Full text: 66.1938 (0066)

sen Kemenate empor, und: „Wo fehlts?" 
Ist erst erstaunt, als das Katchen ihm ant¬ 
wortet: „Rirjends, Herr Dokder! —Ich Hann 
nure seit drei Monat meine Lohn nit tritt 
un jetzt schtehn ich nit ehr uff, biß ich mei 
Mubbee Hann!" Dann aber ermannt er sich 
und sagt: „Rick mol e bisje, mei Madche, 
dann leje ich mich bei dich — vielleicht kriehn 
ich dann meins aa!" 
Auch als Zahnbehandler genoß er einen 
hervorragenden Ruf. Aus welchem Grunde 
ihn auch eines bekannten Knappen Frau auf¬ 
sucht. Wie üblich, mit der nötigen Menge 
Angst in der Hose. Wimmernd sitz sie auf dem 
bekannten Folterstuhl, läßt sich willig in den 
Mund gucken und den Zahn befühlen. Wie 
er aber die Zange ansetzt und mit dem harten 
kalten Stahl der Frau an den kranken Zahn 
kommt, übermannt die Angst alle menschlichen 
Gefühle und — was man nicht in der Hand 
hat, muß man eben fahren lassen — sie explo¬ 
diert. Mit hörbarem Geräusch. Und Meister 
Langguth, der ebensowohl Meister Langmut 
heißen könnte, unterbricht seine Arbeit, lächelt 
freundlich und sagt — diesbezüglich — „So, 
der wär als schunn emol eraus!" Worauf 
die gute Frau ihr Gejammer — eine schmerz¬ 
lose Sache, denkt sie — unterbricht und aus 
tiefstem Herzensgründe erlöst seufzt: „Gell, 
Herr Dokder, n'ier wickle ne mr e bisje in!" 
Wie er mal spät nachts — man will doch 
mal ausspannen — selbstredend mit einer 
etwas starken Schlagseite nach Hause kommt, 
wird er noch schnell von einer sehr außen¬ 
seitigen Patientin verlangt. Er macht sich 
auch, wie das seine Pflicht ist, dahin auf den 
Weg, setzt sich zu ihr ans Bett und nimmt 
gewohntermaßen ihren Arm in die Hand, den 
Puls zu fühlen. Kann diesen aber in seinem 
Zustand im ersten Moment nicht finden und 
sagt brum halblaut,mehr zu sich selbst: „Wahr¬ 
haftig besoffen!" — worauf die Patientin 
ihm schämig zuflüstert: „Stimmt — hick — 
lieber Doktor — aber, gelt, bitte — hick — 
verraten Sie mich nicht!" 
Ein andermal wird er zu einem Herzkranken 
bestellt, bei dem er kaum den Puls zwischen 
den Fingern, sofort merkt, daß der auch — 
wie man so sagt — einen sitzen hat, zählt 
drum: „— drei — vier — finef — unterbricht 
sich: Ihr saufe zuviel! — zählt weiter: zehn — 
elef — zwelef — !" Aber der gute Mann ver¬ 
teidigt sich und sagt: „U-u-n — so — viel — 
kss — kss — wares — a-awwer fein nit! — 
Jje! — Ru-ure siwwe Halwe u-un drei 
Knuppe!" 
Weil wir nun aber mal — wie immer bei 
solchenGelegenheiten—bei der edlen Sauferei 
angelangt sind, so soll auch jene Sache nicht 
vergessen sein, die ihm mal mit seiner Frau 
vorgekommen ist. 
Also, das war so! Im Kasino wars mal 
wieder sehr schön gewesen und die Sitzung 
hatte mal wieder einen langen Verlauf ge¬ 
nommen, so daß er mit Recht fürchtete, daß 
seine, um sein Wohl sehr besorgte Frau, ihm 
dieserhalb die schwersten Vorwürfe machen 
würde! Und da er — wem gehts nicht genau 
so? — schon alle Vorräte an den üblichen 
Ausreden erschöpft hatte, so verfiel er auf den 
Gedanken, sich im Vorzimmer bereits zu ent¬ 
kleiden, und im allertiefsten Negligé — so, 
als sei er lange zuhause gewesen—das eheliche 
Schlafzimmer zu betreten. Gesagt, getan! — 
Und so wär ihm auch die List gelungen, hätte 
er nur nicht eine ganz geringfügige Kleinig¬ 
keit übersehen. Wie nämlich seine teure Ehe¬ 
hälfte ihr reizendes Augenpaar aufschlägt 
und im Scheine des angeknipsten Rosalichtes 
ihren Herrn und Gebieter in diesem Aufzuge 
vor seinem Bette herumtorkeln sah, wußte die 
genau, was die Glocke geschlagen. Und ihr 
Rosenmund spitzte sich zu einem süßen Lächeln 
und frug: „Ei, wo kummscht du dann her?" 
— Worauf er seelenruhig erwiderte: „Ich? 
ich? — Ei, ich war nure ewe grad emol 
enaus! O, ich Hann nämlich eso Leibweh ge- 
hatt!" — Da erscholl ein silberhelles Lachen 
in den geheiligten Räumen des doktorlichen 
Schlafgemaches und kichernd und pustend 
frug die gute Frau Doktorin ihren darob ent¬ 
geisterten Gatten: „Und deshalb ziehst du dir 
noch erst Kragen und Schlips an? Und stülpst 
den Zylinderhut auf dein bemoostes Haupt?" 
Bei einer sehr lebhaften Patientin half er 
sich auf folgende Weise: „Bitte", sagte erst er, 
ehe sie zum Wort kam, „zeigen Sie mir mal 
ihre Zunge!" Die Patientin gehorcht und er 
setzt sich an den Schreibtisch und schreibt sein 
Rezept, ohne sich weiter um die Dame zu 
kümmern. Wie er damit fertig ist, überreicht 
er ihr den Zettel. — „Ja" — frägt die dann 
erstaunt — „aber Herr Dokder, Sie haben 
ja noch gar nicht meine Zunge gesehen!" wo¬ 
rauf er in seiner gewohnten Ruhe erwidert: 
„Ist auch gar nicht notwendig! — Ich wollte 
nur, daß Sie so lange den Schnabel hielten, 
bis ich mit meinem Rezept fertig war!" 
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