Full text: 72.1944 (0072)

Es hätte nicht Wunder nehmen dürfen, wenn 
die Absetzbewegungen vom Gegner, vorüber¬ 
gehende Mißerfolge, oft übermenschliche 
Anstrengungen und besonders die ungeahnten 
Menschen- und Materialmassen des Feindes 
in diesem vierten Kriegsjahr den deutschen 
Soldaten aus rein vernunftmäßiger Über¬ 
legung heraus den Glauben an die Materie 
eingeimpft hätte; denn schließlich muß er 
sich ja mit jenen Kräften verbünden, die ihm 
primäre Voraussetzung für ein siegreiches 
Kriegsende sind. Denn er steht in erster 
Linie hier, um diesen Sieg zu garantieren. 
Gerade die Rückschläge des Winters haben 
ihm gezeigt, daß er in diesem Kriege mit 
Kompromissen nicht rechnen kann und darf, 
daß es für ihn nur ein unerbittliches Ent¬ 
weder-Oder gibt. Das heißt also: nackter 
Existenzkampf bestimmt die Wahl der 
Mittel. Eine Entscheidung zugunsten der 
Materie hätte auch deshalb nicht erstaunt, 
weil der Feldgraue doch erkennen mußte, 
daß die Gegenseite durch eine überdimen¬ 
sionale Materialmassierung unstreitig Erfolge 
verbuchen konnte. 
Instinktmäßig aber hat sich der Soldat 
vom Massenwahn losgesagt. Er mußte im 
Verlaufe des Ostfeldzuges und besonders in 
den letzten Monaten erkennen, daß die 
meisten der deutschen Soldaten sich bei 
steigenden Anforderungen zu einer sehr 
bewußten und sehr aktiven Persönlichkeit 
entwickelt haben. Wenn ein Abteilungs¬ 
kommandeur im Sumpf des Kuban z. B. fest¬ 
stellen konnte, daß sich die Wut des einzel¬ 
nen Soldaten bei gegnerischen Aktionen 
derart steigerte, daß zwei Obergefreite sich 
aus eigenem Entschluß aufmachten, um bei 
Nacht eine zehnfach überlegene feindliche 
MG.-Stellung auszuheben, so ist damit schon 
ein Beweis erbracht, daß die innere und 
äußere Kraft des einzelnen deutschen Sol¬ 
daten derjenigen des einzelnen Sowjet- 
armisten um ein Vielfaches überlegen ist. So 
gewann, durch Erfahrungen bedingt, im 
Angesicht der Truppe der einzelne Kämpfer 
an Wert. Er zählt heute an der Front in 
erster Linie. Das geht zum Teil schon so 
weit, daß die Qualität des selbstverantwort¬ 
lichen Einzelkämpfers einen Maßstab für die 
Kameradschaft bildet. Gewiß ist dieser Ma߬ 
stab hart, vielleicht sogar ungerecht. Aber 
es ist notwendig, denn er schafft ganz auto¬ 
matisch jene Auslese wertvollster Kräfte, 
die heute das Rückgrat der Front bilden und 
denen die Waffe zum Diener im Existenz¬ 
kampf wird — und nicht umgekehrt. Dieses 
Gefühl für den Wert der Persönlichkeit ver¬ 
stärkt sich noch in dem Augenblick, als der 
einzelne Soldat im Brückenkopf angesichts 
des Verlustes von Tunis erkannte, daß seinem 
Abwehrwillen von nun an erhöhte Bedeutung 
in der militärischen und politischen Krieg¬ 
führung zukomme. 
Dieser gegenüber den Erfahrungen ^ des 
ersten Weltkrieges völlig gegenteilige Pendel- 
ausschlag ist wohl auch darauf zurückzu¬ 
führen, daß der deutsche Soldat im Verlauf 
dieses Krieges anhand ungezählter Beispiele 
erfahren hat, daß Masse und Material wohl 
Augenblickserfolge erringen können, daß 
aber Dauererfolge nur vom Geist des Soldaten 
erkämpft werden. Deshalb nimmt der ein¬ 
zelne Kämpfer zeitweilig Rückschläge nicht 
allzu tragisch. Er rechnet mit ihnen, weil er 
nicht annehmen kann, nicht annehmen darf, 
daß sich allein im Sturmschritt der Schlachten 
das deutsche Schicksal entscheidet. So er¬ 
leben wir es, daß Rückschläge auf den Geist 
der Truppe in einer Form wirken, die starke 
männliche Charaktere zeitigt. Wenn fünf 
Mann gegen hundert stehen und dennoch 
siegen, wenn zwei Geschütze gegen landende 
Bataillone kämpfen und den Landungsver¬ 
such dennoch vereiteln, wenn ein einziger 
Sofdat, seinem Regiment vorausstürmend, 
Bunker um Bunker knackt und den Kamera¬ 
den den Weg in den Feind freischlägt — so 
ist bewiesen, wie sehr heute der Starke eine 
Welt in der Faust hält, von der nur die 
wissen und wissen können, die hier draußen 
stehen. 
Zu solchen Taten und zu solcher Ein¬ 
stellung gehört ein heiliges Feuer. Diese 
Flamme kann man nicht befehlen, sie muß 
wachsen. Ihre Glut wartet auf den Prome¬ 
theus, der einst — ebenfalls am Kaukasus — 
dazu fähig war, der Menschheit das Licht 
vom Himmel zu holen. Man traf solche Kühn¬ 
heit im Brückenkopf in einer erstaunlich 
massierten Form. Nicht müde und zerschla¬ 
gene Männner, wie es uns die Feindpropa- 
ganda weißmachen will, sondern kühne und 
intelligente Gesichter beherrschten hier die 
Front. 
Hat man einmal nach solchen Erkenntnissen 
einen Zusammenstoß dieser Geisteshaltung 
mit der der östlichen Welt — und sei es auch 
nur im engsten Rahmen — erlebt, so sieht 
man erst, was die Rasse eines kämpfenden 
Soldaten bedeutet. Der andere mag wohl 
listiger sein. Wirken aber kann er nur durch 
die Masse gegen den einen, der sich ihm als 
Persönlichkeit stellt. In dieser Persönlichkeit 
aber liegt eine Welt umschlossen, die all 
unsere Kultur umfaßt. Vielleicht ist gerade 
sie wenigstens zu einem Teil der Anstoß zu 
jenem Feuer, das den einzelnen auch bei 
zahlenmäßiger Unterlegenheit zum mutigen 
Träger unseres Schicksals macht. Sicher, dies 
Feuer kann erlöschen. Ein kleines Stückchen 
Eisen kann dem Leben seine Erfüllung 
setzen. Hat der Kämpfer aber einmal den 
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