Full text: 72.1944 (0072)

Dae harte Jahr 
Eine f eh c i n b a r traurige G e f eh i eh t e 
V o 11 Karl LI ö c 
ir sind bestimmt keine 
schlechten Kameraden, 
wir im zweiten Zug der 
dritten Kompanie, aber 
was der Prillinger Max 
ist, den haben wir gestern 
alle gemeinsam durch¬ 
gehauen, zehn oder zwölf gegen einen. Und 
das kam so: 
Der Baumann Fritz, der wo als Gefreiter 
auf der Schreibstube ist und sich deshalb 
auskennt in den Personalien von den einzel¬ 
nen Leuten, der traf den Prillinger Max beim 
Stiefelputzen im Hof und sagte zu ihm: 
„Du bist ja früher schon mal in der Türkei 
gewesen, hab' ich aus deinen Papieren ge¬ 
sehen. Wie lange warst du denn da?“ 
Der Prillinger überlegte nicht lange. „Ein 
Jahr gerade“, sagte er, „aber das hat auch 
gelangt.“ 
„Wieso?“ fragten die anderen, die sich da¬ 
zugestellt hatten, und waren schon voller 
Neugier. 
Der Prillinger antwortete zunächst nichts 
anderes als „Na, Mensch!“, er sagte es aber 
mit einer so vielsagenden Geste, daß wir 
gleich heftiger auf ihn einredeten. „Los, er¬ 
zähl’ schon!“ verlangten wir, und dann hat 
der Prillinger eben erzählt. 
„Na, was giöt’s da viel zu erzählen?“ hat er 
angefangen und uns groß und fragend ange¬ 
schaut. „Eingesperrt haben’s mich halt, ob¬ 
wohl ich doch nicht das Geringste verbrochen 
hatte. Eingesperrt auf engstem Raum natür¬ 
lich, kein bisserl größer, als daß ich mich 
hinlegen und ausstrecken konnte.“ 
Sprachlos schüttelten wir den Kopf, er aber 
fuhr ermuntert fort: 
„Und als ich das mit der Zeit nicht mehr 
ertragen konnte, was ja wohl kein Wunder 
ist, nicht wahr, denn man ist ja schließlich 
ein Mensch und kein Stück Vieh' und zu 
schreien und zu gestikulieren begann, da 
haben’s mich einfach angebunden. Jawohl! 
Unversehens hatte ich so ein paar feste breite 
Riemen über Schulter und Rücken, ihr wißt 
schon, solche, die hinten verschlossen werden, 
damit man nicht mit den Händen dran kann, 
und hinfort, na, da konnte ich nur auf dem¬ 
selben Fleck stehen, keinen Schritt vor und 
keinen zurück!“ 
„Ist ja toll!“ sagte der Gefreite Baumann 
von der Schreibstube, und „Wie lange hast du 
das denn ausgehalten?“ fragte der Huber Theo 
und machte ein entsetztes Gesicht. 
„Immerhin an die fünf Monate“, erwiderte 
der Prillinger Max. „Dann erst haben sie 
mich losgebunden und frei laufen lassen. Das 
heißt, von „frei“ kann gar keine Rede sein. 
Sie steckten mich in einen engen umgitterten 
Hof, sag und schreibe kaum größer als ein 
Quadratmeter, und drin konnte ich mich, wenn 
es mir gefiel, an den Gitterstäben entlang¬ 
tasten. Aber, was blieb einem schon anders 
ührig?“ 
„Und die Ernährung?“ wollten wir noch 
wissen. „Hat man dich wenigstens gut ver ¬ 
sorgt?“ 
„Darüber kann man verschiedener Meinung 
sein“, erklärte der Prillinger. „Jeden Tag 
gab’s dasselbe — immer nur Eintopf. Nie¬ 
mals ein Stück Fleisch, niemals auch nur 
eine Scheibe frisches Brot oder einen Schluck 
Bier, immer nur so ein lauwarmes flüssiges 
Zeug, und erst zuletzt hin und wieder einen 
Brei — na, ich weiß nicht, wem von euch das 
schmecken würde!“ 
Wir waren ausnahmslos bestürzt über diese 
unmenschliche Behandlung. „Konntest du 
dich denn nicht irgendwo beschweren?“ frag¬ 
ten wir erregt. 
„Beschweren ist gut“, antwortete der Pril¬ 
linger lächelnd. „Ich war ja der Sprache 
nicht mächtig, ich konnte nicht ein einziges 
Wort Türkisch. Außerdem hätte es mir wenig 
genützt, weil meine Behandlung sich trotz 
allem streng an die Vorschriften hielt.“ 
„Ja, aber der deutsche Botschafter in der 
Türkei, der hätte doch einschreiten müssen!" 
meinte der Brunner Karl, der ein Gebildeter 
ist und sich im Völkerrecht auskennt. 
„Ja, mei, der Botschafter, der hat andere 
Aufgaben, als sich um kleine Leute wie 
unsereiner zu kümmern“, gab der Prillinger 
gelassen zurück. 
„Und die Familie, deine Eitern beispiels¬ 
weise, konnten die nichts für dich tun?“ 
„Das ist es ja gerade“, gestand der Prillin¬ 
ger, „die waren durchaus mit allem einver¬ 
standen.“ 
Nun waren wir restlos erschüttert von dem 
harten Schicksal, das der Prillinger Max ein 
Jahr lang ohne jede Anteilnahme hatte er¬ 
tragen müssen, und wir sahen den armen 
Dulder voll echten Bedauerns an. 
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