Full text: 67.1939 (0067)

Zur zweiten Dampfmaschine ließ Reden nur 
noch den Zylinder aus England kommen. Alles 
übrige entstand auf der eigenen, neuerrichteten 
Maschinenfabrik Malapane, und dem ihr folgen¬ 
den Werk in Gleiwitz. Die dritte und viele 
andere Maschinen wurden bis zur letzten Niete 
auf diesen beiden Hütten geschaffen und zum 
Teil über- die Grenzen des Staates abgesetzt. 
Die Feuermaschine wurde, wie die damaligen 
Hochöfen, mit Holzkohle geheizt. In ihrer wach¬ 
senden Zahl und Größe fraßen die Maschinen 
die Wälder und drohten auch dem Holzreichtum 
Oberschlesiens Gefahr. Diese Erkenntnis zwang 
zur Erschließung des Steinkohlenberg¬ 
baus. Man ahnte damals noch nicht den unge¬ 
heuren Reichtum an Kohle im oberschlesischen 
Raum. Wohl war dieser Brennstoff schon seit 
langem bekannt, wurde aber nur von den 
Schmieden gebraucht. Die Waldbesitzer fürchteten 
den Wettbewerb und die Bewohner die giftigen 
Gase der Kohle. Zudem war Holz leichter und 
billiger zu erwerben. 
Reden ließ sich nicht aufhalten. Zwischen 1790 
und 1800 wurden die Grube König und darauf 
Königin Luise als Staatswerke in Betrieb ge¬ 
setzt. Reden wollte vom Waldbesitz unabhängig 
werden und billiger wirtschaften. Nach langer 
Mühe gelang es ihm auch, aus oberschlesischet 
Kohle einen tragfähigen Koks für Hochöfen her¬ 
zustellen. 1796 wurde auf der Gleiwitzer Hütte 
derer ft eHochofenmitKoksfeuerung 
auf dem europäischen Festlande angeblasen. 
Andere folgten bald danach auf der jungen 
Königshütte. Eine bedeutende private Eisen¬ 
industrie dicht neben den Kohlengruben entstand 
nach dem Vorgang des Staates, nachdem er selbst 
die Kinderkrankheiten überwunden und bezahlt 
hatte. Die Namen Borsigwerke, Laura-, Bis- 
marckhütte-, Jalva-, Donnersmarck-, Julien-, 
Friedenshütte u. a. haben in der deutschen Eisen¬ 
erzeugung eine wichtige Rolle gespielt. 
7. Die oberschlesische Steinkohle 
Der Hauptreichtum des Landes aber wurde 
und blieb die Steinkohle. Tiefbohrungen bis 
über 2200 Meter haben die Flöze als fast uner¬ 
schöpflich festgestellt. Nach Frech, „Die Kohlen¬ 
vorräte der Welt" enthält das ungeteilte Ober¬ 
schlesien über 52 v. H. des gesamten deutschen 
Steinkohlenvorrats bis 1200 Meter Teufe. Man 
schätzt die Vorräte Oberschlesiens auf insgesamt 
166 Milliarden Tonnen, wovon 113 Milliarden 
bauwürdig sind. Der Bestand bis 1200 Meter 
Teufe würde, falls auch die Jahresförderung von 
13 Millionen Tonnen im Jahre 1913 noch ent¬ 
sprechend anstiege, rund 1200 Jahre ausreichen. 
Noch erheblich länger, wenn die tieferen Flöze 
dazukämen. Kein anderer Bezirk Europas birgt 
solchen Reichtum, dazu noch die wertvollen Erz¬ 
lager. 
Gleich günstig sind die Lagerungsverhältnisse. 
Im westlichen Teil des Kohlenbeckens gelten 124 
Flöze mit 172 Meter Kohle, im östlichen 30 Flöze 
mit 62 Meter als bauwürdig. Einzig stehen die 
6 Sattelflöze mit 27 Meter Kohle da. Sie strei¬ 
chen in breitem Zuge von Hindenburg über Kat- 
towitz nach Myslowitz. An einzelnen Stellen 
erreichen diese Flöze, das Rückgrat des gesamten 
oberschlesischen Kohlenbergbaues, eine Mächtig¬ 
keit von 9 bis 12 Meter, für die Massenförderung 
ein Vorteil, aber auch sehr gefährlich und kost¬ 
spielig, weil die großen Hohlräume versetzt oder 
verspült werden müssen. Andererseits sind starke 
Sicherheitspfeiler zurückgelassen und hohe Scha¬ 
denersatzansprüche zu befriedigen. Der Abbau in 
solch hohen Pfeilern gilt als das Meisterstück des 
oberschlesischen Bergmanns. 
Der gesamte Abbau bewegt sich vorzugsweise 
in flacher Lagerung und heute noch in Teufen bis 
etwa 600 Meter. Sie ersparen hohe Kosten für 
Schachtanlagen, Ausbau, Förderung, Wasserhal¬ 
tung usw., haben geringeren Gebirgsdruck und 
kleinere Temperaturen. Zudem sind die Baue mit 
wenig Ausnahmen schlagwetterfrei; man fährt 
mit offenem Geleucht und darf die Pfeife rauchen. 
Der Abbau ergibt einen größeren Stückkohlen¬ 
anfall als in anderen Bezirken. Dadurch wächst 
die Marktfähigkeit der oberschlesischen Kohle; sie 
ist im Handel beliebt, weil alle Korngrößen nach 
Wunsch vorhanden sind. 
Dem stehen auch manche Nachteile und Gefahren 
gegenüber: das Deckgebirge ist oft sehr gebräch; 
Stein- und Kohlensall bedrohen den Bergmann 
schwer. Die Kohlenstaubexplosionen sind mit 
Erfolg eingedämmt, dagegen ist der Gruben¬ 
brand in den mächtigen Hohlräumen ein gar 
schlimmer Feind und wird auch durch den Spül¬ 
versatz nicht restlos beseitigt. Die stark zusetzenden 
Wasser bereiten auch heute noch manche Sorgen 
und Kosten. Ein Vergleich: in Rheinland-West¬ 
falen rechnet man je Tonne Förderung mit 2 bis 
8 cbm Wasserzufluß, in Oberschlesien mit 14 bis 
44 cbm. 
Vor dem Kriege wurde in 63 Kohlenwerken 
Oberschlesiens gefördert. Sie gehörten 23 Be¬ 
sitzern, an deren Spitze der Preußische Staat 
stand. Die Förderziffern waren im letzten Jahr¬ 
hundert durch den Anstieg der Wirtschaft erst 
langsam, dann sprunghaft gewachsen. Die erste 
Eisenbahn um 1840, der Krieg 1870/71 brachten 
starke Auftriebe, dann eine steile Kurve auf¬ 
wärts bis zum Weltkriege. Betrug die Ober- 
schlesische Förderung 1871. etwa 6 Millionen, so 
erreichte sie 1886 bereits 12X>, 1901 25 und 
1913 gar 43 Millionen Tonnen. Man sprach von 
amerikanischem Wachstum. 
Und die Bergleute: Bei Beginn der Arbeit des 
großen Königs verfolgten sie sein Werk mit 
einigem Mißtrauen. Die dunkle Tiefe schreckte 
sie; die Erinnerung an die Vergangenheit war 
verblaßt. Doch die Lehrmeister aus dem Reich 
verstanden es, sie heranzuholen, Vertrauen und 
verständige Mitarbeit zu gewinen. Dann zeigte 
sich, daß die bewegliche Art des Oberschlesiers sich 
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