären auf die 
Saarknappschaft rund 200 Millionen Mark ent 
fallen. So aber war dieses ganze Kapital, also 
auch die zweihundert Millionen Mark der Saar 
knappschaft, nicht mehr greifbar. Hätte Hitler 
an die Bergleute und die Sicherstellung ihrer 
Pensionen gedacht, dann hätte er nie und 
nimmer Anweisung geben können, daß deren 
Reservegelder im Krieg verpulvert werden; und 
dann hätte die Saarknappschaft auf lange Jahre 
hinaus den Bergleuten ihre Pensionen in voller
	        

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