Full text: 72.1944 (0072)

Die Well der Stärkeren 
Von Kriegsberichter Dr. Frhr. v. Imhoff 
PK. Monat um Monat, Jahr um Jahr steht 
der kämpfende Soldat nun schon an der 
Front. Sie ist für ihn zwangsweise zur Ge¬ 
wohnheit geworden. Der Kampf ist für ihn 
nicht mehr, wie in den ersten Monaten dieses 
Krieges, elementares Ereignis, sondern er ist 
bereits Zustand, er ist Lebensform geworden. 
Der Neuling empfindet es vielleicht noch als 
Absonderlichkeit, wenn deutsche Divisionen 
am Kuban-Brückenkopf auf Asiens Boden 
die europäische Kultur gegen die östliche 
Steppe verteidigten. Der erfahrene alte Front¬ 
kämpfer aber nimmt die Waldungen des Kau- 
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Viele Stellen Innerhalb des Grabens können wegen Feindeinsicht nur 
im Laufschritt überquert werden. 
PK-Aufnahme: Kriegsberichter Hermann (Wb) 
kasus, die Sumpfniederungen des Kuban als 
eine Art Selbstverständlichkeit hin. 
In den Gesprächen, die darüber an der 
Front geführt werden, klingt die Heimat 
ständig an. Sie ist die feste Basis, auf der alle 
Diskussionen in erdigen Gef echtsständen oder 
zwischen zitternden Mauern von Kosaken¬ 
dörfern stehen. Den Vorrang aber hat der 
Krieg! Das beginnt mit den gebleichten 
Uniformen, mit dem von Schlamm und Regen 
mürbe gewordenen Schuhwerk. Das endet 
bei all den Problemen von Wirtschaft und 
Politik, die hier so gesehen werden, als sei der 
schmale Gefechtsstreifen 
einer Kompanie der Nabel 
der Welt. Diese Geistes¬ 
haltung muß so sein und 
nicht anders; denn durch 
sie schafft sich der Soldat 
einen unsichtbaren Schutz¬ 
mantel, der ihn geistig und 
seelisch vor allen Fähr¬ 
nissen des Nomadendaseins 
beschützt. Sie verschafft 
den Feldgrauen die tiefere 
Begründung seines Front¬ 
lebens. Also keine Gleich¬ 
gültigkeit, sondern bewußte 
und gewollte Haltung! 
Naturgemäß wird aber so 
jede früher natürliche Of¬ 
fenbarung der Heimat 
fremd und fern. Das einst 
Alltägliche wird zu etwas 
Außergewöhnlichem, das 
man wohl ersehnt, um das 
man aber nicht etwa fleht. 
Man träumt zeitweise von 
den Glocken, deren Töne 
man hier vergeblich sucht. 
Man träumt vom Pfeifen 
der Fabriken, vom Rattern 
der Eisenbahn, vom Lachen 
der Kinder und von den 
harmonischen Klängen eines 
fernen Volksliedes. Man 
träumt davon, weil der Ta¬ 
geslauf vom unruhig noma¬ 
dischen Leben der Front er¬ 
füllt ist, weil die Rück¬ 
schläge des Winters die 
Frage aufwerfen, ob dem 
Herzen des deutschen Sol¬ 
daten nicht doch eine blu¬ 
tende Wunde gerissen wur¬ 
de, ob die Moral der Front 
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