Full text: 70.1942 (0070)

C. Maßregeln zur Verhütung der Tuberkulose. 
I. Schutz gegen Ansteckung. 
Die beiden wichtigsten Forderungen betreffen das 
Verhalten des Kranken, nämlich Vorsicht beim Husten 
und gefahrlose Beseitigung des Auswurfs. 
a) Vorsicht beim Husten. 
Der Kranke hat gewisienhaft darauf zu achten, nie 
jemanden aus nächster Nähe anzuhusten, er hat beim 
Husten stets den Rucken der linken Hand vor den Mund 
zu hallen, da man sich bei Begrüßungen usw. meist der 
rechten Hand bedient. 
b) Die Beseitigung des Auswurfs. 
Der Lungentuberkulose muß stets eine Taschenspuck- 
flasche bei sich haben und seinen Auswurf in diese oder 
in einen Spucknapf entleeren. Er darf, wenn er seine 
Mitmenschen nicht schwer gefährden will, Nicht auf den 
Fußboden oder auf die Straße spucken. Die Benutzung 
eines Taschentuches zum Auffangen des Auswurfes ist 
möglichst zu vermeiden, da hierdurch allzu leichr Gesunde 
gefährdet werden können. Weniger gefährlich ist die Be¬ 
nutzung von Papiertaschentüchern, die baldigst in einen 
Abort geworfen oder verbrannt werden mästen. Auf der 
Straße hat der Tuberkulöse die Spuckflasche zu be¬ 
nutzen oder in den Rinnstein zu spucken. Jede Ver¬ 
unreinigung von Kleidung, Leib- und Bettwäsche, 
Decken usw. mit Auswurf ist unbedingt zu vermeiden. 
(Unbemittelte erhalten Taschenspuck, laschen unentgeltlich 
von der Fürsorgestelle.) 
Ferner sind folgende Vorschriften streng zu beachten: 
1. Gesunde sollen jedes unnötig enge Zusammensein 
mit hustenden Tuberkulösen meiden, sie sollen sich min¬ 
destens auf Acmlänge von den Kranken entferne halten. 
Säuglinge und Kleinkinder sollten von hustenden Lungen¬ 
tuberkulösen völlig ferngehalten werden. 
2. Der Kranke muß in seinem Bett allein schlafen. 
Er soll, wenn irgend mögl.ch, sein eigenes Schlafzimmer 
haben. Dort, wo sich dies nicht einrichten läßt, sollte ec 
den Schlafraum wenigstens nicht mit kleinen Kindern 
oder jugendlichen Erwachsenen teilen. Das Bett des 
Kranken soll möglichst frei im Zimmer stehen, sich niemals 
in einem Alkoven oder Bettschcank befinden. Muß der 
Kranke sein Schlafzimmer mit anderen Erwachsenen 
teilen, so mästen die Betten der Gesunden von dem 
Krankenbett m.ndestens 2 m Abstand haben. 
3. Der Kranke soll sein eigenes, von keinem anderen 
benutztes Taschentuch, eigenes Trink-, Eß- und Wasch¬ 
geschirr haben. 
4. Der Kranke soll es vermeiden, gesunde Personen zu 
kästen, vor allem muß er sich jeder Zärtlichkeit, (Um¬ 
armen, auf den Schoß nehmen) gegenüber kleinen Kin¬ 
dern enthalten. 
5. Der Kranke hat, sofern er körperlich dazu in der 
Lage ist, die Reinigung seiner Kleidung, möglichst im 
Freien oder bei offenem Fenster, selbst vorzunehmen. Er 
soll auch, solange es ihm möglich ist, sein Bett selbst 
machen. Unter keinen Umständen dürfen die vom Kranken 
getragenen Sachen in einem Raum ausgebürstet werden, 
in dem sich andere Personen (kleine Kinder!) befinden. 
Alle überflüssigen Hantierungen mit der Leib- und Bett¬ 
wäsche des Kranken oder seinen Decken sind zu Unter¬ 
lasten. 
6. Jede Staubentwicklung in der Wohnung und in der 
Arbeitsstätte ist auf das geringste Maß zu beschränken. 
Aus dem Raum, in dem sich der Kranke hauptsächlich 
aufhält, sind daher möglichst alle unnützen Staubfänger, 
wie Polstermöbel, Portieren usw. zu entfernen. Alle 
Räume, in denen sich der Tuberkulöse aufhält, sind täglich 
feucht aufzuwischen. 
7. Die Spe,gefäße sind vorsichtig in den Abort, nicht 
in Ausgußbecken zu entleeren, hiernach auszukochen oder 
in eine desinfizierende Lösung einzulegen (siehe Anhang) 
und dann zu reinigen; jedes Verspritzen von Auswurf, 
z. B. durch Ausbürsten der Gefäße vor dem Kochen, muß 
sorgfältig vermieden werden. Nach der Reinigung des 
Speigefäßes gründlich die Hände waschen! 
8. Der Kranke soll sich häufig am Tage die Hände 
gründlich mit Seife waschen. Er soll seine Fingernägel 
und den Bart stets sauber hallen. Seine Kleidung und 
Betten sind so oft wie möglich zu sonnen, da das 
Sonnenlicht die Tuberkelbazillen in kurzer Zeit vernichtet. 
Die schmutzige Wäsche des Tuberkulösen, insbesondere 
seine Taschentücher, ist ohne vorherige Durchzählung in 
einem Wäschesack aufzubewahren und auszukochen; statt- 
desten kann sie auch nach Gebrauch in einen Eimer mit 
desinfizierender Lösung (siehe E.) eingelegt werden. 
9. Genaue Auskunft über die Desinfektion von Aus¬ 
wurf, Wäsche, Kleidern usw. und alles, was sonst für 
den Tuberkulösen und seine Familie wichtig ist, erteilen 
die Gesundheitsämter (Fürsorgestellen für Lungenkranke). 
10. Tuberkulöse, welche die genannten Vorsichtsma߬ 
regeln sorgfältig und gewisienhaft befolgen, gefährden 
die gesunden Menschen nicht. Man braucht also keine 
Angst vor ihnen zu haben und soll sich nicht von ihnen 
zurückziehen und ihnen ihr ohnehin schon schweres Leben 
dadurch noch schwerer machen. 
Diejenigen Tuberkulösen aber, welche die Vorsichts¬ 
maßregeln nicht befolgen, insbesondere beim Husten, und 
mit ihrem Auswurf unvorsichtig umgehen, sind schuld, daß 
immer wieder gesunde Menschen tuberkulös werden. An¬ 
steckende Kranke, die in schuldhafter Weise ihre Mit¬ 
menschen gefährden, können auf Grund der polizeilichen 
Bestimmungen zwangsweise in eine geschlostene Anstalt 
überführt und dort isoliert werden. 
11. Wegen der Gefahr der Ansteckung mit Rinder¬ 
tuberkelbazillen darf Milch in rohem Zustande nur ge¬ 
nosten werden, wenn sie aus sicher tuberkulosefreien 
R.nderbeständen stammt. Ist diese Voraussetzung nicht 
erfüllt, sollte grundsätzlich nur einwandfrei pasteurisierte 
Milch zum Trinken verwandt werden Wo pasteurisierte 
Milch nicht zu beschaffen ist, muß die rohe Milch in 
den Haushaltungen vor dem Genuß kurz abgekocht 
werden. Durch Pasteurisieren und Abkochen werden in der 
M.lch enthaltene Tuberkelbazillen und andere Krankheits¬ 
erreger vernichtet. 
Mütter, die ihren kleinen Kindern rohe Kuhmilch zu 
trinken geben, ohne zu misten, ob die Milch vpn sicher 
tuberkulosefreien Kühen stammt, handeln fahrlässig, weil s 
sie Gesundheit und Leben ihrer Kinder aufs Spiel seyen. 
II. Maßregeln zur Kräftigung des Körpers. 
Neben einer strengen Beachtung der im vorhergehenden 
Abschnitt angeführten Maßnahmen der Ansteckungsver¬ 
hütung ist es für den, der sich vor der Tuberkulose 
schützen will, unerläßlich, den Körper so zu kräftigen und 
abzuhärten, daß der Tuberkelbazillus ihm möglichst wenig 
Schaden zufügen kann. 
1. Die Nahrung sei einfach und kräftig. Zu vermeiden 
ist jeder Tabakgenuß und der Mißbrauch von Alkohol. 
Ausschweifungen jeder Art haben zu unterbleiben. 
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