Full text: 68.1940 (0068)

Oer letzte Kohlenbrenner unserer Heimat n. lock.m* 
Holzkohlen auS den Wäldern der Saar waren lange 
Jahre hindurch sehr begehrt. Die Metallindustrie der 
Saar benötigte sie wegen ihrer großen, dem Koks ähn- 
lichen Heizkraft. Die chemische Industrie hatte und hat 
auch heute noch vielfache Verwendungsmöglichkeiten da- 
für, weil diese Kohle die Eigenschaft besitzt, große Men¬ 
gen von Gasen, Dämpfen und Farbstoffen aufzusaugen, 
auch die Fähigkeit hat, zu entfärben und zu desinfizieren. 
Holzkohle liefert als Nebenprodukte Esiigsäure, Methyl¬ 
alkohole und Holzteere, die besonders für die Farben¬ 
industrie ein sehr wichtiges Rohmaterial darstellen, na¬ 
mentlich die an Kalk gebundene Esiigsäure. 
Die Holzkohle wurde in unseren Wäldern durch die 
sogen. Meilenköhlerei gebrannt. Heute geschieht dies der 
Hauptsache nach fabrikmäßig in Retorten, die von hei¬ 
ßem Wasierdampf erhitzt werden, um auch die Neben¬ 
produkte der Holzkohle zu gewinnen, die bei der Meilen¬ 
köhlerei ganz verloren gehen. Letztere ist darum am Ab¬ 
sterben. Aus den Wäldern an der Saar ist sie schon ganz 
verschwunden. Vereinzelt findet man sie noch im Hoch¬ 
wald. Der Kohlenbrenner oder Köhler, d. i. der Mann, 
der die Kohle brennt, ist aber auch hier auf den Aus¬ 
sterbeetat gesetzt, weil seine Art, Holzkohlen zu brennen, 
nicht wirtschaftlich genug ist und deshalb dem Vierjahres¬ 
plan widerspricht. 
Die Meilenköhlerei brennt die Holzkohle aus harz¬ 
freiem, wenig saftreichem Holz, das sich als Nutzholz nicht 
eignet, aber eine vorzügliche, glanzlose, poröse Kohle lie¬ 
fert, Eigenschaften, die für ihre erfolgreiche metallurgische 
und chemische Verwendung sehr wichtig sind. Der Meiler 
wird auf einem kreisförmigen, ebenen Platze aufgebaut. 
Das Knüppelholz wird Stück für Stück um eine Mittel¬ 
achse, den sog. Quandelschacht, nebeneinander gestellt, oft 
in zwei, drei Schichten übereinander, nach oben spitz zu¬ 
laufend, so daß eine Art Halbkugel entsteht. Um die 
Luft von außen dicht abzuschließen, wird der Holzhaufen 
mit Rasen und einem Gemisch von Erde und feuchtem 
Kohlenstaub bedeckt. Der Meiler muß von oben nach 
unten brennen, nicht umgekehrt, weshalb das Feuer oben 
in den Mittelschacht auf leicht entzündbare Gegenstände 
geschüttet wird. Luftlöcher, deren Zahl sich nach der 
Größe des Meilers richtet, sorgen für innere Zufuhr sauer¬ 
stoffreicher Luft, die zur Verkohlung nötig ist. Entströmt 
diesen Luftlöchern blatier Dampf, so ist das Holz bis zu 
dieser Stelle vorschriftsmäßig verkohlt. Brennt die 
Flamme nach außen durch, so muß der Köhler eiligst weh¬ 
ren, da dies den Verkohlungsprozeß stört und schädigt. 
Er muß deshalb, namentlich wenn er zwei, drei Meiler 
gleichzeitig im Brand hat, Tag und Nacht auf den Bei¬ 
nen sein. Je mehr der Meiler in sich zusammensinkt, desto 
weiter ist die Verkohlung vorgeschritten. Nach der Er¬ 
kaltung wird die Holzkohle in Körben, die so lang wie 
der Wagen und mannshoch sind, verladen und zur ver¬ 
arbeitenden Industrie abgefahren. Die Buben in den 
Dörfern, durch die die Wagen kommen, freuen sich, wenn 
sie überbeladen sind und möglichst viele Stücke herab¬ 
fallen, die auf dem Steinpflaster wie Glas klingen. Sie 
schmecken chnen „wie Zucker und Sirup". Unbewußt tun 
sie ihrer Gesundheit damit auch etwas Gutes, denn Holz¬ 
kohle saugt allerlei schädliche Säfte aus den Verdauungs¬ 
organen auf, weshalb sie auch in der Medizin eine große 
Rolle spielt. Frisch angestrichenen Hausfronten sind diese 
verlorenen Holzkohlen allerdings nicht nützlich, denn die 
Dorfbuben machen damit ihre ersten Zeichen- und Mal¬ 
versuche daran. 
Kohlenbrenner oder Köhler kann noch lange nicht jeder 
spielen. Dieses Handwerk will gelernt sein. Schon der 
zweckmäßige Aufbau eines Meilers ist ein kleines Kunst¬ 
stück, die richtige Anbringung der Luftlöcher oder Kanäle 
noch mehr. Der Meiler — in der Regel sind es zwei oder 
drei in näherer oder größerer Entfernung — erfordert die 
stete Aufmerksamkeit des Köhlers. Er muß bei Tag und 
bei Nacht auf dem Platze sein, um schadhafte, durch¬ 
gebrannte Stellen der Decke des Meilers wieder abzu¬ 
dichten, auch, um die Gefahr eines Waldbrandes im 
Keime zu ersticken,, denn die Meiler werden mitten im 
Walde errichtet, damit das Holz nicht weit geschleppt zu 
werden braucht. Die richtige Verkohlung des Holzes er¬ 
fordert eine genaue Kenntnis der Vorgänge im Innern 
des Meilers. Von der Beobachtungsgabe und Erfah¬ 
rung des Köhlers hängt es ab, ob am Schluß ein Häuf¬ 
lein Asche oder gutgebrannte Holzkohle vorliegt, wenn die 
Rasendecke des Meilers abgeräumt wird. 
Mit dem Verschwinden des Köhlers und seiner Meiler 
aus den Wäldern an der Saar hat ein Waldidyll sein 
Ende gefunden. Wer allerdings erstmalig bei einem abend¬ 
lichen Spaziergange durch den Herbstwald unvermutet 
auf den Köhler stieß, dem konnte leicht der Schreck in die 
Glieder fahren. Er konnte zu dem Glauben kommen, der 
„leibhaftige Gottseibeiuns" stünde vor ihm, denn der 
Köhler ist entsprechend seiner Beschäftigung mit den 
schwarzen, leicht abfärbenden Holzkohlen ein „schwarzer 
Mann" von der Fußsohle bis zum Scheitel. Nur das 
Weiße der Augen leuchtet gespenstisch aus seinem Ge¬ 
sicht. Sonst aber ist der Kohlenbrenner eine gemütliche 
Haut, was jeder bestätigen wird, der einmal in seiner 
Köhlerhütte, die einem Indianerwigwam gleicht, bei ihm 
zu Gast war. Der Kohlenbrenner muß wegen seiner steten 
Dienstbereitschaft neben dem Meiler wohnen. Er baut 
sich deshalb dorthin eine Hütte aus Baumstämmen, deren 
Wände er mit Laubästen und Rasen bedeckt und mit 
Moos bedichtet. Rund um die Hütte laufen im Innern 
laub- und moosgepolsterte Lagerstätten und Sitzgelegen¬ 
heiten. In der Mitte steht ein aus Steinen errichteter 
Herd oder ein kleiner Ofen, ein sog. Pferdekopf, in dem 
die Holzscheite lustig flackern. Der Köhler ist aus langer 
Übung heraus ein Meister der Eintopfgerichte. Seine 
Erbsen- und Linsensuppe mit Speck ist ein Leckerbissen, 
besten man sich noch lange unter Zungenschnalzen erinnert. 
Die Tiere des Waldes sind seine Freunde. Hirsch und 
Reh kommen in abendlicher Stille bis vor seine Tür, und 
die Eichhörnchen sah ich oft seine Knie hinaufklettern, um 
auf seinem Schoß die Rüste aus seiner Hand zu futtern. 
DaS Bogelkonzert, das er morgens in der Frühe und 
abends vor dem Schlafengehen kostenlos von seiner Hütte 
aus hört, ist ein unvergeßlicher Genuß. Unvergeßlich 
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