Full text: 71.1943 (0071)

Zimmer herum, wie man es tatsächlich mit 
altem Eisen nicht tun kann und was es auch 
garnicht aushalten würde. 
„Du bist die beste Mutter der Welt!“ sagte 
Meta ein übers andre Mal. Und dann gelang 
es Frau Ringstatt doch noch anzufügen: 
„Halt — Kraft sparen und loslassen! Denn 
morgen früh gehts an die doppelte Arbeit, an 
die dankbarste unseres Lebens wohl: 
Ganz, ganz im Dienste des Vaterlandes 
unserer Frauen Hände Werk! Für unsre 
Väter, Söhne, Brüder, Kameraden!“ 
Die unsichtbare Wunde / vonjoh..nM.id<.«r 
Erwartungsvoll saßen die Menschen im 
Konzertsaal. Strahlendes Licht flutete mit 
wohltuender Wärme über festlich gestimmte 
Gesichter. Von dem Platz des Orchesters 
mutete das Stimmen der Instrumente, als 
trieben tausend Kobolde ihr Unwesen. In 
das behäbige Brummen der Bässe hüpften die 
munteren Kadenzen der Klarinetten, klagten 
die Geigen in suchendem Auf und Ab. 
Regine saß auf ihrem Platz und lächelte 
zuweilen wie über eine Schar ruheloser, 
schwatzender Kinder. Gleich mußte der Diri¬ 
gent kommen. Ein leichtes, mahnendes 
Klopfen seines Stabes, eine Bewegung seines 
Armes würde genügen, um aus den Elfen und 
Kobolden eine gesittete Schar zu machen. 
Sie kannte es und freute sich jedesmal dar¬ 
über. Es war zu ihrer inneren Vorbereitung 
unerläßlich. 
Merkwürdig, wie viele Plätze heute, ein¬ 
zeln und zu zweien unbesetzt waren. Sie 
wußte nicht, daß sie den Insassen des Re¬ 
servelazarettes Vorbehalten waren, die an 
diesem Abend als liebe Gäste zwanglos unter 
die Besucher gesetzt wurden. Da kamen sie 
auch schon. Eine Bewegung ging durch die 
Reihen. Man rückte, half ihre Plätze suchen, 
stand bereitwillig auf, wenn die Verwunde¬ 
ten durch die Reihen mußten. Ein Gefühl 
herzlicher Verbundenheit erfaßte jeden. Ja, 
heute mußte es doppelt schön werden. Wie 
in einer Familie, wenn der Vater, der Sohn, 
der Bruder auf Urlaub war. Es war das 
gleiche Bild, wenn auch die Gesichter andere 
waren. Aber hatten sie nicht alle den gleichen 
wesensverwandten Zug in ihren Mienen. 
Auch Regine bekam einen Nachbar zu ihrer 
Linken. Wortlos nahm er seinen Platz ein. 
Aus dem schweren Tuch der Binde lugte ein 
wenig das Weiß eines dichten Verbandes, in 
dem sein rechter Arm ruhte. 
Verstohlen betrachtete ihn Regine von der 
Seite. Ernst und still war sein Gesicht. Er 
schien ihr wie einer, der sich nach langem 
Kampf mit etwas abgefunden hatte. Auf¬ 
merksam' glitt sein Blick über das Orchester. 
Dankbar nahm er das Programm an, das 
Regine ihm bot. Die Lichter verloschen. Die 
Musik begann. Wie ein Raunen wob es durch 
die Stille des Saales. Erst leise, geheimnisvoll, 
um allmählich stärker zu werden, sich zu 
verbinden mit neuerwachenden Stimmen. Das 
breit dahinfließende Adagio löste alles 
irdische, hob die Seele empor aus Erden¬ 
schwere unter die Gestirne des alle Leiden 
mildernden Himmels. 
Regine schloß die Augen. Wie schön war 
es, den lockenden, dann leidenschaftlich for¬ 
dernden Tönen zu folgen auf gewundenen 
Pfaden, um dann auf lichten Höhen mit ihnen 
zu jubilieren und zu schwelgen im munteren 
Scherzo. Mochten die Gedanken des Mannes 
neben ihr wohl die gleichen sein?- 
Oder war sein Gefühl verhärtet worden im 
eisern harten Kampf der Wirklichkeit. 
Erst das zündende, von tiefem Ernst er¬ 
füllte Finale hob sie aus ihren Träumen. 
Als der Beifall sich gelegt hatte, wandte 
sie sich dem Soldaten zu. 
Sie erschrak. — Auf dem Programm, das 
er noch immer in seiner Hand hielt, gleißten 
blanke Tropfen. Tränen? Mitgefühl packte 
sie. War er einsam? Oder war es die Erinne¬ 
rung an die gefallenen Kameraden, die ihn 
bei der Musik so stark ergriff, daß er die 
Tränen nicht mehr meistern konnte. Wie 
gerne würde sie ihm helfen, ihm Schwester 
sein, kühlen die unsichtbare Wunde. Sie 
faßte sich ein Herz. Als er zufällig einmal 
herübersah, frug sie unvermittelt: „Lieben 
Sie die Musik sehr!“ — Er lächelte etwas. 
„O ja!“ 
„Aber“, fuhr er fort, und seine Stimme 
wurde sehr leise, „ich liebte sie einmal an¬ 
ders als heute“ und sein Blick strich wie 
suchend über die Binde, dort wo die Hand 
sein sollte. 
Regine verstand. Sie wagte keine Frage 
mehr. Sie war zu sehr Frau, um an eine 
Wunde zu rühren, die nicht einmal im Kör¬ 
perlichen bestand. 
Er hatte mehr verloren als einen Teil 
seines Körpers. Er hatte die Gabe verloren 
zu beschenken, die glücklicher macht, als 
Empfangender zu sein. Das mußte erst über¬ 
wunden werden. 
Die Lichter verloschen aufs neue. 
Wieder rauschte eine Melodie durch den 
Raum, diesmal wie tröstend. Wie wenn eine 
Mutter mit kühler Hand wirre Gedanken von 
der fieberheißen Stirn ihres Kindes scheucht. 
Als das Konzert zu Ende war, stand Regine 
in der Halle noch einmal vor dem Soldaten. 
Fest hielt sie die noch gesunde, nervige Hand 
in der ihren. Sie hatten sich verstanden. 
Mochte der Himmel und die alle Leiden 
heilende Zeit ihr helfen, seine V/unde zu 
schließen. Die unsichtbare Wunde. 
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