Full text: 66.1938 (0066)

Von Dieter von der Schulenbnrg 
Wie die Viftra-Faser entsteht 
Ein Werkbesnch in Premnitz 
Ganz in der Nähe von Rathenow, etwa 
der Hälfte der nach Brandenburg weiterführen¬ 
den Straße, liegt das Dorf Premnitz. Hohe, 
rauchende Schlote, weitläufige Werkanlagen, 
Hallen, Säle und Verladeschuppen mit Prähmen, 
Eisenbahngleisen, Heizräumen und Kesselhäusern 
mit gewaltigen Rohrleitungen von der vielfachen 
Dicke einer Pythonschlange weisen schon von wei- 
Aus der Zellwoll-Herstellung: 
Blick in einen Zerfaserer 
Foto: Vistra-Archiv (Peterhans) 
tem den Weg und verraten nach wenigen Minu¬ 
ten, wo man sich befindet. 2m Musterzimmer 
steht man zunächst betroffen vor der unerhörten 
Fülle und Vielseitigkeit des Materials, das hier 
in Premnitz, wenigstens im Rohstoff hergestellt 
wird. 
Da liegen auf langen Tischen Damenstoffe 
aller Art, Unterwäsche, Strümpfe, namentlich 
Damenstrümpfe von einer Feinheit und Weich¬ 
heit der Seidenqualität, daß sie sich wie Oel an¬ 
fassen. Da befinden sich schwere Anzugstoffe auf 
den Tischen, stärksten Strapazieranforderungen 
gewachsen, wie für Militärzwecke, Arbeitsdienst 
usw. Da sind ferner Mischstoffe mit Leinen oder 
Kunstseide, Wollstoffe unter Zusatz von TT- 
Faser hergestellt, die nach einem neuen Verfahren 
erzeugt wird. Und es ist eine prächtige, eben¬ 
falls ganz weiche Wolle, die an Hasenwolle oder 
Kamelhaar erinnert, an das bekannte Angora- 
Kasha etwa, dem Tierprodukt nicht nachstehend. 
Um so wirkungsvoller aber ist die Erklärung, 
baß schon 25 vH. Zusatz von Vistrafaser zu den 
in Deutschland verarbeiteten Baumwollmengen 
und Wollmengen eine Devisenersparnis von 100 
bis 200 Mill. RM. ausmacht. Sehr interessant 
ist auch, daß die Vistrafaser schon früher zu 
Millionen Kilo nach Amerika ging. Das seiner¬ 
zeitige Abgehen der angelsächsischen Länder vom 
Goldstandard hat die weitere Entwicklung dieses 
deutschen Absatzgebietes gehemmt. Bezeichnend 
ist aber die Tatsache, daß ein Land wie die 
Vereinigten Staaten, das selbst Baumwolle als 
natürlichen Rohstoff im Ueberfluß besitzt, das 
nächst Aegypten und wenigen anderen Gebieten 
auf der Erde Anbau- und Hauptausfuhrland von 
Baumwolle ist, Vistrafaser von uns bezog. Der 
Bedarf nach ihr wächst drüben stetig, so daß man 
dazu übergegangen ist, sie dort selbst herzustellen. 
Die erste Anregung, eine Faser künstlich zu er¬ 
zeugen, gab 1734 Reaumur. Anfang der 80er 
Jahre gelang es dann dem Grafen Chardonnet, 
Kunstfäden fabrikmäßig herzustellen, die er „künst¬ 
liche Seide" nannte. Verbesserungen folgten, bis 
die vier Hauptverfahren: das Nitrat-, Kupfer-, 
Viskose- und Acetatkunstseideverfahren großtech¬ 
nisch zur Durchführung gelangten. Allen ist das 
gleiche Grundmaterial, die Zellulose, zu eigen, 
die man entweder in Form von Linters (d. h. 
Baumwollfäden) verwendet oder aus dem Fich¬ 
tenholz, neuerdings sogar aus der Rotbuche, ge¬ 
winnt. Das Holz wird geschält, von Aesten be¬ 
freit, naß geschliffen und mit Sulfitlauge gekocht. 
2n großen Papvtafeln kommt es dann zur Ver¬ 
arbeitung in Vistrafaser. 
Zur größten praktischen Bedeutung gelangte 
das Viskoseverfahren, das die Engländer Croß, 
Aus der Zellwoll-tzerstellung: Lösekessel 
Foto: Vistra-Archiv (Peterhans) 
Bevan und Beadle entdeckten. Nach diesem wird 
auch in dem großen Werk von Premnitz gearbei¬ 
tet. In der „Lagerei" sehen wir zunächst die 
mächtigen Stapel der weißen Pappe, die Zellu¬ 
lose, wie sie hier angeliefert wird. Mit Aetz- 
natronlauge behandelt, wird sie zu Natronzellu¬ 
lose. Stapel für Stapel, auf Karren herbei¬ 
geschafft, wandert so in die lange Reihe eiserner, 
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