Full text: 72.1944 (0072)

lieh wird, also das eh vor s ausfällt, so 
kam es auch zu den Formen Dreßler und 
Drießler, Dressei (Dreßei) und Dröschel, 
und es meinen solche Namen immer noch 
den einstigen Handwerker, welcher an der 
Drehbank arbeitete. In Vergessenheit ge¬ 
raten ist auch eine alte Benennung für 
den Kleinhändler, Trödler, Krämer, mag 
sie nun als Familienname heute Gremp(e), 
Kremp(e), Grempener oder Krempel ge¬ 
schrieben werden; am richtigsten ist das 
G am Wortanfang. Daß Schuster und 
Schuhmacher den gleichen Beruf benen¬ 
nen, verstehen wir; aber auch Sutter und 
Sauter meinen ihn, sind nur landschaft¬ 
liche Unterschiede für ursprüngliches lat. 
sutor (= ,Schuhflicker*), ebenso bezeichnen 
Schu(h)mann und auch aus Schuhmacher 
(alt Schuomacher) zusammengezogenes 
Schummer und Schommer das gleiche 
Handwerk. 
Doch nicht bloß handwerkliche und 
händlerische Berufe ljeben in Familien¬ 
namen weiter sondern auch Amt und 
Würde. Vogt, Voit und Fauth meinen 
denselben einstigen richterlichen, Auf- 
sichts- und Verwaltungsbeamten; nur ist 
die eine Wortform in der, die andere in 
jener Gegend aus dem ursprünglichen 
lateinischen Namen entstanden. Daneben 
stellen wir mit gutem Grund den Graf oder 
Gräfe oder Gräff; denn einmal verhielt es 
sich mit diesen wechselnden Gestaltungen 
der gleichen Herkunft ebenso, und zum 
andern benannten sie ebenfalls einen 
richterlichen, Aufsichts- und Verwaltungs¬ 
beamten; aber es mußte durchaus nicht 
ein Graf der Art sein, wie wir ihn uns 
zumeist bei diesem Namen vorstellen, son¬ 
dern auch ein Dorfvorstand, ein Gilde¬ 
meister, ja sogar ein Aufseher über Feder¬ 
vieh und dergleichen konnte im späteren 
Mittelalter so heißen (man denke auch an 
den Namen Hühnerfauth!) Ebenfalls bei 
Gericht tätig war der Stuhlsatz, nämlich 
als Gerichtsbeisitzer, heute würden wir 
Schöffe sagen (und das Stuhlsatzenhaus 
zwischen Dudweiler und Saarbrücken hat 
von einem Träger des Namens, der es 
einst besaß, seine Benennung erfahren). 
Schauen wir noch einmal zurück, dann 
durchwanderten wir drei verschiedene 
Gruppen von Familiennamen, aus Ruf¬ 
namen, aus Ortschafts- und aus Berufs¬ 
benennungen entstandene- Die letzte, die 
wir noch in ein paar Beispielen vorzu¬ 
führen haben, geht auf sogenannte Über¬ 
namen zurück. Sie können ursprünglich 
unfreundlich gemeint sein und heißen 
dann mit Recht Spitznamen, können 
aber auch ganz harmlos sein. Es war 
doch bestimmt nicht bös gemeint, wenn 
man zur Zeit, die noch ohne Familien¬ 
namen war, drei Heinrich so unterschied: 
der dicke Heinrich, der große Heinrich, 
der kleine Heinrich, woraus später „Hein¬ 
rich Dick“, „Heinrich Groß“, „Heinrich 
Klein“ wurde; denn man sprach ja nur 
wirklich gegebene Tatsachen aus. Statt zu 
Dick konnte es ebenso zum Ubernamen 
und folglich auch Familiennamen Fett oder 
auch Sinnwell (= ,kugelrund*) kommen, 
statt Groß zu Lang(e) oder Stang(e) und 
statt Klein zu Kurz oder — was dasselbe 
ist — Lützel oder Stump(f) oder Sturz oder 
Storz, und den Gegensatz zum Dick bildet 
der Schmal oder Dürr oder Dörr. Rau(h) 
und Rauch ist ehemals dasselbe und meint 
einen recht haarigen Menschen, Grim(m) 
einen, der den Gegensatz zu einem von 
sanfter, freundlicher Art bildete, Fink eine 
frohe, lustige Natur. 
Aber genug der Beispiele! Die Erklärung 
aller Familiennamen im Sulzbachtal würde 
ein Buch ergeben. Soviel hat wohl der 
freundliche Leser begriffen: wenn auch 
mancher Name ohne tieferes Nachdenken 
zu verstehen ist, bei vielen muß man vor¬ 
sichtig sein, auch wenn sie ganz verständ¬ 
lich erscheinen. Ich will das noch einmal 
unterstreichen, indem ich Kratz und 
Gewehr vornehme. Jener ist kein Spitz¬ 
name für einen streit-(kratz-)süchtigen 
Menschen, sondern Kurzform aus dem zum 
Rufnamen gewordenen Heiligennamen 
Pankratius, und dieser hat mit der Waffe 
ganz und gar nichts zu tun, sondern wäre 
heute richtig Gewähr zu schreiben und 
bedeutet ,Gewährsmann, Bürge*. Die rich¬ 
tige Deutung der Familiennamen erfordert 
gründliche Sprachkenntnisse, und zwar 
der hochdeutschen Sprache und der Mund¬ 
art, und lange und umsichtige Beschäfti¬ 
gung mit ihnen, d. h. Erforschung an Hand 
alter Formen und Belege, und noch man¬ 
cherlei mehr. Und selbst dann steht man 
am Ende eines Menschenlebens immer noch 
vor einer nicht kleinen Anzahl von Rät¬ 
seln. Umsomehr sollte man sich vor ober¬ 
flächlicher Deutelei und Raterei hüten. 
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