Full text: 67.1939 (0067)

Der oberschlesische Bergbau und seine Menschen 
Von Robert Kurpiun 
1. Aelteste Zeit: 
Die erste Kunde vom oberschlesischen Bergbau 
— auf Eisenerz — geht in die graue Vorzeit 
zurück. Zahlreiche Ausgrabungen aus jüngster 
Zeit beweisen, daß die Kunst der Eisengewinnung 
schon lange vor Christi Geburt im Lande geübt 
wurde und beachtliche Leistungen brachte. Da¬ 
mals bewohnte Schlesien über seine Ostgrenzen 
hinaus neben anderen Germanen der starke 
Stamm der Vandalen. Die Grabfunde beweisen, 
daß sie sich nicht nur selbst auf beträchtlicher 
Kulturhöhe befanden, sondern auch in lebhaftem 
Handelsaustausch mit den Kulturvölkern am 
Mittelmeer befanden. Die belebte Handelsstraße 
von dort führte über Wien das Marchtal hinauf 
durch die Mährische Pforte in das obere Oder¬ 
tal, stromab über Breslau, dann östlich zur 
Weichsel und diese hinab zur Ostsee bis in das 
Bernsteinland Ostpreußen. 
Ums Jahr 400 n. Chr. trieb die Völkerwan¬ 
derung die Vandalen aus ihren Sitzen. Nur 
wenig Volk blieb zurück. Der Hauptstrom wälzte 
sich gen Westen und Süden durch Frankreich und 
Spanien, wo die Vandalen dem Lande Anda¬ 
lusien ihren Namen gaben. Dann setzten sie über 
die Meerenge Gibraltar nach Nordafrika über 
und gründeten unter Geiserich ein machtvolles 
Germanenreich. Hundert Jahre später, 534, ging 
es unter, weil die Vandalen durch das heiße 
Klima erschlafft und durch fremde Blutmischung 
entartet waren. 
2. Völkerwanderung und Rückkehr 
In die nur spärlich besiedelten Länder beider¬ 
seits der Sudeten — Schlesien und Böhmen — 
rückten etwa ums Jahr 600 aus den weiten 
Ebenen des Ostens slawische Völker, Polen und 
Tschechen, ein, vermischten sich mit den Resten der 
Germanen und sogen deren Minderzahl auf. 
Wirtschaft und Kultur stockten. Sie hoben sich erst 
wieder, als im 12. und 13. Jahrhundert die 
Deutschen, von einem starken Kaiserstaat getra¬ 
gen, die im Osten verlorenen Gebiete — meist rn 
friedlicher Arbeit, wie in Schlesien, oder mit 
Waffen, wie in Preußen — zurückzuholen be¬ 
gannen. Jahrhunderte flutete das „Nach-Ostland- 
Reiten",ständig vorwärtsdrängend und schaffend. 
Mitunter gab es Rückschläge: der Hussitenkrieg 
und das erste Tannenberg 1410. Doch die Ecksäu¬ 
len Oesterreich und Ostpreußen, sowie die Mitte 
Schlesiens überdauerten alle Stürme. Der Strom 
deutscher Siedler aus sämtlichen Gauen des 
Reiches ebbte nicht ab, drang tief nach Polen 
vor und über die Karpathen bis an die Tore 
Rumäniens. Schlesien wurde wieder deutsch, das 
ansässige Volk, in dem unbewußt jener Rest deut¬ 
schen Blutes schwebte, durch die höhere Leistung 
der germanischen Siedler zu deren Volkstum 
hereingeholt. Naturgemäß vollzog sich die Ein¬ 
schmelzung im Zuge von Westen nach Osten. 
Tschechisch wurde zuletzt in Schlesien nur noch in 
wenigen Dörfern des Kreises Ratibor, polnisch 
im südöstlichen Grenzstreifen rechts der Oder als 
Hauptsprache gebraucht. Doch verstand jedermann 
deutsch, fühlte meist auch so. 
3. Die erste Blüte des Bergbaus um Beuthen 
Der deutsche Wiederaufbau im 12. und 13. 
Jahrhundert brachte auch den vergessenen alten 
Bergbau wieder zu Ehren. Er beschränkte sich zu¬ 
erst auf Erz, das in reichen Adern in den Hängen 
und Flußtälern der Sudeten, in noch mächtigeren 
Lagerstätten in Oberschlesien gesunden wurde. 1 
Im Sudetengau schürfte man nicht allein auf 
Eisen, Kupfer, Blei und Zink, sondern auch auf 
Silber und Gold. Die Namen der Städte Silber¬ 
berg und Eoldberg zeugen davon. Was das Mit¬ 
telalter über die reiche Ausbeute Niederschlesiens 
berichtet, grenzt ans Fabelhafte. Heute sind die 
Lager meist erschöpft, die Betriebe geschlossen. 
Erft das Dritte Reich versucht, in planmäßiger 
Bodenforschung jene alten Quellen wieder zu 
öffnen. 
Im Mittelpunkt des oberschlesischen Bergbaues 
jener Zeit stand das „Goldene Beuthen". Die 
Stadt wurde im Jahre 1254 von deutschen Berg- ! 
leuten zu deutschem Recht gegründet. Man för¬ 
derte dort neben geringem Eisen- sehr reiche 
Zink- und Bleierze, die ersten als roten Galmei, 
die andern meist als silberhaltigen Bleiglanz. 
Die ältesten bergmännischen Urkunden stammen 
aus den Jahren 1136 und 1247. Wie sehr die 
reichen Bodenschätze Beuthens auch andere Lieb¬ 
haber reizten, geht urkundlich daraus hervor, j 
daß die Stadt und ihr Umkreis von 1369 bis 
1477 nach blutigem Streit unter die beiden 
Kleinfürsten aufgeteilt wurde. Zersplitterung 
trat ein, Haß und Krieg folgten; die Kaisermacht 
lag am Boden. Tschechen und Polen wollten ihre 
Grenzen verschieben. Der Bergbau, der bei Ein¬ 
dringen in die Tiefe auf große Wassermengen 
stieß und sie nicht bewältigen konnte, ging zurück 
und erlosch. Viele deutsche Bergmannsfamilien 
verließen da das Land. 
4. Der alte Bergbau bei Tarnowitz 
Anderthalb Jahrhunderte ruhte der Bergbau 
um Beuthen, bis er zu Anfang des 16. Jahr¬ 
hunderts, mit dom Auftreten der Hohenzollern in 
Oberschlesien, seinen zweiten Aufstieg erlebte. 
Diesmal bei Tarnowitz. Markgraf Georg der 
Fromme von Brandenburg-Kulmbach erwarb die 
Herrschaft Beuthen—Tarnowitz. Aus seiner frän¬ 
kischen Heimat im Fichtelgebirge mit dem Berg¬ 
bau wohl vertraut, schürfte er auf Grund alter 
Ueberlieferungen und ließ fränkische Bergleute 
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