Full text: 72.1944 (0072)

daß das Schweigen doch würde gebrochen 
werden. Jetzt ging die Hoffnung dahin. 
Leicht zogen die Bremsen an. Unter dem 
gelupften Verdeck erkannte ich den Eingang 
der Stadt, die Höhe der Krefelder Straße. 
Ehe noch die Fahrer ausgestiegen waren, 
fühlte ich mich am Ärmel gefaßt, eins Hand 
suchte tastend die meinige. Erst viel später 
wurde ich Inne, daß der Handschuh aus¬ 
gezogen war. Das blasse Gesicht neigte sich 
mir zu, für eines Herzschlags Dauer spürte 
ich seinen warmen Atem, den Duft der Haut 
und der Haare. 
„Ich danke Ihnen“, hörte ich die erregende 
Stimme. „Bitte, lassen Sie es damit gut sein!“ 
Jetzt hätte ich sprechen können und konnte 
nicht. Ich hielt ihre Hand und verbeugte 
mich, ein tollpatschiger Clown, vor der Un¬ 
sichtbaren, in tiefster Dunkelheit. 
Die Koffer wurden herausgeschafft; wir 
gaben unsern Dankessold. 
An den Alleen, welche die Innenstadt gür¬ 
ten, setzte die Frau ihren Koffer zu Boden. 
„Es wird Zeit, sich zu trennen“, sagte sie. 
Wie seltsam sie sprach! Wußte sie, daß ich 
hier abschwenken mußte? 
„Vielleicht darf ich Ihnen — die Zeiten sind 
unruhig — meine Begleitung anbieten?“ 
Ihr Blick glitt über die Koffer, die rechts 
und links neben mir standen. 
„Ich danke Ihnen“, antwortete sie; und 
fügte nach einer Weile, da ich noch zaudernd 
wartete, leise hinzu: „Ich bin sicher, Sie wer¬ 
den den Wunsch einer Dame achten.“ 
Für Sekunden war ein kleiner Zorn in mir, 
doch war er in nichts zerflogen, als sie mir 
die Hand gab. 
„Leben Sie wohl, mein Freund“, sagte sie 
warm. „Ich werde Sie nicht vergessen.“ 
Da ging sie hin im trüben Licht einer ein¬ 
samen Bogenlampe, groß und schlank. Mit 
unruhigen Augen starrte ich ihr nach, wie 
sie von der Nacht verschluckt wurde, und 
ich horchte noch eine Weile auf ihre Schritte, 
die am Quellenhof vorbei mehr und mehr 
verhallten. 
Ich habe sie nie wiedergesehen. 
Stunde 
• 
Jedwedem Geschleckte trommelt der Tod 
die Stunde des Helden zum großen Rapport, 
der Heiden 
da gibt es kein Besinnen. 
Da wehen die Fahnen dem Siege voran, 
es schreiten die Söhne, Mann bei Mann 
und brennen tief innen. 
Jedwedem Geschlechte weinen die Weiber 
hin über die gefallenen Leiber 
den blinden Zorn, 
indessen aber treten im Lachen 
unbekümmert die jungen Wachen 
des Vaterlandes nach vorn. 
• 
Jedwedem Geschlechte trommelt der Tod 
die Stunde der Ehre zum großen Rapport, 
hell leuchtet die Schlacht. 
Da nehmen die Söhne der Väter Gewehre 
oder aber ein Volk lebt ins Leere 
Von Herbert Böhme. 
und stürzt in die Nacht. 
137
	        
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