Full text: 72.1944 (0072)

Deutsche Rede unter Bergleuten 
Vom inneren und äußeren, heimlichen und öffentlichen Reiche 
Von Dr. Wilhelm Fisch dick, Berlin 
Es steht niemanden an zu behaupten, daß 
nur er alleine das Vaterland liebe, und wohl 
gar anderen eine gleiche Treue abzusprechen. 
Einer solchen Überheblichkeit wird sich auch 
der deutsche Bergmann nicht schuldig machen, 
aber sich seiner Liebe zu rühmen im engeren 
Kreise und stolz der Zeiten zu gedenken, da 
man sie bewähren konnte, das ist erlaubt, 
denn es dient zur Stärkung für die Zukunft 
und verletzt niemanden anders. 
Bergleute haben für unser Deutsches Reich 
im ersten Weltkriege gekämpft und stehen 
auch heute an der Front. Ja, sie sind beson¬ 
ders stolz darauf, daß sie sich bewähren 
konnten sogar in einer Zeit, in der das Aller¬ 
notwendigste fehlte, nämlich eine starke 
Führung „von oben“. Es soll einmal ruhig und 
bescheiden darauf hingewiesen werden, daß 
unter denjenigen deutschen Landschaften, die 
nach 1918 zeitweilig auf eigene Faust, ledig¬ 
lich mit der Kraft des inneren Trotzes aus¬ 
gerüstet, die Treue hielten, drei ausgespro¬ 
chene Bergreviere waren, nämlich das Ruhr¬ 
gebiet, das Saarland und Oberschlesien, zwei 
abgetrennt, das dritte von blutiger Grenze 
sinnlos durchschnitten. Dafür, daß die Fremd¬ 
herrschaft im Ruhrgebiet von kürzerer Dauer 
war, sind seine Leiden heute die schwersten. 
Not und Ehre gleichen einander aus.. 
Das ist ja nun eine Selbstverständlichkeit 
Der Bergmann sieht es als eine solche an 
und macht kein Aufhebens davon; er will 
auch, daß andere Berufsstände ihm diese 
Treue als eine Selbstverständlichkeit Zutrauen. 
Aber wir sollten uns doch einmal darüber 
klar werden, weshalb dies so selbstver¬ 
ständlich ist. Um es rund heraus zu sagen: 
die ganze Geschichte des berg¬ 
männischen Berufsstandes bringt 
es mit sich, daß die Männer vom 
Schlegel und Eisen vom Sinn und 
Wesen, vom Schicksal desReiches 
aus einer mehr als tausendjähri¬ 
gen Erfahrung etwas mehr als 
viele andere wissen. Sie haben unter 
der zeitweiligen Not des Reiches und dem 
Mangel seiner starken Einheit besonders 
schwer gelitten und sind an der Einigung der 
Landschaften und Stämme zum großdeutschen 
Volke und Reiche in besonderer Weise be¬ 
teiligt. 
Heute steht in der bergbaulichen Förderung 
die Kohle, und insbesondere die Steinkohle 
an erster Stelle, deren Hauptlagerstätten sich 
zufällig im Osten und Westen, also nach 
den Grenzen zu, befinden. Wir wissen auch, 
was diese Reviere für den Aufbau der Macht 
im Reiche bedeutet haben, Oberschlesien als 
die Waffenschmiede des alten Preußen, das 
Ruhrgebiet und das Saarrevier für das Bis¬ 
marckreich insbesondere. Aber das betrifft 
nur die Geschichte der letzten anderthalb 
Jahrhunderte. Wir müssen viel weiter in die 
Vergangenheit zurückgreifen, um den ganzen 
Umfang der Beziehungen zwischen Bergbau 
und Reich zu ermessen, nämlich auch in die 
Geschichte des alten, des mittelalterlichen 
„Römischen Reiches Deutscher Nation“. Da¬ 
mals standen der Erz- und Salzbergbau an 
erster Stelle, und die Steinkohle, erst recht 
die Braunkohle, waren ihrem Werte nach 
noch gar nicht richtig erkannt. Damals also 
befanden sich die Hauptreviere nicht am 
Rande, sondern in der Mitte des Reichs¬ 
gebietes. Seit den verschollenen Bergbau¬ 
leistungen der Kelten indes ist schlechter¬ 
dings alle Befruchtung der Welt durch berg¬ 
bauliche Arbeit von den deutschen Berg¬ 
revieren im Zentrum desReiches ausgegangen. 
Es gibt kaum einen Bergbau irgendwo in 
allen Erdteilen, der nicht seine Überliefe¬ 
rungen unseren deutschen Berufsvorfahren 
verdankt. Nur im fernen China finden wir 
noch eine uralte, davon unabhängige Tra¬ 
dition. Sie beweist die hohe Begabung des 
chinesischen Volkes, aber sie hat in der Welt 
sonst keine Wirkung ausgestrahlt, war auch 
nicht dazu geeignet, in der modernen Technik 
„Schule zu machen“. Aber aus dem Gebiete 
der Franken und Chatten, vom rechten Rhein¬ 
ufer aus — eines der ältesten Zentren ist das 
Siegerland — verbreitete sich die „Kunst“ 
nach dem Harz, ins Mannsfeldsche, nach dem 
Erzgebirge, nach Sachsen, von dort nach 
Schlesien, Böhmen und Mähren, Polen, Italien, 
dem Balkan, nach Rußland, Skandinavien, den 
Niederlanden, nach England, Frankreich. 
Spanien, Portugal, von der iberischen Halb¬ 
insel nach Amerika und der sonstigen außer¬ 
europäischen Welt. Darin liegt keinerlei 
Übertreibung; alles läßt sich mit Urkunden 
oder gleichwertigen Beweisstücken belegen. 
In zahlreichen Fällen wissen wir sogar genau 
um den Vorgang und können die Namen der 
beteiligten deutschen Kulturträger sowie das 
Datum angeben. Der mittelalterliche deutsche 
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