Full text: 66.1938 (0066)

wesen. Solange die Sicht hielt, war ich ge¬ 
rettet; denn durch das Glas konnte ich beob¬ 
achten, daß man mich entdeckt hatte und mir 
zuwinkte. Nach zwei Stunden hatte ich die 
Hütte erreicht, wo ich mich von den Strapazen 
des ersten Tages rasch erholte. Man riet 
mir hier von allen Seiten von einem wei¬ 
teren Aufstieg als Alleingänger ab, warnte 
mich vor fast unüberwindlichen Spalten und 
erzählte mir, daß in der oberen Hütte bei 
4500 Meter schon viele Bergsteiger bergkrank 
geworden und gestorben wären. Doch nichts 
konnte mich von dem einmal gefaßten Plan 
abbringen, selbst nicht das edle Anerbieten 
eines zufällig dort eingetroffenen Herrn 
Kaiser aus Homburg (Saar), welcher mich 
bereitwilligst einlud, an seiner Seilschaft mit 
zwei Bergführern teilzunehmen. Ich w o l l t e 
den Berg erzwingen und mußte ihn des¬ 
halb bezwingen. 
Mitternacht lag über der Hütte, der Voll¬ 
mond lachte durch ein kleines Fenster in mein 
Gesicht und die Firnkronen leuchteten golden 
im Mondenschein. Schnell machte ich mich 
fertig und verließ lautlos die stille Hütte, 
damit mir keiner spurte; denn nachdem ich 
alle gutgemeinten Ermahnungen abgelehnt 
hatte, wollte ich unter keinen Umständen im 
Gängelbande anderer gehen. 
Es machte mir besonderen Spaß, für die 
ortskundigen Führer die Stiegen im Eise zu 
schlagen. 
Als ich mich einsam in der weißen, vom 
Vollmonde überstrahlten Bergesstille befand 
und das Flimmern der klaren Sterne in der 
eisigen Nacht betrachtete, überfiel mich eine 
sonderbare Stimmung. Wie ein Prinz in 
einem Märchen aus Tausend und einer Nacht 
kam ich mir vor, fern von aller Erdenschwere, 
in einer anderen, schöneren Welt. 
Doch rasch wurde ich aus meinen Träumen 
in die rauhe, kalte Wirklichheit zurückgerufen; 
denn harte Arbeit kann keine Träumer ge¬ 
brauchen. Die Temperatur betrug etwa 15 ° C 
unter 0 und ein leichter Wind kam auf. Der 
Schnee knirschte unter den Füßen und beim 
jedesmaligen Vorsetzen des Eispickels. 
Mit zunehmender Höhe stiegen auch die 
Schwierigkeiten und Beschwerden, welche 
durch den geringen Luftdruck verursacht wur¬ 
den. Das Herz pochte; doch rasten durfte ich 
nicht, sonst könnte mich die Führerpartie 
überholen und das wäre jetzt für mich das 
Schlimmste. Die 60 Pfd. auf dem Rücken wur¬ 
den immer aufdringlicher, aber auch vielleicht 
immer unentbehrlicher. Mit Schokolade und 
Eiskörnern erfrischte ich meinen Körper. 
Bald stellte sich rauher Wind ein und meine 
Nase blutete, wohl infolge der Anstrengung 
in dieser Höhe. Doch hier lernt man bald 
andere Sitten wie bei uns im Tiefland. Der 
Einfachheit halber und weil man hier oben 
andere Sorgen hat, wurde einfach mit dem 
Wollhandschuh an der Nase vorbeigewischt. 
Die Finger waren steif gefroren bei der 
Mordsarbeit in Schnee und Eis und der 
Atem war glühend heiß. Zu allen Strapazen 
schlug der Wind um zum schönsten Sturme, 
und jetzt begann ein Ringen mit dem weißen 
Herrscher, der oftmals weißer Tod genannt 
wird. Doch leicht sollte er es nicht mit mir 
haben, ich mußte über ihn siegen! 
Mit aller Ruhe nutzte ich das Gelände so 
aus, daß ich beim steilsten Anstieg den Wind 
im Rücken hatte und der Rucksack infolge¬ 
dessen gehoben und mir auf den Rücken ge¬ 
preßt wurde. Die Arbeit war merklich leich¬ 
ter, ich gewann stetig Höhe und mußte mir 
nur beim Ueberschreiten einer freien Fläche 
den Wind von der linken Seite gefallen 
lassen. 
Das Gesicht war im Eis erstarrt, der Kopf¬ 
schützer war ein Strumpf aus Eiskristallen 
geworden. Es war höchste Zeit, daß ich die 
Vallothütte in 4500 Meter erreichte. Zwar 
bot diese vergrößerte Hundehütte wenig 
Schutz, aber für Erschöpfte ist sie ein Palast. 
Etwas gegen den Sturm geschützt, konnte 
ich mich rasch erholen und in guter Verfassung 
der später eintreffenden Führerpartie ent¬ 
gegentreten. 
Die zweite Etappe war glücklich überwun¬ 
den; jetzt sollten die letzten 307 Meter ge¬ 
nommen werden! Da ich wieder bis hierhin 
zurückmußte, ließ ich alles Gepäck liegen und 
ging dann mit der jetzt von der Erschöpfung 
ausgeruhten Führerpartie im Sturm zum 
Angriff auf den Gipfel über. Meine frü¬ 
heren Bedenken gegen gemeinsames Auf¬ 
steigen waren leicht überwunden, da ja hier 
jeder auf sich s e l b st- gestellt war. — 
Was jetzt kam, war ein Kampf mit dem 
Element. Der Berg hatte sich schon ergeben, 
aber der eisige Sturmwind war wahnsinnig 
geworden. Die Kleider wurden durchblasen 
und der Körper wurde blau vor Kälte; es 
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