Full text: 72.1944 (0072)

Deutsche Bergleute in aller Welt 
Im Silberbergbau von Mexiko 
Von Dr. Wilhelm Fischdick 
Der süd- und mittelamenkanische Bergbau 
auf Edelmetalle ist so alt, daß man ihn bis 
auf seine Ursprünge nicht zurückverfolgen 
kann. Wenn auch mit primitiven Mitteln, so 
doch mit großem Ertrage haben ihn bereits 
lange Zeit vor Kolumbus die Eingeborenen 
betrieben, wie der reichliche Gebrauch vor¬ 
handenen, also einmal gewonnenen Goldes 
und Silbers beweist, den die Entdecker vor¬ 
fanden, und der bekanntlich auch ihre Hab¬ 
gier angestachelt hat. Unmittelbar mit der 
Festsetzung der Spanier und Portugiesen in 
diesen Ländern setzte alsdann auch der 
europäisch betriebene Bergbau 
dort ein und führte zu solchen Erträgen, 
daß deren Reichtum den ganzen europäischen 
Bergbau auf Edelmetalle in den Schatten 
stellte und sogar unrentabel machte, was bei 
der weiten Entfernung Amerikas und den 
dadurch bei der Einfuhr entstehenden Fracht¬ 
kosten wahrlich viel besagen will. 
Den höchsten Stand europäischer Technik 
erreichte frühzeitig der 
Silberbergbau in Mexiko. 
Sein wirtschaftlicher Träger war im 16. Jahr¬ 
hundert das deutsche Handelshaus der Familie 
Welser in Augsburg, von dem es feststeht, 
daß es mindestens seit 1529 in Tirol, Böhmen 
usw. deutsche Bergleute für Dienste auf Cuba, 
Haiti und in Mexiko angeworben hat. 1542 
gingen die mexikanischen Gruben dann in 
den Besitz der deutschen Familie Crom- 
berger über. Später gewann auch auf die¬ 
sem Gebiete englisches Kapital die Oberhand, 
doch der Besitzwechsel änderte nichts daran, 
daß in der technischen Arbeit auch weiterhin 
Deutsche die Führung behielten. 
Das Letztere ist eigentlich eine Selbstver¬ 
ständlichkeit, wenn man bedenkt, daß über¬ 
haupt die Führung in Fragen der Bodenfor¬ 
schung und bergbaulichen Technik damals 
wie heute in der Welt von Deutschen gehalten 
wurde. Das Zentrum deutscher Bergwissen¬ 
schaft war seit 1765 die damals gegründete 
Bergakademie zu Freiberg in Sach¬ 
sen, die hohe Schule sowohl der meisten deut¬ 
schen Bergingenieure, von denen eine große 
Zahl ins Ausland gerufen wurden, als auch 
der ausländischen Fachleute, die ihr Wissen 
dort auf den höchsterreichbaren Stand brach¬ 
ten, um so ausgerüstet in ihre Heimat zurück¬ 
zukehren. Freiberg besaß damals diejenigen 
Laboratorien, denen man aus aller Welt Erz¬ 
proben zur Untersuchung des Edelgehaltes 
zusandte, um Fehlinvestitionen und unnütze 
Abbauarbeit zu vermeiden, sowie um für die 
zweckmäßigste Verhüttung der Erze Rat zu 
erhalten. Ein deutscher Gelehrter, J.v.Born, 
schrieb 1786 das grundlegende Buch „Über 
das Anquicken“, d. h. über die Gewinnung 
von Gold und Silber aus den Erzen, indem 
man Quecksilber zusetzt, wobei Gold- oder 
Silberamalgam gewonnen wird, dem man 
alsdann die Edelmetalle wieder entziehen 
kann. Dies war lange Zeit die einzig rentable 
Methode. 
Unter den 132 Schülern aus Ibero-Amerika, 
die seit 1765 bis zum Weltkriege in Freiberg 
studierten, waren 21 Mexikaner, — ein an 
sich schon bedeutender Anteil, wenn man 
bedenkt, daß außerdem noch Chile, Brasilien, 
Peru, Columbien, Bolivien, Cuba und Vene¬ 
zuela, also eine ganze Reihe von Bergbau¬ 
ländern an der Gesamtzahl beteiligt sind. 
Mexiko steht an dritter Stelle hinter Chile 
und Brasilien mit 44 und 23 Schülern. In 
Wirklichkeit aber sind die Beziehungen Mexi¬ 
kos zum deutschen Bergbau sogar die aller¬ 
engsten. In der Statistik steht nämlich nicht 
geschrieben, daß seit 1792 Mexiko selber in 
Vorsprung zu allen anderen Ländern eine 
Bergakademie nach Freiberger 
Muster besaß, daß also in diesem 
Lande selbst nach deutschen Methoden und 
sogar unter deutschen Lehrern ausgebildet 
wurde. Ohne diesen Umstand würde das 
Ziffernverhältnis in der Freiberger Schüler¬ 
statistik noch ganz anders aussehen. Der 
Gründer dieser mexikanischen Akademie, 
Fausto d’Elhuy ar, ein Freund des ge¬ 
nannten v. Born, hatte in Freiberg studiert 
und außer acht Steigern und Werkmeistern 
drei deutsche Freiberger Ingenieure mitge¬ 
nommen, die neben ihrem praktischen Dienste 
als Lehrer an der Hochschule gewirkt haben. 
Diese Anstalt muß aus deutscher Quelle 
auch recht gut mit technischen Forschungs¬ 
mitteln ausgerüstet gewesen sein, denn als 
ein Jahrzehnt später Alexander v. Humboldt 
— übrigens bekanntlich auch von Hause aus 
Bergmann und von Freiberg her mit dem 
Lehrkörper der mexikanischen Akademie in 
guten Beziehungen stehend — auf seiner 
großen amerikanischen Forschungsreise auch 
Mexiko für Monate besuchte, um dort nicht 
nur den Bergbau zu besichtigen, sondern vor 
allem geographische Messungen vorzunehmen, 
in deren Verlaufe die Lage der Hauptstadt 
Mexiko erstmalig genau bestimmt wurde, 
konnte er sich der ihm von der Akademie 
leihweise zur Verfügung gestellten Meßinstru¬ 
mente bedienen. (Seine eigenen hatten auf 
der beschwerlichen Reise nach und nach an 
Genauigkeit eingebüßt.) 
Die Deutschen konnten sich allerdings auf 
die Dauer im Lande nicht halten. Von Men¬ 
schen, die ihnen ihre Erfolge neideten, wur¬ 
den sie der Ketzerei bezichtigt und der Inqui¬ 
sition in die Hände geliefert, die damals in 
spanischen Landen noch eine große Bedeutung 
hatte. 
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