Dae harte Jahr
Eine f eh c i n b a r traurige G e f eh i eh t e
V o 11 Karl LI ö c
ir sind bestimmt keine
schlechten Kameraden,
wir im zweiten Zug der
dritten Kompanie, aber
was der Prillinger Max
ist, den haben wir gestern
alle gemeinsam durch¬
gehauen, zehn oder zwölf gegen einen. Und
das kam so:
Der Baumann Fritz, der wo als Gefreiter
auf der Schreibstube ist und sich deshalb
auskennt in den Personalien von den einzel¬
nen Leuten, der traf den Prillinger Max beim
Stiefelputzen im Hof und sagte zu ihm:
„Du bist ja früher schon mal in der Türkei
gewesen, hab' ich aus deinen Papieren ge¬
sehen. Wie lange warst du denn da?“
Der Prillinger überlegte nicht lange. „Ein
Jahr gerade“, sagte er, „aber das hat auch
gelangt.“
„Wieso?“ fragten die anderen, die sich da¬
zugestellt hatten, und waren schon voller
Neugier.
Der Prillinger antwortete zunächst nichts
anderes als „Na, Mensch!“, er sagte es aber
mit einer so vielsagenden Geste, daß wir
gleich heftiger auf ihn einredeten. „Los, er¬
zähl’ schon!“ verlangten wir, und dann hat
der Prillinger eben erzählt.
„Na, was giöt’s da viel zu erzählen?“ hat er
angefangen und uns groß und fragend ange¬
schaut. „Eingesperrt haben’s mich halt, ob¬
wohl ich doch nicht das Geringste verbrochen
hatte. Eingesperrt auf engstem Raum natür¬
lich, kein bisserl größer, als daß ich mich
hinlegen und ausstrecken konnte.“
Sprachlos schüttelten wir den Kopf, er aber
fuhr ermuntert fort:
„Und als ich das mit der Zeit nicht mehr
ertragen konnte, was ja wohl kein Wunder
ist, nicht wahr, denn man ist ja schließlich
ein Mensch und kein Stück Vieh' und zu
schreien und zu gestikulieren begann, da
haben’s mich einfach angebunden. Jawohl!
Unversehens hatte ich so ein paar feste breite
Riemen über Schulter und Rücken, ihr wißt
schon, solche, die hinten verschlossen werden,
damit man nicht mit den Händen dran kann,
und hinfort, na, da konnte ich nur auf dem¬
selben Fleck stehen, keinen Schritt vor und
keinen zurück!“
„Ist ja toll!“ sagte der Gefreite Baumann
von der Schreibstube, und „Wie lange hast du
das denn ausgehalten?“ fragte der Huber Theo
und machte ein entsetztes Gesicht.
„Immerhin an die fünf Monate“, erwiderte
der Prillinger Max. „Dann erst haben sie
mich losgebunden und frei laufen lassen. Das
heißt, von „frei“ kann gar keine Rede sein.
Sie steckten mich in einen engen umgitterten
Hof, sag und schreibe kaum größer als ein
Quadratmeter, und drin konnte ich mich, wenn
es mir gefiel, an den Gitterstäben entlang¬
tasten. Aber, was blieb einem schon anders
ührig?“
„Und die Ernährung?“ wollten wir noch
wissen. „Hat man dich wenigstens gut ver ¬
sorgt?“
„Darüber kann man verschiedener Meinung
sein“, erklärte der Prillinger. „Jeden Tag
gab’s dasselbe — immer nur Eintopf. Nie¬
mals ein Stück Fleisch, niemals auch nur
eine Scheibe frisches Brot oder einen Schluck
Bier, immer nur so ein lauwarmes flüssiges
Zeug, und erst zuletzt hin und wieder einen
Brei — na, ich weiß nicht, wem von euch das
schmecken würde!“
Wir waren ausnahmslos bestürzt über diese
unmenschliche Behandlung. „Konntest du
dich denn nicht irgendwo beschweren?“ frag¬
ten wir erregt.
„Beschweren ist gut“, antwortete der Pril¬
linger lächelnd. „Ich war ja der Sprache
nicht mächtig, ich konnte nicht ein einziges
Wort Türkisch. Außerdem hätte es mir wenig
genützt, weil meine Behandlung sich trotz
allem streng an die Vorschriften hielt.“
„Ja, aber der deutsche Botschafter in der
Türkei, der hätte doch einschreiten müssen!"
meinte der Brunner Karl, der ein Gebildeter
ist und sich im Völkerrecht auskennt.
„Ja, mei, der Botschafter, der hat andere
Aufgaben, als sich um kleine Leute wie
unsereiner zu kümmern“, gab der Prillinger
gelassen zurück.
„Und die Familie, deine Eitern beispiels¬
weise, konnten die nichts für dich tun?“
„Das ist es ja gerade“, gestand der Prillin¬
ger, „die waren durchaus mit allem einver¬
standen.“
Nun waren wir restlos erschüttert von dem
harten Schicksal, das der Prillinger Max ein
Jahr lang ohne jede Anteilnahme hatte er¬
tragen müssen, und wir sahen den armen
Dulder voll echten Bedauerns an.
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